Auszug aus dem Opernhaus?

Foto: Boris Streubel/Getty Images

Foto: Boris Streubel/Getty Images

„Sonntags sieht man ganz Berlin, vergnügt zur Plumpe zieh’n“ heißt es in einem der älteren Hertha-Schlager, der jedes zweite Wochenende bei den Heimspielen im Berliner Olympiastadion gespielt wird. Mal ganz davon ab, dass der Hauptspieltag der Bundesliga längst der Samstag ist (obwohl man mittlerweile ja fast sagen muss: noch), spielt Hertha BSC schon seit Jahrzehnten nicht mehr in der Plumpe. Die frühere Heimstätte des größten Berliner Fußballklubs wurde in den 70er Jahren abgerissen.

Die Plumpe ist Geschichte, an ihre Stelle hat die Berliner Stadtplanung mittlerweile ein paar Wohnhäuser hochgezogen. Der aufwändig renovierte S-Bahnhof Gesundbrunnen ist von hier fußläufig erreichbar, großen Fußball hat man trotz zweier übrig gebliebener Sportplätze aber schon länger nicht mehr gesehen. Der SV Norden-Nordwest 98 spielt in der Kreisliga A und hat mit der Bundesliga nur noch insofern eine Geschichte, als dass Hertha BSC und der SV Norden-Nordwest 1949 aus der SG Gesundbrunnen hervorgingen. Die Mitglieder der SG hatten sich damals mit 113:7 für den Namen des heutigen Bundesligisten entschieden. Wäre es anders gelaufen, wäre das Plumpe-Lied heute ein anderes (übrigens alles nachzulesen in Michael Jahns Hertha-Lexikon).

Doch genug der einleitenden Worte. Es soll hier nicht um die Plumpe gehen, sondern um das Olympiastadion, an dem Hertha – so hört man – nicht halb so sehr hängt wie an seinem Vereinsnamen. Michael Preetz hat sich öffentlich Gedanken darüber gemacht, wie es denn wäre, wenn Hertha die Wahl hätte:

„Das Olympiastadion ist eine wunderschöne Arena, aber man stelle sich mal vor, wie die Stimmung unserer großartigen Ostkurve erst in einer reinen Fußball-Arena wäre. Es ist jetzt die Zeit gekommen, über moderne Lösungen nachzudenken…“

Ja, das stelle man sich mal vor. Ein Hertha-Stadion ohne Laufbahn. Die Zuschauer so richtig nah dran am Spielgeschehen. So laut, dass sich die Spieler die Ohren zuhalten müssen. Das hätte doch was, oder?

Wenn man mich fragt: Ja, das hat was. Das Olympiastadion ist ein tolles Finalstadion. Eins, in dem man schöne Ehrenrunden mit Pokal drehen kann und dessen Atmosphäre sich unter Flutlicht und ohne leere Plätze komplett entfaltet. Aber das Olympiastadion ist keines für einen Klub, der nach vier, fünf Fahrstuhljahren endlich mal wieder sportlichen Erfolg hat und trotzdem nur 45.000 Zuschauer pro Spieltag anlockt. Ein Fußballstadion, dass nur zu zwei Dritteln gefüllt ist, hat schon ein Stimmungsproblem. Ein Leichtathletik-Stadion fühlt sich dann an wie die Bundesjugendspiele der Grundschule im Beerwinkel in Spandau. Wer in einem normalen Bundesligaspiel bei Hertha auf der Seite des Marathontors ein Tor erzielt und zum Jubeln in die falsche Ecke abdreht, blickt häufig einfach nur auf  sehr viele leere, graue Stuhlreihen.

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images)

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images)

Jetzt kann man sagen: Hertha ist nicht sexy genug. Hertha ist nicht konstant erfolgreich genug. Hertha hat in Berlin zu viel Konkurrenz. Vermutlich ist es von allem etwas. Doch allen voran ist das Stadion nicht besonders attraktiv für Zuschauer. Um das zu belegen muss man ja nur einen Blick auf die Zuschauerschnitt-Entwicklung der gesamten Bundesliga legen. Als Hertha damals 1997 in die Bundesliga aufstieg, hatte Berlin aus dem Stand den zweitbesten Zuschauerschnitt der Liga. In den drei Folgejahren zog nur der BVB vorbei, bis es ab dem Jahr 2000 im „Oly“ so richtig unattraktiv wurde, weil das Stadion für die WM 2006 umgebaut wurde. Damals hatten Vereine wie der Hamburger SV (41.000), 1. FC Köln (33.000) oder Eintracht Frankfurt (28.000) deutlich geringere Zuschauerzahlen.

In der Folge erhielten viele Klubs im Zuge der WM neue, moderne Fußball-Arenen ohne Laufbahn, während Hertha weiter im Opernhaus Olympiastadion antrat und einen Zuschauerschnitt von immer etwas mehr als 40.000 einfuhr. Das ist für ein 50.000 Zuschauer fassendes Stadion völlig in Ordnung. Aber für einen 74.500 Zuschauer fassendes eben sehr sehr wenig. Und weil Fußball-Fans auch immer Event-Gänger sind, die etwas erleben wollen, fällt die Wahl für sie immer seltener auf das zugige Olympiastadion, in dem sich Jubel nur ab 55.000 Zuschauern aufwärts wirklich gigantisch anhört. Zu Hertha zu gehen, ist in diesem Sinne kein Erlebnis. Deshalb muss die Verbindung zu Hertha (oder der Gastmannschaft) schon sehr groß sein, um sich für ein Ticket im Olympiastadion zu entscheiden.

Anders ist das in engen Fußball-Arenen. Ich werde nie vergessen, wie laut es damals beim DFB-Pokalspiel in Osnabrück (Hertha gewann kurz vor Weihnachten mit 2:0) war und wie dicht die Atmosphäre unter dem Wellblechdach. DAS war ein Event, selbst für die Osnabrücker, die verloren hatten. Das will man wieder erleben, am liebsten jedes Wochenende. An so eine Stimmung kann ich mich bei Hertha nicht erinnern. Vielleicht damals im Aufstiegsjahr, 2:0 gegen Kaiserslautern, 76.000 in der 2. Liga.

Aber ins Olympiastadion zu gehen, das ist bei gutem Wetter ein netter Ausflug ins weitläufige Rund. Bei schlechtem Wetter ist es einfach nur kalt. Es ist kein Ort, der für sich selbst ein Erlebnis bietet (wenn man sich nicht gerade für Architektur und Geschichte interessiert), weil er so laut, so dicht, so atmosphärisch einmalig ist. Es ist ein Ort für eine Mannschaft wie Real Madrid, die aus sich selbst heraus strahlt und die Spielstätte zum Theater macht. Hertha im Olympiastadion, das war in den letzten Jahren leider oft wie der Auftritt eines drittplatzierten DSDS-Kandidaten im Madison Square Garden von New York. Vollkommen deplatziert.

So hart das klingen mag: Das Olympiastadion ist zu groß für Hertha. Die Frage ist jedoch: Was ist die Alternative? Gibt es überhaupt eine? Hertha hat bis zum Einstieg von KKR jeden Cent dreimal umdrehen müssen und redet jetzt von einem neuen Stadion? Meine These: Preetz‘ Vorstoß sollte zwei Dinge bewirken.

  1. Potenzielle Investoren einen Stadion-Neubau schmackhaft machen. XYZ-Arena in Berlin, Hertha als Mieter, da muss es doch jemanden geben, der da Bock drauf hat. Falls ja: Wir sind gesprächsbereit.
  2. 2017 läuft der Vertrag mit der Stadt aus. Berlin hat Hertha in den letzten Jahren mehrfach mit Mietstundungen geholfen. Trotzdem will Preetz zeigen: Das wird nicht ewig so weitergehen. Das Olympiastadion ist teuer und wir hängen nicht gerade dran. Also kommt uns gerne bei der Miete noch etwas mehr entgegen.

Was Preetz‘ Vorstoß nicht bewirken sollte: Den Eindruck erwecken, dass Hertha um jeden Preis ein neues Stadion will. Ja, es ist eine Option. Oder vielmehr der Anfang einer Option. Dass man bei Hertha mittlerweile überhaupt darüber nachdenkt, aus dem Opernhaus Olympiastadion auszuziehen, ist aber schon ein deutliches Zeichen.

This entry was posted in Hertha BSC and tagged , . Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.
  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

    Ich würde mich freuen, deine Meinung zum Artikel zu erfahren. Schreib doch einen Kommentar und diskutiere mit!

    Und bleib auf dem Laufenden: Abonniere neue Beiträge des Hertha BSC Blogs (RSS-Feed / E-Mail)

5 Kommentare

  1. Am 27. März 2016 um 21:25 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Einspruch Euer Ehren,

    die Vorstellung, dass Michael Preetz die Vorstellung hat, dass der Senat Hertha bei der Miete entgegen kommt, geht an der Realität vorbei. Bei Hertha wissen sie, dass der Mietvertrag mit der Betreibergesellschaft ( = dem Land Berlin) der vergangenen 12 Jahre einer der günstigsten in Deutschland war. Bei Hertha wissen sie auch, dass für den nächsten Mietvertrag, der für den Zeitraum ab Juli 2017 abzuschließen ist, eine marktübliche Preissteigerung seitens der Betreibergesellschaft normales Geschäftsgebaren wäre. Will sagen: Michael Preetz geht es mit seinen Äußerungen zu einem Fußballstadion eben nicht um Muskelspiele für einen günstigen Vertrag im Olympiastadion

    • Daniel Daniel
      Am 28. März 2016 um 13:56 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Danke für die Einschätzung! Ich bin gespannt, was die Machbarkeitsstudie ergeben wird, die es ja nach den gar nicht so negativen Reaktionen ja eigentlich geben muss.

  2. W.Th. Edel
    Am 27. März 2016 um 22:58 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Das Eine machen, ohne das Andere zu lassen! Ist das Möglich? Vor Jahren gab es Gedankenspiele, die zugegebener Maßen nicht für lau zu haben sind. Abgesenkte bzw. absenkbare Spielfläche mit der Option die unteren Ränge ans Spielfeld hydraulich heranzufahren (in wenigen Stunden). Weltweit gibt es derartige Arenen. Kreativität ist gefordert. Eine Mischfinazierung ist einzig realistisch. Namensgebung ist wichtig. Wer möchte schon den Markennamen „Olypiastadion“ aufgeben? Wohl keiner. Also, müssen Kompromisse her… Das soll nur ein Denkanstoss sein – auch für den laut denkenden (wer mag´s verdenken) Michael. Äußert euch doch einmal dazu… Vielleicht kann man etwas bewegen…?

    • Am 28. März 2016 um 12:15 Uhr veröffentlicht | Permalink

      @WthEdel

      verstehe die Gedankengänge nicht. Die Analyse bei Hertha lautet: „Das Olympiastadion ist zu groß für uns. Und die Fans sitzen zu weit weg.“

      Da soll die Antworten lauten:

      1) Wir vergrößern das Olympiastadion, in dem das Spielfeld abgesenkt wird und dadurch einige tausende Plätze entstehen, die direkt am Feld wären? Mit dem Resultat, dass Hertha künftig statt vor 75.000 Plätzen vor, sagen wir, 82.000 spielen würde?

      2) Mit dem weiteren Resultat, dass die bisherigen 75.000 Plätze – wir erinnern uns: Vorwurf: zu weit weg – alle um noch einige Meter mehr entfernt wären vom dann abgesenkten Feld?

  3. W.Th. Ed.
    Am 29. März 2016 um 00:05 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Für die, die gerne noch etwas optischen Anreiz brauchen. So könnte es aussehen (siehe Link unten). Hier eine Dauerlösung, mit der sich die Stadt wohl nicht abfinden würde. Es gibt aber auch variable Lösungen, sodass die Laufbahn bei entspr. Events genutzt werden könnte. Ich sehe weniger die Größe als Problem. Vielmehr die große Entfernung zu den Akteuren. Ein neues Stadion wird vorerst keine Option sein.

    http://images.google.de/imgres?imgurl=http://www.bz-berlin.de/data/uploads/multimedia/archive/00417/olympiastadion_417990a-768×432.jpg&imgrefurl=http://www.bz-berlin.de/artikel-archiv/olympiastadion-ohne-laufbahn-fuer-hertha&h=432&w=768&tbnid=h_n32PAA2kNbYM:&tbnh=90&tbnw=160&docid=yRQOvkorsu8-bM&usg=__k7AEdJ76OXtJLG6O8JKOueBU7L8=&sa=X&ved=0ahUKEwjzr-a7veTLAhWBfhoKHUWoBFIQ9QEILTAB