Am Ruhepuls von Pal Dardai

Als Thomas Kraft auch den letzten Augsburger Kopfball am Überschreiten der Torlinie gehindert hatte, hatte Tobias Welz endlich ein Einsehen. 94 Minuten lang hatte die Heimmannschaft den Gegner aus Berlin und ihn, den Schiedsrichter, bearbeitet. Hatte bei jedem Freistoß, den Welz gegen sie gepfiffen hatte, lamentiert und bei jeder gegenteiligen Aktion den Fußballgott angerufen, ob des offensichtlich völlig verweichlichten Schiedsrichters. 94 Minuten lang hatten die Augsburger mit allen Waffen, die ihr Körper ihnen gegeben hat, gegen Hertha BSC gefightet.

Doch die Punkte nahm Pal Dardai mit.

„Das war ein Männersieg“, sagte der noch nicht einmal 40-Jährige Old-School-Ungar, bei dem sicher die jüngsten Spieler den Platz abbauen müssen, Schuhe noch selbst geputzt werden und dreckige Siege mit viel Kampf eben solche sind, die vor allem Männer erringen. Schöne Grüße an die Frauen-Fußballabteilung des Vereins. Aber wer wollte ihm widersprechen? Die elf Männer in dunkelblau hatten das Spiel ja gewonnen.

Falscher Optionskanal?

Dabei hatte seine Mannschaft eine Halbzeit lang eine derart überzeugende Leistung gezeigt, dass man sich als Sky-schauender Hertha-Fan zwischenzeitlich fragen musste, ob man sich nicht im Optionskanal geirrt hatte. Es schien so, als hätte Pal Dardai sein Team an seinen eigenen Ruhepuls angeschlossen. Während Augsburg sich aufregte, lamentierte, schrie, verzweifelte oder abwinkte – spielte Hertha Fußball.

Fast folgerichtig ging Augsburg mit einem Mann weniger in die Kabine. So ungestüm, wie der schon verwarnte Bobadilla da in den Zweikampf mit Fabian Lustenberger stürmte, hatte Schiedsrichter Welz keine andere Wahl, als ihn vom Platz stellen. Auch, wenn man mit viel Wohlwollen und der vierten Zeitlupe erkennt, dass der Paraguayer da eine Ausweichbewegung versucht und dann mit dem Hertha-Kapitän zusammenrasselt. Ein Foul muss allerdings nicht mit Absicht getätigt worden sein, um geahndet zu werden.

Kalou ausgebufft im Zweikampf

Kurz nach der Pause bog Hertha dann in die Siegerstraße ein. Salomon Kalou zeigte Ragnar Klavan wie das demnächst in der Europa League regelmäßig aussehen könnte, wenn ein international eher unerfahrener Innenverteidiger auf ausgebuffte Stürmer trifft. Und auch wenn dieser ausgebuffte Stürmer den anschließenden Elfmeter alles andere als ausgebufft in die Mitte schob (und dabei noch den Fuß des Augsburger Torhüters touchierte) – Hertha führte mit 1:0, hatte einen Mann mehr auf dem Platz und die berühmten Trümpfe komplett in der Hand.

Doch auch Pal Dardai erkannte in dieser Phase, dass die Verbindung zwischen seinem Puls und dem Team abriss. Als erster verlor Roy Beerens den Faden, grätschte Markus Feulner vor der Augsburger Bank unnötig um und durfte als erster prüfen, ob Bobadilla in der Kabine noch warmes Wasser übrig gelassen hatte.

Auch der in der Vorbereitung und im Pokal so umsichtige Vladimir Darida leistete sich in dieser Phase mehrere unkonzentrierte Fehlpässe, die immer wieder zu gefährlichen Umschaltsituationen und Freistößen für Augsburg führten. Einen davon nagelte Alexander Esswein Ronny-esk mit 115 km/h an den Pfosten.

Kraft feiert lieber als zu stapfen

Was fehlte war entweder das zweite Tor, das Haraguchi und Schulz auf dem Fuß hatten oder jemand, der mal auf den Ball tritt bzw. Richtung Eckfahne marschiert. Beides hatte Hertha nicht im Tank, weshalb Augsburg in der Nachspielzeit beinahe doch noch zum Ausgleich gekommen wäre. Doch an diesem Samstag wollte Thomas Kraft nicht mit dem von ihm in den letzten Jahren perfektionierten Wut-Gang in die Kabine stapfen, sondern er wollte sich freuen, mit seinen Teamkollegen abklatschen und mit den Fans feiern. Er hatte allen Grund dazu.

Denn der 1:0-Auswärtssieg am ersten Spieltag war erst der zweite (!) Auftakterfolg auf fremden Platz seit dem ersten Aufstieg „der Neuzeit“ im Jahr 1997. Am 17. August 2008 gewannen Marko Pantelic, Patrick Ebert, Raffael und Co. mit 2:0 in Frankfurt. Es war der Start in eine Spielzeit, in der Hertha-Fans öffentlich Meisterschalen in die Höhe reckten und dafür nicht (überall) belächelt wurden. Es war die Saison, in der „Hey, das geht ab, wir holen die Meisterschaft“ in den deutschen Charts vertreten war. Es war eine Saison ohne existenzielle Sorgen.

Träumen darf man ja wohl

Natürlich ist niemand in Berlin so vermessen zu glauben, dass Hertha solch eine Saison (jemals) wiederholt. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen, dass wenigstens eins der aufgezählten Ereignisse aus der Saison 2008/09 auch über 2015/16 gesagt werden kann.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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4 Kommentare

  1. Kläuschen
    Am 16. August 2015 um 07:18 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Beerendienst? Versteh ich etwas nicht, oder hätte es Bärendienst heißen müssen.
    Ansonsten „schönes“ Spiel, so kann man Meister werden. Schlecht gespielt, Glück gehabt, gewonnen. :-)

  2. Kläuschen
    Am 16. August 2015 um 07:53 Uhr veröffentlicht | Permalink

    …. geschnallt … ist noch früh, verzeiht bitte die Unaufmerksamkeit. hahohe!

  3. Am 16. August 2015 um 10:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Jenau so sieht es aus. Ick habe mir in der ersten Halbzeit auch die Augen gerieben, mit welcher Gelassenheit unsere Mannschaft der an Nervosität nicht zu überbietenden und völligen überzogenen Gereiztheit der Augsburger entgegen trat. Das hatte schon was. Leider hat unser Team dann in Halbzeit Zwei doch etwas den Faden verloren und hat sich anstecken lassen. Statt den Sack mit dem 2:0 zuzumachen (Schulz/Haraguchi) und wieder in ruhigere Fahrwasser zu gelangen, haben wir uns das Leben selbst noch einmal schwer gemacht. Sollten wir in den kommenden Spielen die Leistung der 1.Halbzeit wiederholen können ist mir um den Klassenverbleibt bei Leibe nicht bange. <<>>HaHoHe <<>>

  4. Rayson
    Am 18. August 2015 um 00:36 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ebenso treffend wie launig geschrieben, und ich finde mich da auch fast komplett wieder (habe nur den Elfer von Kalou etwas souveräner in Erinnerung).

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