Ach, Hertha

Im Dezember passierte es. Da spielte plötzlich eine unwirklich aufspielende Übermannschaft in Hertha-Trikots, die nicht nur in der Bundesliga alles gewann, sondern sich sogar im Pokal (!) vollkommen souverän für die nächste Runde qualifizierte. Das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal dachte, dass etwas anders ist in dieser Saison. Dezember, Hertha siegte, Weihnachten stand vor der Tür: Es war eine komplett unbeschwerte Zeit im auslaufenden 2015.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Mich sprachen bis weit in den März hinein Leute vollkommen ernsthaft auf die Chancen von Hertha an, in dieser Saison auf den Champions-League-Rängen zu landen. Ich lächelte das weg, freute mich innerlich aber natürlich wie Pal Dardai über ein halbes Schwein am Spieß. Hertha in der Champions League? Würde das wirklich eine realistische Option sein? Ich hoffte es, klar, aber glaubte ich auch wirklich dran?

Jetzt, im Mai 2016, muss ich schmunzeln, wenn ich an diese Zeit von Dezember bis März denke. Denn am Ende ist aus dieser unwirklich aufspielenden Übermannschaft dann doch wieder „meine“ Hertha geworden. Die, die am Ende doch nicht den entscheidenden Schritt macht. Die uns Fans lockt, Hoffnungen macht, zum Träumen verleitet, aber am Ende einbricht. Die, die wie 2005 gegen Hannover und 2009 gegen Schalke im entscheidenden Spiel nicht über ein 0:0 hinaus kommt.

Ach, Hertha. Du machst es einem wirklich nicht leicht.

Klar hätten wir alle diesen 7. Platz vor der Saison mit ungläubigen Augen unterschrieben. Dass Hertha die erste Tabellenhälfte nicht bloß mit dem Fernglas würde sehen können, hatten ja nur die hoffnungslosesten Optimisten geglaubt. Doch dann spielte die Mannschaft von Pal Dardai eine Hinrunde, wie sie selbst diese hoffnungslosesten Optimisten nicht für möglich gehalten hätten. Favre-Fußball. Durchdacht, gnadenlos effektiv, erfolgreich. Oder hat uns die Glückssträhne geblendet?

Man muss es ganz klar sagen: Hertha hat in der Hinrunde Spiele gewonnen, die Hertha nicht hätte gewinnen müssen. Es entschieden Nuancen. Wie auf einer Waage schien Hertha in der Hinrunde stets 0,01 Gramm mehr dabei zu haben. Dann kam die Winterpause und die Rückrunde. Die Waage war immer noch da. Aber irgendwie hatte sich die Eichung verändert. 0,01 Gramm reichten nun nicht mehr. Und Hertha hatte aufgrund von Verletzungen und Sperren häufig sogar deutlich weniger dabei als noch in der Hinrunde. Die Waage, sie war irgendwann nicht mehr auf Herthas Seite.

Das kann man der Mannschaft, Pal Dardai und, wenn man will, auch Michael Preetz jetzt vorwerfen. Oder man akzeptiert es einfach als sportliche Schwankung, die normal ist, wenn der eigene Verein nicht Bayern München oder FC Barcelona heißt. Wobei man sich von dort ja durchaus einiges abgucken kann. Wenn man sich einfach nur mal die Athletik anschaut, die in der Champions League mittlerweile zum Standard geworden ist, dann fragt man sich schon, wie die Hertha-„Jungs“ da hätten mithalten wollen.

Aber das ist ja jetzt ohnehin irrelevant. Hertha hat sich nicht für die Champions League qualifiziert, selbst die Teilnahme an der Europa League ist nach Platz 7 alles andere als sicher. Für Mitchell Weiser und Niklas Stark tut mir das besonders leid. Man stelle sich vor, die beiden müssen für Hertha auf ein Jahrhundertereignis wie Olympia verzichten und scheitern dann in den Europa-League-Playoffs irgendwo in Osteuropa.

Foto: Daniel Roland/AFP/Getty Images

Foto: Daniel Roland/AFP/Getty Images

Es gibt also tatsächlich nicht so viel über was man sich nach den letzten Wochen dieser Bundesliga-Saison freuen kann. Und wenn ich mich so durch die Kommentarspalten der Hertha-Seiten bei Facebook & Co. klicke, dann ist die Hertha-Fanwelt im Moment in zwei Lager aufgeteilt. Die eine, die stolz ist und sagt: Ist doch geil, dass wir überhaupt da oben mit dabei waren. Und die andere, die grollt, dass die Mannschaft Europa verschenkt habe. Letzteres ist natürlich Schwachsinn, kein Sportler gibt freiwillig eine solche Ausgangslage aus der Hand. Aber die, die jetzt feiern, verschließen natürlich auch ein bisschen die Augen davor, dass Hertha in der Rückrundentabelle auf Relegationsrang 16 steht.

Ich bin da auch zwiegespalten. Einerseits möchte ich nicht in der Haut der Stuttgarter stecken und ein Saisonfinale wie das der Bremer und Frankfurter hätte ich auch nicht (schon wieder) gewollt.  Andererseits ist all das eingetreten, was die Skeptiker in der Winterpause prophezeit haben („Hertha wird einbrechen“ blablabla). Und ich hasse es, wenn die recht haben.

Unter dem Strich ist der siebte Rang für Hertha aber genau der richtige. Zu viel, um die Saison nicht unter dem Label „erfolgreich“ abstempeln zu können, aber zu wenig, um jetzt über große Investitionen in den Kader nachzudenken. Hertha wird weiterhin nur Spieler verpflichten, die mit Hertha etwas erreichen oder sich bei Hertha weiterentwickeln wollen. Es werden keine Spieler geholt, die nur kommen, weil Hertha europäisch spielt.

Und für uns Fans ist Rang 7 und die damit verbundene Europa-League-Qualifikationsrunde ohnehin nicht das Schlechteste. So wird die Sommerpause drastisch verkürzt. Und wir können alle gespannt sein, ob sich „unsere“ Hertha weiterentwickelt oder doch wieder vor dem entscheidenden Schritt zurückschreckt.

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    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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Ein Kommentar

  1. Am 16. Mai 2016 um 18:45 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ja, Dezember..

    Mein beseelter Kommentar bei HerthaUnser während des Nürnbergspiels (beim Stand von 0-0):

    „Irgendwie die professionellste Hertha aller Zeiten.. und derzeit auch der schnörkelloseste Fußball bundesweit.. davon habe ich immer geträumt.“

    Winterpause ist echt sowas fürn Arsch!! Fuck Belek!!!