Leise Zweifel trotz starker Transfers

Als Michael Preetz zum ersten Mal modetechnisch unter die Hipster ging, da gehörte Julian Schieber noch Borussia Dortmund und das sogenannte Freistoß-Spray noch nicht zu den Stars dieser Weltmeisterschaft. Der Hertha-Manager hatte grade den dritten Neuzugang unter Vertrag genommen, Genki Haraguchi, einen Japaner mit großer Uhr, aber ohne Brille und deshalb hatten die Reaktionen im Netz auf diesen in Deutschland völlig unbekannten Mittelfeldspieler von den Urawa Red Diamonds auch weniger mit dem Spieler selbst zu tun, sondern mit der Brille des Managers.

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Ohne Brille hatte Preetz zuvor  bereits die drei Profis Jens Hegeler, Marvin Plattenhardt und Valentin Stocker verpflichtet, drei Spieler, die zumindest dem deutschsprachigen Fußball-Interessierten ein Begriff sind und die aufhorchen ließen. Hegeler, ein Sechser mit Champions-League-Erfahrung, der die Optionen von Trainer Jos Luhukay in der Zentrale deutlich erweitert. Stocker, ein Schweizer WM-Fahrer, der beim FC Basel in mehr als 250 Spielen an mehr als 125 Toren direkt als Vorbereiter oder Vollstrecker beteiligt war. Und Plattenhardt, ein 22-Jähriger Linksverteidiger mit deutschem Pass, der zwar mit Nürnberg abgestiegen war, aber dort eine der wenigen Konstanten darstellte und zudem alle U21-Nationalmannschaften durchlaufen hat. Oha, dachte man, die Hertha hat was vor – zumal der Rest der Liga nach Saisonende erst einmal durchzuschnaufen schien, bevor er sich am Transfermarkt beteiligte.

Der nächste Einkauf von Michael Preetz war dann aber erst einmal die besagte Brille, die laut transfermarkt.de in den vergangenen Jahren als nicht besonders torgefährlich aufgefallen war, aber stets für ihre Übersicht gelobt wurde. Über die Ablöse-Modalitäten wusste damals selbst die Boulevard-Presse nichts zu berichten, obwohl die Brillenhandlung auf der Reichsstraße in Laufnähe des Olympiastadions mit Sicherheit einige Informationen preisgegeben hätte. Die Frage war: Würde Preetz mit dieser neuen Brille auch den Durchblick über weitere Transfers behalten?

Die Antwort ist: Zum Teil. Über den Transfer von John Gijsbert Alan Heitinga kann man eigentlich nichts schlechtes sagen, außer, dass man dem eigenen Jugend-Spieler John Brooks eine ordentliche Kante vors Gesicht gesetzt hat, während der in Brasilien für die USA zum Star wurde. Angesichts der Verletzungsanfälligkeit von Fabian Lustenberger aber ein Transfer der Marke: Kann man mal machen. Ablösefrei, WM- und Premier-League-erfahren, im besten Fußballer-Alter (30) und einen Oberkörper, hinter dem sich Thomas Kraft komplett verstecken kann.

Bis dahin waren Preetz und seine Brille über jeden Zweifel erhaben. Doch dann kam die Sache mit Julian Schieber.

Der hatte beim BVB vor allem unglückliche Auftritte. Dass er an Robert Lewandowski nicht vorbeikommen würde, war irgendwie vorher klar, aber dass er irgendwann sogar nur noch Stürmer Nummer drei war, weil Jürgen Klopp den jungen Marvin Duksch bevorzugte, deutet nicht wirklich darauf hin, dass sich Schieber in Dortmund weiterentwickelt hat. Im Gegenteil: Die 5,5 Millionen Ablöse, die der BVB damals an Stuttgart überwies, wurden beim BVB schnell als herausgeschmissenes Geld angesehen und nach der vergangenen Saison hätte es eigentlich auch keinerlei Gründe gegeben, auf einen irgendwie noch halbwegs gewinnbringenden Wiederverkauf zu hoffen. Michael Preetz sah das offenbar etwas anders. Zwei bis drei Millionen Euro hat Hertha an den BVB überwiesen – rund um den Signal-Iduna-Park hat man sich darüber ins Fäustchen gelacht.

Natürlich kann man darauf hoffen, dass Julian Schieber sich in Berlin an sein Talent erinnert und daran, dass er einmal ein torgefährlicher Angreifer war. Selbst Stefan Kießling, in der vergangenen Saison bester deutscher Bundesliga-Torschütze, stümperte in seinem ersten Leverkusener Jahr so unfassbar herum, dass man sich zwischenzeitlich fragte, ob er nicht selbst in einem Kreisliga-Team nur Reservist wäre. Die Frage, die sich aktuell stellt, lautet allerdings: Was will Hertha überhaupt mit Schieber?

Auf der Suche nach einer Antwort darauf, muss zwangsläufig der Name Pierre-Michel Lasogga fallen. Nach allem, was man zuletzt so über das Verhältnis von Hertha und Lasogga lesen durfte, gibt es genau einen Menschen im Verein, der nicht an den Stürmer Lasogga glaubt – und das ist Jos Luhukay. Der Hertha-Coach hat so unfassbar viel richtig gemacht in den letzten Jahren, dass man ihm eigentlich nicht widersprechen sollte. Aber dass er einen wie Lasogga einfach so gehen lässt, ohne sich um ihn zu bemühen, dass darf man schon mal kritisch anmerken – vor allem, wenn dann ein paar Tage später ein vom Typ ähnlicher Spieler wie Julian Schieber auf der Geschäftsstelle erscheint. Die Beziehung von Luhukay und Lasogga erinnert ja so ein bisschen an die von Lucien Favre und Marko Pantelic. Der Ausgang ist bekannt.

Vor dem Sturm-Duo aus Sandro Wagner und Julian Schieber hat die Bundesliga jedenfalls jetzt schon richtig Angst.

Nunja, ein weiterer Angreifer soll ja wohl noch kommen, außerdem müssen wohl noch einige Spieler Hertha verlassen. Man darf gespannt sein, mit wieviel Durchblick der Kader in diesem Jahr geplant ist und ob Jos Luhukay vor der Transfer-Offensive eine Taktik vorgegeben hat oder er sich jetzt erst, nachdem er weiß, wen er zur Verfügung hat, für eine Taktik entscheidet. Bis zum Schieber-Transfer wirkte das alles eigentlich sehr durchdacht.

Doch im Zusammenhang mit den Personalien Lasogga/Schieber habe ich erstmals seit langem einen mikroskopisch kleinen Zweifel am Durchblick des Trainer-Manager-Gespanns. Trotz der netten Brille. Aber wie immer lasse ich mich sehr sehr gerne eines Besseren belehren.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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3 Kommentare

  1. Rayson
    Am 6. Juli 2014 um 13:58 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Nach allem, was man zuletzt so über das Verhältnis von Hertha und Lasogga lesen durfte, gibt es genau einen Menschen im Verein, der nicht an den Stürmer Lasogga glaubt – und das ist Jos Luhukay.

    Das ist interessant, denn nach allem, was ich zuletzt lesen konnte (Betonung auf *zuletzt*), handelt es sich dabei um ein Gerücht und nicht zuletzt in einem harmonischen Gespräch unter vier Augen habe Luhukay Lasogga deutlich gemacht, wie sehr er auf ihn setze.

    Dass Lasogga jetzt weiter das Gegenteil hinausposaunt, hört sich für mich mehr danach an, als ob er – damit trotz aller alten seine neuen Treuebekundungen gegenüber dem neuen Verein glaubwürdig werden – den Eindruck vermeiden wolle, aus überwiegend finanziellen Interessen gehandelt zu haben. Und dafür nimmt er dann sogar in Kauf, dass ihm dieses Nachtreten übel genommen wird.

    Aber vielleicht hast Du ja bessere Informationen als ich.

    Das mit der Hertha und ihren Stürmern ist aber wohl eh eine Geschichte voller Fehleinschätzungen. Die Liste derer, die in den letzten Jahren richtig eingeschlagen und sich nicht nach einem Jahr mehr oder weniger divenhaft verhalten haben, ist vergleichsweise kurz – Ramos, Preetz, wer noch? Dem gegenüber steht die Liste unzählicher Flops, von „B“ wie Bobic bis „W“ wie Wichniarek. Und eine Liste vieler, mit denen man eh keine großen Erwartungen verbunden hatte und sich fragt, warum die eigentlich geholt wurden, wie eben Wagner und jetzt Schieber. Aber das haben die Bayern ja jahrelang auch nicht besser hinbekommen ;-)

    • Rayson
      Am 6. Juli 2014 um 13:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

      „Unzähliger“ sollte das natürlich heißen. Und die Liste könnte auch mit „A“ wie Alves anfangen, aber da war ja dieses legendäre Tor…

      • Daniel
        Am 6. Juli 2014 um 18:04 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Absolut möglich, dass ich hier mal wieder in die Glaubwürdigkeits-Falle getappt bin und Lasogga für einen ehrlichen Kerl gehalten habe. Nachdem Luhukay auf Ramos ge- und damit Lasogga zurückgesetzt hatte, war die Richtung vorgegeben – die aktuelle Entwicklung passte dazu und das Interview, das Lasogga zuletzt gegeben hat, auch nochmal – zumal ich von Luhukay nichts Gegenteiliges gehört hatte.

        Wenn es wirklich anders gewesen sein sollte, ist mein Eindruck hinfällig. Ich hatte bisher immer nur so halbe Bekenntnisse von Luhukay vernommen, aber nie die Aussage, dass er ihn auf jeden Fall zurückhaben und auf ihn setzen wolle.

        Insofern schonmal Danke für die Erkenntnis-Erweiterung!