3 Jahre Anlauf

Den folgenden Artikel hat uns Sueven im Rahmen des Schreibwettbewerbs “Mein erstes Mal mit der alten Dame” zugeschickt. Vielen Dank dafür! Alle bisherigen und auch die kommenden Berichte findet ihr hier.

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1986 hat mich der Fußball-Virus gepackt, völlig unverhofft und ungeplant und ohne Vorgeschichte. Ich entstamme nämlich einem absoluten Anti-Fußballhaushalt. Während der Fußball-WM in Mexiko lief immer das aktuellste deutsche Spiel als Endlosband im Schaufenster des Sportshops Staaken, damals ansässig im Einkaufszentrum Obstallee.

Mein damaliges Hobby Nummer 1, tagtägliche Diebestouren durch eben dieses Einkaufszentrum (ach, war das früher einfach) unterbrach ich zu der Zeit regelmäßig, um mir die Aufzeichnungen anzusehen, nach einiger Zeit kannte ich den genauen Zeitpunkt der Tore und machte dann zwischen den Diebereien gezielt Stippvisiten vorm Schaufenster. Dann war die WM vorbei und ich wollte mehr. Was hatte Westberlin zu bieten? Wenig…

Die Nummer 1 war damals Blau-Weiss 90, frischgebackener Bundesligist, TeBe und Hertha hingegen waren im Sommer vor der WM in die 3. Liga abgestiegen (Und das hieß damals: Oberliga Westberlin! Heute hat man selbst in der 6. Liga einen größeren Radius).

Bei Blau-Weiss fand ich erstmal grundsätzlich den Namen blöde. So heißen doch nur Jugendvereine, dachte ich. Vergleichbares gab es auch sonst in den Profiligen damals nicht (von den ganzen Rot-Weiss-Klubs ect. habe ich erst deutlich später erfahren). Mit ’nem halben Auge habe ich die ersten Auftritte der Truppe noch verfolgt, deren von Beginn an andauernde hilflose Auftritte in der 1. Liga haben mich in meinem nicht sonderlich reflektierten Urteil bestätigt. Da ahnte ich zum Glück noch nicht, dass die Hertha mir ein vergleichbares „Vergnügen“ in meiner ersten Erstligasaison 90/91 bieten wird, das erste Saisondrittel 97/98, mein zweiter Aufstieg, ließ sich ja bis zum KSC-Spiel auch genauso an.

Und Tennis?? Borussia. Ich weiss nicht, was das sein soll… Hertha BSC klang schon mal ganz anders. Viel cooler. Ein Hauch von alten Ruhmesstaten. Mein Zugang zum Verein war anfangs absolut literarischer Natur. Ich las in der Bibliothek in alten Jahrbüchern und Sportalmanachen über Hanne Sobeck und „Ete“ Beer, über die alten UEFA-Cup Auftritte und die noch viel älteren Meisterschaften. Über das aktuelle Oberligateam fand sich nicht gerade viel in der Presse.

Erst über die Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga wurde mehr berichtet, das Scheitern gegen Remscheid war dann mein erster früher Tiefschlag als Fan aus der Distanz. Dann wurde im nächsten Jahr 1988 doch endlich aufgestiegen und ich versuchte meine Eltern von der Notwendigkeit eines Stadionbesuches zu überzeugen.

Doch ich stieß auf gar grimmigen Widerstand: „Ganz bestimmt gehst du nicht zu den Alkoholikern und Flaschenwerfern! Thema beendet!“ Und zudem wurde eine scharfe Überwachung meiner wochenendlichen Aktivitäten angekündigt. Aus taktischen Erwägungen ließ ich das Thema dann ruhen und ein wenig Gras über die Sache wachsen.

Hertha startete ganz gut ins Zweitligajahr, gleich zu Beginn wurde bei Union Solingen gewonnen, es folgte ein Remis gegen Mainz. Doch bald kam die ätzende Niederlage gegen Blau-Weiss und zum Winter war man voll im Abstiegskampf. Die Rückrunde lief dann etwas besser, aber bis zum Schluss ging es mit einem ganzen Rudel Teams gegen den Wiederabstieg.

Es wurde Juni 89 und das letzte Heimspiel stand an.Ein billiges DIN A3 Plakat an einer Spandauer Bushaltestelle rief zum Besuch des Moabiter Poststadions auf und jetzt folgte ich dem Ruf. Flaschenwerfen hatte ich kürzlich zuvor am 1. Mai gelernt, die Eltern hatten das Thema Fußball vergessen, ich fühlte mich also gewappnet und vor Entdeckung sicher und zog alleine los ins unbekannte Moabit, das ich bisher nur von Durchfahrten im väterlichen KFZ kannte.

Nach ca. einer Stunde Bus-und U-Bahnfahrten – die heutige schnelle S-Bahnverbindung gab’s noch längst nicht – stand ich auf der Turmstraße und hielt Ausschau nach ortskundigen Herthafans. Nichts. Eine U-Bahn später kamen dann zwei ältere Kuttenträger zum Ausgang heraus, denen folgte ich dann eine gute Viertelstunde durch Moabit, vorbei an Gericht und Knast, bis wir endlich zur Lehrter Straße und zum Eingang des Poststadions kamen.

Da waren dann doch ein paar tausend Leute, das Stadion sah abgefahren aus, alte dreißiger Jahre Tribünen, die Stehplätze grasüberwuchert, lauter angerostete Wellenbrecher und Zwergbirken am Rand. Auch das Spiel war gut, ein bis dato unbekannter junger Hertha-Spieler namens Marco Zernicke mit wehenden blonden Haaren machte im Mittelfeld mächtig Alarm, ein Solo nach dem anderen, er erzielte auch das 1-0 (Endstand 2-0) gegen den FC Homburg, immerhin Tabellenzweiter und eine Woche später Aufsteiger ins Oberhaus.

Marco habe ich noch oft in den nächsten Jahren gesehen, so beeindruckend war er aber nie wieder. Ich stand zum ersten Mal in meinem Leben zwischen schreienden Erwachsenen, rauchte viele Zigaretten und fühlte mich sehr abenteurerhaft. Und es war wirklich toll.

Als dieser Schreibwettbewerb ausgerufen wurde versuchte ich mein erstes Mal nachzurecherchieren, ich hatte nämlich u.a. den Gegner vergessen. Also suchte ich bei den einschlägigen Suchmaschinen nach Poststadion 1989, Marco Zernicke, Hertha im Poststadion, 2-0 Heimsieg 1989 usw. , doch selbst bei fussballdaten.de, sonst eigentlich immer präzise, wurde das Spiel ins Olympiastadion verortet. Umso mehr habe ich mich letzten Mittwoch nachts um eins über diesen Text von 1995 gefreut, in dem ein Herr Voss tatsächlich mein erstes Mal mit der alten Dame in einem Rückblick darstellt. Der kommt übers Bett!

Soweit ich weiß, war das auch der allerletzte Auftritt der 1. Herren von Hertha BSC im Poststadion, in der folgenden furiosen Aufstiegssaison samt Wende und 50.000 Zuschauern gegen Wattenscheid war ich mit neuen Steglitzer Kumpels aus der Sommerfreizeit bei den meisten Heimspielen, und die waren alle im Olympiastadion.

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Mit Kommentaren zu diesem Beitrag könnt ihr Lose für das Gewinnspiel sammeln. Oder schreibt selbst einen Artikel über eurer erstes Mal mit der alten Dame und nehmt am Schreibwettbewerb teil. Wir bedanken uns bei unserem Sponsor SportsInOutlook.

Alle Geschichten des Schreibwettbewerbs sind hier aufgelistet.

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    Mein Name ist Enno: im Jahre 1982 geborener Berliner, Exil-Herthaner in Bielefeld und Bremen. Seit 2006 schreibe ich im Internet über Hertha BSC. (→mehr)

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5 Kommentare

  1. Tanja*
    Am 17. Januar 2010 um 15:39 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich musste ja schon grinsen beim Lese, denn ich entstamme auch einem Hausalt, der so gar nichts mit Fußball am Hut hat (Eltern sind politisierte „Alt 68er“). Bei mir begann der „Fußballvirus“ 1982 bei der WM in Spanien zu wirken. Karl Heinz Rummenigge und wie sie alle hießen, glücklicherweise bin ich kein Bayern Fan geworden, Schwein gehabt ;)

  2. Am 18. Januar 2010 um 00:19 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Sehr geil, Sueven!

  3. Am 18. Januar 2010 um 09:16 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hammer! Das ist mal ne ungewöhnliche Fan-Sozialisation, aber sehr geil.

  4. Herthana
    Am 19. Januar 2010 um 21:15 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ganz wunderbare Geschichte … aber ich bin verdammt froh das wir uns am Samstag im Olympiastadion und nicht im „Poststadion im Niemandsland zwischen Moabit und Wedding“ treffen müssen.

  5. Schwippschwager
    Am 28. Januar 2010 um 18:41 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Find ich wirklich sehr gut geschrieben. Gut erzählt, humorvoll und schön in die damalige bzw. deine (westberliner) Realität eingebettet! Top!