Auswärtssieg nach schwacher Leistung

Keine Frage: Souverän war das, was Hertha da in Düsseldorf abgeliefert hat, nicht. Zu eintönig die Spielweise. Zu hastig das Passspiel. Zu behäbig die beiden Innenverteidiger. Aber: Drei Punkte! Und nur darum darf es in Liga Zwei gehen. Möglichst schnell möglichst viele Punkte holen. Und wenn Hertha mit zwei eher schwachen Auftritten schon sechs Punkte eingesammelt hat, können wir alle schonmal tief durchatmen. Ich habe das jedenfalls gestern getan, als der Schiedsrichter die Partie in Düsseldorf abpfiff. Zum ersten Mal nach gefühlten 10 Jahren hatte ich mich wieder in den Hertha-Fanblock gestellt und meinen allerersten AUSWÄRTSSIEG überhaupt gefeiert. Ein toller Start in diese Liga, an die wir uns aber bitte nicht gewöhnen wollen, so schön dieser Start dann punktemäßig auch war.

Spielerisch liegt noch einiges im Argen. Die Variante, den Ball hoch und lang auf Rob Friend zu schlagen, erinnert doch sehr stark an sehr viele letzte Bundesligaminuten in denen Alexander Madlung oder Dick van Burik vorne noch einmal die  Kopfballduelle gewinnen sollten, um den Stürmern per Abpraller vielleicht doch noch den Ausgleich zu ermöglichen. Halt nicht schön, aber gegen manche Gegner – vor allem in Liga Zwei – durchaus eine wirkungsvolle Spielweise. Hoffentlich entdecken seine Mitspieler auch noch seine Fähigkeiten als Wandspieler, den man flach bedienen kann.

Womit wir beim Hauptproblem von Raffael wären. Als er endlich ins Spiel durfte und ihm nach wenigen Minuten sogar sein Bruder Ronny an die Seite gestellt wurde, hatte ich eigentlich ein Feuerwerk der Spielkunst erwartet. Doch Raffael nahm die Bälle an, den Kopf runter und rannte los – nur um den Ball nach wenigen Sekunden wieder zu verlieren. Er muss lernen, dass da vorne kein Stürmer steht, der darauf wartet, dass er den Ball durchgesteckt bekommt, sondern dass da eben Rob Friend steht, der als eben jener Wandspieler genutzt werden kann. Lernt er es nicht, muss er sich nicht wundern, wenn ihm Domovchyiski wieder vor die Nase gesetzt wird. Der Bulgare vergab zwar eine Riesenchance, machte seinen „Fehler“ danach aber eindrucksvoll wieder gut. Und er versteht Friend als den Stürmer, der es eben ist.

Wer sich noch nicht so recht zu verstehen scheint, sind die beiden Innenverteidiger Mijatovic und Hubnik. Es war die erste Partie, die ich von Mijatovic gesehen habe und ich war ehrlich gesagt etwas erschrocken, wie wenig Zweikämpfe der Kapitän gewann und wie viele einfache Fehler der mit 30 Jahren, 93 Zweitliga- und 43 Erstligaspielen eigentlich erfahrene Abwehrchef gemacht hat. Auch Roman Hubnik gewann kaum mal ein Kopfballduell und durfte sich zweimal bei Torwart Aerts bedanken, dass es kein Gegentor gab.

Doch genug des Negativen. Es ist bereits nach 24 Uhr und die Meldung eines Wechsels von Adrian Ramos nach Hoffenheim ist ausgeblieben, was heißt, dass das Kolumbianer unsere rechte Seite in dieser Zweitliga-Saison beackern wird. Mit seiner Schnelligkeit ist er dort die Idealbesetzung, egal ob Daniel Beichler irgendwann wieder fit wird oder nicht. Auch Toni Nikita Rukavytsya gefiel mir gegen Düsseldorf gut, auch wenn er direkt nach der Pause das 3:0 hätte erzielen müssen. Der anschließend eingewechselte Ronny nutzte seine Chance allerdings genausowenig wie Raffael.

Auf den beiden Sechser-Positionen war ich von Fanol Perdedaj beeindruckt, der auch mit zunehmender Spieldauer noch Mach-3-Sprints im Petto zu haben schien. Er ergänzte sich hervorragend mit Peter Niemeyer, der das 2:0 mustergültig vorbereitete und auch sonst die Mannschaftsteile gut zusammenhielt. Er könnte der junge Dardai werden, der mit Fabian Lustenberger zusammen die Zentrale zumacht. Allerdings sollte man den jungen Perdedaj nicht zu schnell abhaken.

Bleibt der Trainer, der nach dem Spiel erfreulicherweise nicht versuchte, das Spiel schön zu reden, sondern im Gegenteil davon sprach, dass seine Mannschaft von der ersten bis zur 90. Minute schwach gespielt habe.

Da freut man sich doch schon auf die Spiele, in denen sein Team von der ersten bis zur 90. Minute gut spielt. Solange es am Ende dann drei Punkte gibt wohlgemerkt. Denn wie man gut spielt und trotzdem verliert haben wir in der Rückrunde der letzten Saison ja oft genug erlebt.

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    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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19 Kommentare

  1. Am 1. September 2010 um 00:27 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Toni Rukavytsya??? Der heißt Nikita!

    • Daniel
      Am 1. September 2010 um 00:30 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Natürlich – Anfängerfehler. Ich bin erst seit Sonntag aus dem Urlaub zurück ;)

      • Am 1. September 2010 um 01:06 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Es sei dir verziehen :-)

  2. Daniel
    Am 1. September 2010 um 00:28 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Vergessen habe ich Christian Lell – vielleicht weil ich ihm immer noch sehr sehr kritisch gegenüberstehe. Er hatte gute Szenen, aber auch sehr schlampige. Für einen, der mal Champions League gespielt hat, war das jedenfalls noch deutlich zu wenig.

    • Daniel
      Am 1. September 2010 um 00:28 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Hehe, und Kobi, der solide war.

  3. Enno Enno
    Am 1. September 2010 um 08:24 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich habe vor dem Fernseher die letzte halbe Stunde große Sorgen gehabt, dass der Ausgleich noch fallen könnte. Da war Hertha wirklich wenig souverän. Da braucht es mehr Cleverness, um so ein Spiel ruhig über die Bühne bringen zu können. Ich habe mich sehr darüber gewundert, dass die Mannschaft offensichtlich nicht in der Lage war, das Spiel durch viel Ballbesitz zu kontrollieren. Ganz im Gegenteil wurden die Bälle teils wild aus der Abwehr raus geschlagen. Das sah schon fast verzweifelt aus. Das lag eher nicht an den eingewechselten Ronny und Rafael. Sie kamen in ein Spiel, das schon völlig zerfahren war und in dem man kaum noch etwas gestalten konnte. Die Kritik ist zwar berechtigt, aber man muss abwarten, wie Rafael spielen wird, wenn er von Beginn an ran darf.

  4. Josh
    Am 1. September 2010 um 08:56 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hallo Daniel,

    schöne Zusammenfassung, ich persönlich raff es auch nicht so ganz warum wir immer so hektisch spielen. Die spielerische Überlegenheit ist da, nur muss man die eben auch gezielt und souverän einsetzen.
    Der einzige Spieler der das bei uns zur Zeit beherrscht ist Niemayer. Ruhig und abgeklärt lenkt er das Spiel, während andere oft durch wildes Ballwegschlagen auffallen. Mir scheint, als wären viele sehr nervös und der Druck der Mission Wiederaufstieg scheint größer als zuerst gdacht.
    Nach dem 1:0 wurde das besser und DüDo kam nicht mehr ins Spiel, denn eigentlich bestand deren Angriffsplanung darin, die Bälle einfach von der Seite hoch vor das Tor zu ballern. Dass wir damit solche Probleme bekommen, war mir auch etwas schleierhaft. Gefühlte zwei-meter-Kerle in der IV und die verlieren fast jedes Kopfballduell.
    Leute, das Pendel ruft ;)

    Die Kritik an Raffael halt ich jedoch für etwas zu drastisch. Er kam spät rein, als das Spiel zerfahren war, und er musste auf die linke Seite.
    Domo macht zwar seine Tore, aber im kreativen Offensivspiel sehe ich da noch gar nichts. Ist eben auch nicht so sein Spiel, von daher sehe ich auf jeden Fall die Notwendigkeit Raffa auf die 10 zu setzen im nächsten Spiel.

    Insgesamt positiv muss man aber sehen, dass sich unsere Spieler wirklich reinhängen. Da wird endlich mal draufgegangen. Auch mal ne gelbe kassiert, um den Gegner an einem guten Angriff zu hindern.
    Der Einsatz stimmt, jetzt müssen nur noch die spielerischen Elemente eingebaut werden.

    Gruß
    Josh

  5. Schoddie
    Am 1. September 2010 um 09:22 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ein Kompliment muss man den Fans machen. Starke Leistung über 90 Minuten. Noch mehr, selbst in der Halbzeitpause wurde vereinzelt gesungen. Nur einmal war es ganz ruhig. 2. Halbzeit, kurz vor Schluss, wir im Angriff. Das einzige (!) Mal im Spiel haben wir vor unserer Kurve Einwurf. Es könnte noch einmal eine Chance geben. Alle sind still. Zum Glück nicht lange.

    Endlich mal wieder ein Spiel (Sieg) bei mir in der Nähe. Hab ich lange drauf warten müssen…

  6. Am 1. September 2010 um 11:23 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Mijatovic hat mit zunehmender Spieldauer die eine oder andere brenzlige Situation hinten bereinigen können. Die Kritik an Raffael empfinde ich durch seine späte Einwechslung auch für zu hart. Abgesehen davon war er an der besten Offensivkombination des gesamten Spiels beteiligt wo er mit Ramos in den Doppelpass geht. Allerdings versoltperte Ramos den Ball dann aus aussichtsreicher Position ohne einen Schuss abgeben zu können. Trotzallem sah der Spielzug durchaus erstklassig aus.
    Meine größten Enttäuschungen des Spiels waren Ramos, der irgendwie nichts auf die Beine bekommen hat und ständig den Ball verlor, schlechte Pässe spielte, teilnahmslos bei Ecken verteidigte und immer gefühlte 2 Sekunden zu spät agierte. Auch Lell hat Phasenweise an einen Marc Stein erinnern lassen.

    Mit Düsseldorf wurde nun aber ein extrem (Heim)starker Konkurrent geschlagen, der im letzten Jahr bis zuletzt um den Aufstieg gespielt hat. Bis auf zwei Paraden von Aerts und den Sonntagsschuss von Wellington hat Hertha aber auch selten in den ersten 80 Minuten einen gefährlichen Ball auf das Tor bekommen. Düsseldorf war zwar phasenweise überlegen, aber die Schussversuche sahen überwiegend sehr kläglich aus. Es werden noch definitiv einfacherere Aufgaben auf uns zukommen und ich bin froh, dass wir so gut in die Saison gestartet sind. Das Programm der ersten Spieltags ist sicherlich nicht als das leichteste zu bezeichnen. Schon in einem Monat werden wir wissen, ob Hertha mit den Favoriten der Liga mithalten kann.

  7. Am 1. September 2010 um 20:45 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ach Daniel, ich hab noch ne Frage: Was meinst du mit „Wandspieler“?

  8. Am 1. September 2010 um 23:49 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Dem allgemeinen Tenor Daniels stimme ich durchaus zu, aber ich halte auch viele der hier bereits geäußerten Einwände berechtigt. So hat z.B. Raffael sofort nach seiner Einwechslung eine lange vermisste technische Qualität ins Spiel gebracht. Die war zwar noch nicht effektiv, aber wie ein Spiel ohne diese Option aussieht, haben wir ja gesehen. Auch Mijatovic hat sich im Verlauf der Partie sichtbar gesteigert.

    Wer aber aus meiner Sicht einen rabenschwarzen Tag erwischt hatte, war ausgerechnet Ramos. Von seinen Pässen in die Tiefe kam so gut wie nichts an, und auch die Abschlussversuche waren eher schwach. Man ahnte zwar bei jeder Aktion, was für eine Gefahr er ausstrahlen könnte, aber der Beweis dafür blieb diesmal aus.

    Wenn der einzige Stürmer Rob Friend heißt, hat das leider Vor- und Nachteile. Die Vorteile sind Kopfballstärke, Durchsetzungsvermögen im Strafraumgewühl und ständige Gefahr für die gegnerische Abwehr bei Standards. Das ist enorm wichtig, gerade in Liga 2, aber in der B-Note gibt es dafür konsequent und ständig Abzüge. Spiele gewinnt man dann so wie Montag. Und richtig: Nur darauf kommt es auch an.

    Vielleicht aber, und das ist die Meinung eines begeisterten Laien, vielleicht hätte es dem Spiel am Montag auch gut getan, nach der 2:0 Führung irgendwann im Verlauf der 2. Halbzeit von diesem Konzept abzuweichen und mit Djuricin den Stürmer zu bringen, der einen der vielen Pässe durch die Abwehr hindurch einfach mal antizipiert und durch seine Schnelligkeit ausnutzt. Wo er doch eh den berühmten „Lauf“ hat, der sich statistisch wohl nicht nachweisen lässt, uns allen aber immer wieder begegnet ;-)

  9. Daniel
    Am 2. September 2010 um 00:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Also was Raffael angeht, hab ich eure Einwände mit Interesse gelesen, ich bleibe aber dabei, dass er viel zu oft das Dribbling gesucht hat (und anschließend den Ball verlor) oder zu lange brauchte, um sich zu orientieren (und dadurch den Ball abgenommen bekam). Handlungsschnell war das nicht, im Gegenteil. Ich sehe das ein bisschen so wie Babbel: Raffael ist einer, wenn nicht der beste Spieler der zweiten Liga. Aber das muss man dann eben auch sehen, wenn er auf den Platz kam. Und das war nicht der Fall.

    Bei Ramos hab ich wohl noch meine „hoffentlich bleibt er, wenn ich mit Kritik spare“-Brille aufgehabt. Bei ihm ist es wie mit Raffael: Wir wissen, dass er viel mehr kann und erwarten Entsprechendes.

    Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass wir beides in dieser Saison noch des Öfteren erleben werden.

  10. klein erna
    Am 2. September 2010 um 12:48 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich hoffe einfach mal, dass die Hertha das nächste Heimspiel gegen Bielefeld schon souveräner gestaltet. Zumal ich diesen Gegner nicht so stark erwarte wie Fortuna Düsseldorf.

    • herthawolf
      Am 2. September 2010 um 20:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Könnte klappen – Wichniarek spielt ja nicht mehr mit – war ein schrecklicher Ausgleich im August 2008 in Berlin.

  11. Rudi Radlos
    Am 2. September 2010 um 18:18 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Täuscht mich mein Gedächtnis, oder waren nicht Carsten Janker oder Jan Koller die Archetypen des Wandspielers? Hätte nicht Serbien während der WM 2010 nicht auch vorne so eine Spieler drin, der zum 1:0 gegen Deutschland auflegte.
    Ein unausgereifter Prototyp war sicher auch der Spieler Jürgen Klinsmann mit dem wunderschönen Beinamen „Flipper“.