Aus Nordhessen durch die Ostzone zum Stadtderby

Den folgenden Artikel hat uns Alexander im Rahmen des Schreibwettbewerbs “Mein erstes Mal mit der alten Dame” zugeschickt. Vielen Dank dafür! Alle bisherigen und auch die kommenden Berichte findet ihr hier.

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Ich bin in Nordhessen groß geworden. In den 70-ern war das fußballerisch (wie heute wieder) eine Diaspora. Ein Nordhesse wurde im Allgemeinen kein Fan eines südhessischen Vereins, Kassel war damals in der Oberliga, uninteressant.

Mit 6 Jahren (1974) spielte ich immer gegen meinen Bruder Fußball, zu Zweit von Tor zu Tor. Der Torwart stand also ständig im Brennpunkt des Geschehens. Mein Bruder hatte sich als Vorbild Sepp Maier ausgesucht. Und wer war nun ich? Ich musste mich für Norbert Nigbur entscheiden, die Nr. 2 im deutschen Tor. Norbert Nigbur spielte 1974 bei Schalke, also wurde ich Schalke-Fan.

1976 ging er dann von Schalke zur Hertha. Also ging ich mit, vor über 33 Jahren habe ich bereits mein Herz an eine alte Dame verloren. Als 1978 Nigbur wieder von Hertha nach Schalke blieb ich der alten Dame treu (mit 10 Jahren war ich schließlich charakterfest genug!). War damals ja gar nicht so schlecht, 1978 wurden wir Dritter in der Bundesliga, und es folgte eine recht erfolgreiche UEFA Cup Teilnahme.

Doch danach gings steil bergab, 1980 Abstieg, 1982 Aufstieg, 1983 wieder Abstieg- am Schrecklichsten war damals immer der Montag morgen, wenn ich in der Schule ausgelacht wurde- um mich herum meist Gladbach- und Bayern- Fans…

Ich habe viele Jahre mein Radio nach SFB und RIAS durchsucht (auf Mittelwelle – weiß gar nicht, ob jüngere Leser noch wissen, was das ist), um überhaupt noch aktuelles von Hertha zu hören.
An meine erste leibhaftige Begegnung (auswärts) erinnere ich mich nicht mehr. Da waren Spiele in Nordhessen beim KSV Hessen Kassel (2. Liga), im DFB Pokal und ein Spiel bei Eintracht Frankfurt (Saison 82/83?!).

Mein „richtiges“ erstes Mal mit der alten Dame war am Samstag, dem 14.09.1985 – „zuhause“ – im Olympiastadion! Stadtderby: Hertha BSC gegen Tennis Borussia Berlin. Bis 1985 war ich nie in Berlin und hatte folgerichtig nie ein Heimspiel gesehen. Dann kam es zu dieser Gelegenheit. 12. Klasse Kunstkurs- Architektur – Studienreise nach Berlin – mit dem D- Zug durch die Ostzone, großes Staunen über diese geteilte Stadt, unruhige Nächte in der Jugendherberge, der erste Döner für 5 DM, Gebäude beschreiben und skizzieren, für die Anderen in Kreuzberg – meist sanierte Häuser aus der ehemaligen Besetzerszene.

Ich meinte vorab, man könnte doch auch sicherlich andere Gebäude beschreiben und schlug das Olympiastadion vor. Ich durfte, und habe die Gelegenheit genutzt, für 9 DM mein erstes Heimspiel zu sehen. Es war beeindruckend; ein riesiges altes Stadion, ein Stadtderby vor nur 12000 Zuschauern; 3:0 ist es ausgegangen. Meine Begeisterung kannte trotz 2. Liga und fast leerer Betonschüssel keine Grenzen, die Beschreibung im Kunstkurs erhielt eine Spitzenpunktzahl. Allerdings sind am Ende der Saison Hertha und TeBe aus der zweiten Liga abgestiegen, eine absolute Katastrophe!

Ich habe also schon viel mit der alten Dame erlebt, das Leiden stand dabei meist im Vordergrund. Seit 1997 sage ich daher als persönliches Ziel für die Saison immer zunächst nur „Klassenerhalt“! Ab 1998 konnte ich wieder BL – Heimspiele – „zuhause“ – sehen, darunter damals den Sieg gegen den FC Bayern, ich glaube ein 1:0 durch Michael Preetz, absolute Superstimmung! Danach war ich immer so ein bis drei im Jahr dabei, mehr ist leider nicht drin.

Nach 30 Jahren „Anhänger“ bin ich 2006 „Mitglied“ geworden. Am 16.5.09 habe ich das 0:0 gegen Schalke als den emotionalen Höhepunkt (maximale Amplitude nach oben und unten) meiner Zeit mit der alten Dame erlebt. Ich habe nie verloren zuhause im Olympiastadion – bis zum 20.09. dieses Jahres, da habe ich überwiegend fassungslos das 0:4 gegen Freiburg erlebt und dachte nur noch, „wir steigen ab“. Ob es nun noch genügend Umkehrschub gibt? Klar aber ist: ich bleibe der alten Dame treu – jetzt erst recht!
Alexander alias Hertha Bischleben (überwiegend passiver und sehr dankbarer Leser des Hertha Blog).
Allen Herthanern alle guten Wünsche für das Jahr 2010!

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Mit Kommentaren zu diesem Beitrag könnt ihr Lose für das Gewinnspiel sammeln. Oder schreibt selbst einen Artikel über eurer erstes Mal mit der alten Dame und nehmt am Schreibwettbewerb teil. Wir bedanken uns bei unserem Sponsor SportsInOutlook.

Alle Geschichten des Schreibwettbewerbs sind hier aufgelistet.

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  • Wer hat das geschrieben?

    Hallo, ich bin Felix und gehöre wie die meisten Herthafans in meinem Alter, zur 98er Generation, die 2010 den ersten Abstieg miterlebt hat. (→mehr)

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3 Kommentare

  1. Am 11. Januar 2010 um 13:47 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hurra, noch jemand aus Hessen!!

    Sehr geile Geschichte, vor allem die Aktion, den Kunstkurs zu nutzen, um zu einem Heimspiel zu kommen. Genial!!

    • Thomas
      Am 11. Januar 2010 um 16:05 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Und hier kommt noch ein Hesse.

      Tja, schade Eintracht – dein Funke sprang bei mir nicht über.
      Nur Trainer Funkel sprang über: von der Eintracht zur Hertha.

      Vielleicht wär’s für Hertha andersrum besser gewesen: ich Eintracht-Fan, und dafür Hertha mit einem anderen Trainer nach dem Rauswurf von Favre.

      Aber wahrscheinlich kann auch der beste Trainer nichts machen, wenn die Kassen leer sind, und keine Spitzenspieler mehr hinzugekauft werden können.

  2. Oliver
    Am 2. Februar 2010 um 17:05 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ja, Norbert Nigbur, cooler Typ, der Frauenschwarm mit dem Pech Sepp Maier in der Nationalmannschaft vor sich zu haben. Ist leider weggegangen, zusammen mit Ete Beer und Hanne Weiner, vor der Abstiegssaison, mit der mein Hertha-Bewußtsein beginnt. Ich schreibe es immer wieder: Um das Miterleben der legendären Siebziger beneide ich euch, ihr mit dem Glück der frühen Geburt. Ich hoffe, der RBB zeigt irgendwann einmal, wenn Hertha im Championsleague-Finale steht, eine lange Nacht mit allen großen Hertha-Spielen der Siebziger.