Alles Gute, alte Dame!

Herzlichen Glückwunsch, Hertha BSC! Heute vor 120 Jahren gründeten ein paar Jünglinge den Verein, der uns jedes Wochenende aufs Neue Freude oder Sorgen bereitet, der uns beschäftigt, seelisch wie physisch, der uns unter Strom setzt und erschlaffen lässt. Diese Ambivalenz ist auch dem Präsidenten bewusst, der im Jubiläums-Interview auf der vereinseigenen Homepage sagt: „Hertha BSC ist Berlins größter Sportverein, positiv wie negativ immer irgendwie in aller Munde.“ Recht hat er. Und trotzdem oder gerade deswegen: Ein Leben ohne diesen Verein? Nicht vorstellbar.

Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, in denen mir dieser großartige Verein noch nicht bewusst war. Ich wuchs in Berlin-Spandau auf und bis ich etwa zwölf Jahre alt war (1996) wusste ich einfach nicht, dass es in Berlin einen Verein gibt, der hochklassig Fußball spielt. In einem großen Stadion. Vor vielen Fans. Irgendwann hörte ich ein paar Jungs aus meiner Mannschaft nach dem Training darüber reden, dass sie sich beeilen wollten, weil sie noch „zu Hertha“ gehen würden. Hertha war bis dahin nur ab und zu ein Gegner auf dem Platz gewesen. Bei Jugendturnieren.

Ich – der am Wochenende regelmäßig Ran-Sat.1-Fußball schaute und die Bravo Sport zwar nicht abonniert hatte, aber schon als regelmäßiger Leser bezeichnet werden konnte – hatte von der Profi-Mannschaft aus Berlin noch überhaupt nichts gehört. Man war damals entweder Bayern- oder Dortmund-Fan. Doch das änderte sich von diesem Zeitpunkt an, wenige Wochen später hatte ich meinen Vater überredet, mit mir ins Olympiastadion zu gehen. Es folgten fantastische Jahre für einen, der den großen Fußball sonst nur aus dem Fernsehen kannte und der ihn dank Michael Preetz, Dariusz Wosz und später Marcelinho plötzlich vor der Haustür hatte.

Natürlich wusste ich nicht – und es hätte mich damals vermutlich auch gar nicht interessiert – was diese sportlich so erfolgreichen Jahre für den Verein wirtschaftlich bedeuteten. Und so ist es eigentlich nur konsequent, dass wir, die Fans, die seit den späten 90er Jahren dabei sind, die Hertha quasi nur erfolgreich kannten und damals gar nicht wussten, welchen Luxus wir da vorgesetzt bekamen, nun auch mal den emotionalen Gegenpol erleben.

Ich weiß nicht, wie ich auf Hertha reagieren würde, wenn ich heute erstmals von diesem Verein hören würde. Als ich damals erstmals ins Olympiastadion ging, wusste ich wirklich absolut gar nichts – ich kannte weder den Trainer noch irgendeinen Spieler. Ich wusste die Vereinsfarben. Das war’s. Und trotzdem sog ich die Atmosphäre mit den damals vielleicht 7000 Zuschauern im weiten Rund magisch ein. Heute wäre das vermutlich anders, allein schon, weil die Wahrnehmung des Vereins eine andere ist. Und auch wenn ich die Bravo Sport lange nicht mehr gelesen habe, bin ich mir sicher, dass ich im Laufe der letzten beiden Jahre von Hertha gehört hätte (auf der Website gibt es laut Google immerhin 15 Artikel: „Zieht euch hier alle Highlights und Tore von Hertha BSC in der Hinrunde 2011/12 rein!„). Allerdings weiß ich nicht, ob mich das dazu bewegt hätte, ins Stadion zu gehen. Und wenn doch, wäre ich auch wiedergekommen?

Ich hoffe es – vor allem für die Generationen, die diesen großartigen Verein jetzt erst entdecken und sich entscheiden müssen, ob sie dem Bayern-Fantum ihres Papas folgen, die Erfolge einer 500 Kilometer entfernten Borussia aus Dortmund feiern oder vielleicht doch zu Union gehen sollten.

Und wenn sie sich dann richtig entscheiden und irgendwann gefragt werden, warum sie denn zu Hertha gehen, die verlieren doch immer, dann reagieren sie hoffentlich mit der coolstmöglichen Antwort, sponsored by Werner Gegenbauer: „Welcher Verein kann das schon für sich in Anspruch nehmen, nach einem Dampfer benannt zu sein…“

In diesem Sinne, alles Gute, alte Dame! Auf die nächsten 120! Oder sagen wir mit Blick auf die Finanzen: Erstmals fünf…

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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3 Kommentare

  1. herthawolf
    Am 25. Juli 2012 um 13:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Sehr schön und authentisch! Als ich Herthafan wurde (1979), spielte die in der 1. Liga, sonst hätte ich auch vielleicht jahrelang nichts von ihr mitbekommen (am Ende stand der Abstieg und aus Mitleid blieb ich Fan).
    Hoffentlich gibt es gegen Paderborn ein paar freiverkäufliche Karten, so dass ich auch mitkann.
    Auch Deine statements zu Hertha im „11-Freunde-sonderheft“ lesen sich sehr gut!!

  2. Am 25. Juli 2012 um 14:30 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Gaaanz ehrlich…unter diese Geschichte hätte man auch meinen Namen meißeln können!

  3. Kugelblitz
    Am 27. Juli 2012 um 14:06 Uhr veröffentlicht | Permalink

    … warum sie denn zu Hertha gehen …

    Wer wechselt schon nach so vielen Jahren seine Pantoffel? Es ist wie in einer guten Ehe – In guten wie in schlechten Zeiten.

Ein Trackback

  • Von Kiew zahlt – Raffael wechselt | Hertha BSC Blog am 26. Juli 2012 um 10:10 Uhr veröffentlicht

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