„Ick hab it kommen sehen!“

Uns ist da leider ein Fehler unterlaufen. Unter den vielen Einsendungen im Rahmen des Schreibwettbewerbs ist die Einsendung von Konstantin untergegangen. Seine Geschichte wird daher erst jetzt veröffentlicht. In Kürze wird sie auch bei der Abstimmung auftauchen.

Hier seine Geschichte:

1996 gab es einen Modetrend unter Berliner Gören wie mir: Dortmund-Schal oder Bayern-Schal. Das waren die beiden Mannschaften, die sich damals abwechselten im Gewinnen von Titeln. Und Meister fanden Sechstklässler schon immer cool. Doch Fussball hatte mich bis dahin gar nicht interessiert und ich fand diese ganzen wandelnden neongelben und neonpinken Opportunisten schrecklich. Je nachdem, ob grad Dortmund oder Bayern Meister wurde, waren die Kinder ein bisschen gelber oder ein bisschen roter. Und wieso überhaupt Dortmund und München? Wir lebten doch in der neuen Hauptstadt Deutschlands, das sollte man doch viel eher repräsentieren?
Meine Antwort auf das Schal-Thema damals: Schal ja. Fussball nein. Und so rannte ich als einziger Sprössling auf dem Schulhof im Alba Berlin Schal rum. Natürlich zog das die Konsequenz mit sich, als Dortmunder identifiziert zu werden. Klar, gelber Schal. Ist aber ne billige Kopie der Schal, ist ja gar kein Neongelb. So sinnlos wie es war den ganzen Rotznasen zu erklären, wer oder was Alba Berlin ist, so sinnlos wäre es für mich gewesen, zu erklären, wer Hertha BSC ist. Ich hätte es nämlich selber nicht gewusst. Zumindest zu diesem Zeitpunkt…
Irgendwann kam dann doch das Interesse für Fussball auf. Und dann auch richtig. Ab in den Verein „SG Prenzlauer Berg 1990 e.V.“, durchgesetzt zum Libero und die Sportbild aboniert. Und dann auf einmal steigt doch tatsächlich eine Berliner Mannschaft in die Bundesliga auf. Die Hertha. Aber wieso sollte ich die toll finden, die blöden Schnösel-Wessis?
Das Geschehen um diesen Verein wurde von mir aufmerksam, aber distanziert beobachtet. Als der damalige Freund meiner Mutter dann aber Tickets für das Spiel Hertha gegen Borussia Mönchengladbach in der Saison 1997/98 gekauft hatte, stellte ich für mich klar, dass es hier um die Representanz von Berlin und nicht nur von West-Berlin geht. Hab ich schon erwähnt, dass man in jungen Jahren doch recht opportun ist?
Dann gab es in der Sportbild auch noch diese schicke Herthaplakat mit allen Spielern. Mit Axel Kruse und Micha Preetz über dem Bett träumte ich meinem ersten Hertha-Spiel entgegen. Meine Vorfreude war geweckt und ich wollte die Hertha siegen sehen. Also ging es am 10. 08. 1997 zum ersten Mal in meinem Leben ins Olympiastadion.
Rund 51.000 Leute waren im Stadion, was für so einen Steppke natürlich schon beeindruckend ist. Und dann auch noch La-Ola-Wellen, das war ja wie bei der EM im Fernsehen ein Jahr zu vor!
Wir hatten sehr gute Plätze auf der Haupttribüne, was mich daran jedoch störte: keiner machte dort diese verdammte Welle mit. Ich ließ mir das aber nicht nehmen. Mein Klassenkamerad, der wohl mit seinem Vater in der Ostkurve war, fragte mich dann in der Woche darauf: „Ach Du warst das, der da als einziger aufgesprungen ist?“
Ja, das war ich. Mit der festen Einbildung, mit meinem überschwänglichen Einsatz die Stimmung im Stadion am Leben gehalten zu haben konnte ich auch viel besser über das gesehene Spiel hinweg kommen. Ich wusste da noch nicht, dass der süß-saure Geschmack, den ich nach dem Spiel hatte, das ist, was für mich die alte Dame ausmacht: Dass sie zu Berlin gehört wie Berlin zu ihr.
Hätte ich auf Fussballdaten.de nicht noch mal nachgeschaut, wüsste ich auch nicht mehr, wer damals gespielt hat. Tut aber auch nichts zur Sache, in meiner Erinnerung lief das Spiel wie folgt ab: Super-Stimmung, ganz Berlin findet die Hertha toll, erste Halbzeit, zack, 1:0, óle, óle.
Zweite Halbzeit: Berlin fährt ab auf Hertha, Hertha auf Berlin, lalala, La-Ola-Welle, Yeahyeahyeah, 2:0 für die alte Dame. Supergeiler Tag, hammerhart, Berlin schlägt keiner, Ufta, ufta, ufta!
Und dann auf einmal 2:1. Wie konnte denn das bloß passieren? Wir sind doch die Superberliner, die keiner schlagen kann. Na jetzt aber bloß nichts anbrennen lassen, in 10 min ist es ja geschafft…
So, nur noch eine Minute, dann ist das Ding durch. Wie, mein Stiefvater will jetzt schon zum Auto gehen, um dem Chaos nach dem Spiel zu entgehen? Och nö, ich will doch noch den schönen Sieg mit ganz Berlin feiern! Na gut, schließlich hat er ja auch die Karten bezahlt. Ich dreh mich um und… Eckstoß für die Borussia. Haut bloß die Pille weg, man! Und dann kommt doch tatsächlich dieser Effenberg mit dem Mittelfinger Gottes und es steht 2:2.
Es gibt keine bessere Situation als diese, um meine Verbindung zur Hertha zu verdeutlichen.
„Ick hab et jewusst, ick hab et jewusst. Man, dass die den Ball da nich’ aus’m Strafraum rausbekommen…“ war nur einer der Kommentare, den ich auf meinem Weg nach draußen hörte. Damals war ich geknickt, war das Unentschieden doch eine gefühlte Niederlage. In solchen Momenten hört man Urberliner Schnauze über die Stadtgrenzen hinaus. Alle wussten es besser, alle haben es kommen sehen.
Und wenn man sich in Berlin auf etwas verlassen kann, dann darauf, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Wie eine Gruppe Halbstarke, die sich darüber begeiert, dass alle anderen „Opfa“ sind, nur um im nächsten Moment von anderen Halbstarken abgezogen zu werden. Wie die besoffenen Berliner Urproleten aus der Eckkneipe, die sich darüber amüsieren, dass irgendwer im Fernsehen ein paar auf die Zwölf kassiert, nur um im nächsten Moment selber eine Schlägerei untereinander anzufangen. Wie ein paar Banker, die ihre guten Geschäfte feiern und am Ende doch fragen müssen, ob ihnen nicht jemand aus ihrer Geldnot helfen kann.
Wir sind nicht Bayern, wo man rumhäult, wenn man mal nicht Meister wird.
Wir sind nicht Dortmund, wo es außer Fussball nichts anderes gibt.
Wir sind Berlin. Wenn es uns zu gut geht, lassen wir das die ganze Welt wissen. Wenn es uns nicht so gut geht, kann es das ganze Universum hören.
Meine Mannschaft heißt Hertha BSC, weil sie dieses Prinzip verkörpert, seit dem ich die alte Dame kenne. Und weil sie vorher auch schon so war, denke ich. Das Motto „Aus Berlin. Für Berlin.“ trifft es schon recht genau. „Arm, aber sexy“ aber noch viel besser. Und was für Berlin zutrifft, trifft irgendwie auch auf die Hertha zu. So wie im Augenblick, wo in einem Moment noch der Griff nach den europäischen Sternen der Champions League möglich scheint und man im nächsten Moment gegen den Abstieg kämpft. „Das Leben ist kein Ponyhof“ und erst recht nicht im Olympiastadion. Laut Wikipedia „trug (Hertha in seinen Ursprungsjahren) die ersten Spiele auf dem Exerzierplatz des Alexander-Regiments an der Schönhauser Allee im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg aus.”

Exerzierplatz, Plumpe, Olympiastadion und vielleicht bald wieder auf dem ehemaligen Exerzierplatz im Stadion im Jahn-Sportpark, aber niemals Ponyhof. Wie Berlin: Gewachsen, zerbombt, zerteilt und wieder vereint.

Blau-weiß sind unsere Farben. Und Hertha unser Verein und Berlin unsere Stadt. Sollten wir auch niemals wieder Meister werden, weg bekommt ihr uns auch nicht!

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  • Wer hat das geschrieben?

    Hallo, ich bin Felix und gehöre wie die meisten Herthafans in meinem Alter, zur 98er Generation, die 2010 den ersten Abstieg miterlebt hat. (→mehr)

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6 Kommentare

  1. Am 27. Januar 2010 um 12:54 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Jaja, Gladbach. 2:0 Führung, alles dermaßen in Sack und Tüten, dass der unvergessene Schlumperhosen-Gabor statt den Ball wegzuschlagen den Effenberg mit einer Finte düpiert und lächerlich macht. Effenberg lässt sich natürlich nicht zweimal provozieren und haut kurz vor Schluss das 2:2 extra ins Torwarteck. Vermutlich mit nem Lächeln auf den Lippen. Die Sau.

  2. Herthana
    Am 27. Januar 2010 um 16:17 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Sehr schön, ick hab mich beim lesen wirklich köstlich amüsiert …

  3. Daniel
    Am 27. Januar 2010 um 23:02 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Aber der Schlumperhosen-Gabor hat da noch gar nicht gespielt. Ich war bei dem Spiel auch im Stadion, mein Vater hatte ausnahmsweise mal teure Haupttribünen-Karten besorgt. 2:0-Führung alles super. Dann das 2:1 durch den Berliner Peter Wynhoff – der Männer-Trainer meines eigenen Vereins hatte ihn trainiert. Und schließlich die 89. Minute. Freistoß an der Strafraumgrenze…

    Ich hatte schon länger – und gefühlt als Einziger – gegen Christian Fiedler argumentiert und für Kiraly plädiert. Aber mir fehlte der klare Fehler von Fiedler, um andere zu überzeugen.

    Doch dann hämmerte Effenberg den Ball einfach mit voller Wucht in die obere Torwartecke. Fiedler sprang hoch, wie er es immer tat – und erreichte den Ball doch nicht. Ich war nicht sauer über die verlorenen zwei Punkte. Ich freute mich, weil ich wusste, dass das der Anfang vom Ende Fiedlers sein würde. Vier Niederlagen später war es endlich soweit. Der Mann mit der Schlabberhose betrat das Feld – und Hertha siegte endlich mal wieder.

    • Süven
      Am 28. Januar 2010 um 13:20 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Da täuschst du dich, Daniel, meine Kumpels haben mir (zu Recht!) eine ausgeprägte Fiedlerphobie unterstellt, ein kurzbeiniges CDU-Mitglied ohne B-Spiel als Stammtorwart – sein A-Spiel war ja ok, also akzeptable Nummer 2 – hat mich anhaltend angekotzt, wie leicht konnte man dem ins lange Eck schießen…Gabor als dann kommenden all-time-Hero war dann natürlich megasuper! Danach hätt ich auch immer Tremmel ins Tor gestellt, es war so befreiend als endlich Drobny übernahm!

    • Am 28. Januar 2010 um 19:37 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Mea culpa! Ein Einbruch von Altersdemenz bei mir! Und da war ich all die Jahre davon überzeugt, dass Kiraly den Effenberg provoziert hätte…vermutlich, weil ich’s ihm eher zugetraut hätte. ;)

  4. Am 28. Januar 2010 um 20:34 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ahhhh, bei dem Spiel war ich auch im Stadion. :)

    Kiraly war immer mein Held, den fand ich einfach nur genial. Diese Schlabberhose ist und bleibt Kult. Ich glaub, ich fahr mal zu nem 1860 Spiel, um ihn wieder zu sehen. Ingolstadt (wegen Zecke) ist auch schon in Planung.

    *vermissen tu*

    Tolle Geschichte, btw.