Babbel, der Konzepttrainer

Und plötzlich haben wir einen Konzepttrainer. Das erinnert an berühmte Geschichten: von der Putze zur Prinzessin, vom Tellerwäscher zum Millionär, vom ideenlosen Übungsleiter zum Konzepttrainer. Die medienwirksame Evolution des Markus Babbel – was ein Sieg beim seit 18 Spielen in Folge zu Hause ungeschlagenen Tabellenführer doch alles bewirken kann.

Das 2:1 in Dortmund hat ruhrgebietstypisch vieles zutage gefördert, was vorher ein bisschen im Argen gelegen hatte. Die Bundesligatauglichkeit der Hertha-Abwehr zum Beispiel. Was hatten wir uns Gedanken gemacht in der damaligen Zweitliga-Saison. Nein, André Mijatovic würde niemals bestehen gegen diese blitzschnellen Dortmunder Dribbler, nach dem Aufstieg müsse er dringend ausgetauscht werden, damit wir da nicht die Hütte voll bekommen. So habe auch ich argumentiert, doch Mijatovic hat mich und all seine Kritiker eines Besseren belehrt. Zusammen mit Roman Hubnik, Peter Niemeyer und Andreas Ottl hielt er die Mitte dicht und köpfte jede hohe Hereingabe (bis auf eine, bei der Kollege Hubnik ein bisschen spät dran war) aus dem Gefahrenzentrum.

Oder die Torgefahr. Was haben wir uns Gedanken gemacht darüber, dass mit der Doppelsechs Ottl/Niemeyer zu wenig Impulse nach vorne gelingen würden, dass zu langsam umgeschaltet würde, dass keine Torchancen erspielt würden. Wie sollte es mit dieser defensiv besetzten Ausrichtung gelingen, den deutschen Meister oder überhaupt eine gegnerische Mannschaft der Eliteliga in Bedrängnis zu bringen? Die Antwort auf diese und all die anderen kritischen Fragen kommt aus Fortaleza im Norden Brasiliens und hört auf den Namen Raffael Caetano de Araujo.

Man kann über den brasilianischen Mittelfeldspieler sagen was man will – vor allem, dass er beim Tor eigentlich hätte abspielen müssen – aber in seiner aktuellen Verfassung ist Raffael für Hertha unverzichtbar. Wie er sich Bälle in der Defensive erarbeitet und den Ball dann nach vorne trägt, das wurde zwar von mir auch schon im Nachhall der Auftaktniederlage gegen Nürnberg kritisiert. Aber wenn er es so, nennen wir es kakaesk – denn sind wir ehrlich, der Vergleich mit Lionel Messi hinkt, nicht nur weil Messi Argentinier ist und damit für Raffael als Vorbild ausfällt, sondern weil jeder Vergleich mit Lionel Messi nur hinken kann, aber dieser Kaka hat in seiner Hochzeit ähnliche Dribblings auf den Rasen gezaubert, wie es deutsche Künstler vor Özil und Götze nur auf der Leinwand vermochten – wenn er also so kakaesk den Ball durch die gegnerischen Reihen treibt, die Gegenspieler nicht als Hindernisse wahrnimmt, sondern als Partner, die seiner Art Fußball zu spielen, Nachdruck verleihen. Einer Art, die (manchmal zum Leidwesen seiner Mitspieler) keine Mitspieler braucht. Wenn er so spielt, dann zittern den gegnerischen Abwehrspielern schon beim Verlesen der Aufstellung die Beine.

Markus Babbel hat lange mit diesem Umstand Raffaelschen Wirkens gehadert. Sicherlich hätte auch er lieber einen Götze gehabt, der am liebsten jeden Ball direkt zum Mitspieler zurückklatschen würde und damit von Gegenspielern nie zu fassen ist. Babbel hat versucht, seinen launischen Brasilianer defensiv einzugemeinden, hat ihn auf der Sechs spielen lassen und in der Endphase der Zweitliga-Saison in der Start-Aufstellung sogar für verzichtbar gehalten. Es war sein Glück, dass der eigentlich zur Eingeschnapptheit neigende Raffael das nicht als Grund dafür sah, eine Wechselabsicht zu forcieren. Nein, Raffael trainierte weiter – und belohnte sich selbst mit wichtigen Toren, die Defensive mit viel Entlastung und Markus Babbel für seinen Mut.

Dieser Babbel, der nun plötzlich in eine Reihe mit Thomas Tuchel getreten ist. Der vor dem Spiel einen Matchplan ausarbeitet und – wichtiger – die Mannschaft dafür hat, diesen umzusetzen. Denn mal ehrlich: Zu wissen, dass der BVB vor allem durch die Mitte den Torerfolg sucht, dafür braucht man offensichtlich nicht mal Ahnung vom Fußball zu haben. Das ist offensichtlich. Auch die daraus logisch Schlussfolgerung, den Gegner häufig über die Außen kommen zu lassen, um die Hereingaben von den kopfballstarken Abwehrspielern klären zu lassen, bedarf keiner Fußball-Lehrer-Ausbildung. Wenn man dann noch auf technisch starke Spieler mit „brutaler Qualität“ (Jürgen Klopp) wie Raffael oder Adrian Ramos zurückgreifen kann, die diesen Konterfußball perfekt umsetzen können, fragt man sich fast, wo der plötzliche Hype herkommt.

Aber man muss seine Mannschaft natürlich erst einmal eine Woche lang darauf hin vorbereiten, sie auf die spezielle Art der Dortmunder einstellen, den Spielern den Glauben schenken, dass es mit diesem Mittel funktionieren kann und schlussendlich, das haben wir bei Lucien Favre gesehen, benötigt man halt als Trainer auch das Quäntchen Glück, das Hertha in Dortmund hatte. Markus Babbel hatte es und sollte seine Mannschaft am Ende der Saison den Klassenerhalt schaffen, wird man sich vielleicht an dieses Schlüsselspiel in Dortmund erinnern, das aus einem zu Beginn der Saison verunsicherten Aufsteiger einen selbstbewussten Teilnehmer der Bundesliga sowie aus einem manchmal angezweifelten Übungsleiter aus dem Schwabenland einen Konzepttrainer machte.

Natürlich hat er den Vorteil, dass von seiner Mannschaft in solchen Spielen nichts erwartet wird. Ob das Konzept Babbel über den Konterfußball gegen die Großen der Branche hinaus erfolgreich ist, wird sich schon am kommenden Samstag gegen Augsburg zeigen. Dann muss Hertha das Spiel machen.

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    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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16 Kommentare

  1. borp
    Am 13. September 2011 um 10:57 Uhr veröffentlicht | Permalink

    …habe mich über den Kakaesken Bandwurmsatz (war das eine literarische Anspielung?) gefreut… fast so sehr wie über Raffael und den Coach, die offensichtlich einiges anders machen als noch letztes Jahr. Hat Raffael in der zweiten eigentlich mal in zwei Spielen hintereinander gescoret? Sahen seine Soli da auch (manchmal) so schön aus? Manchmal frage ich mich, ob sich der Spieler verändert hat oder nur meine Wahrnehmung.

    Dennoch bin ich ängstlich vor Augsburg. Das Spiel machen konnte die Hertha wohl seit 97 nicht mehr… und wann war das mehr gefragt, als gegen Augsburg?

    • Daniel
      Am 13. September 2011 um 11:22 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Das wird wieder so ein ätzendes Geduldspiel. Aber wenn Hertha es am Ende 1:0 gewinnt, hab ich auch nix dagegen.

  2. Klaus
    Am 13. September 2011 um 11:03 Uhr veröffentlicht | Permalink

    So, jetzt wolle mer den heißen Medienbrei mal wieder abkühlen: a) Wer hinten drin steht, muss nicht schnell sein. Würde man überfallartige Dortmunder Konter zu gewärtigen haben, so wäre ein langsamer IV ja viel eher ein Problem. Wo also ist die Riesenüberraschung? b) Markus Babbel ist in den letzten Tagen keineswegs plötzlich auf dem Trainerolymp aufgewacht, neben sich Hennes Weisweiler und Udo Lattek. Sondern er hat – nach dem Nürnberg-Schock – Eindrücke geradegerückt: Diese Hertha und ihr Trainer haben sehr wohl etwas in der Bundesliga zu suchen! (Alles andere wäre nach der souveränen Zweitligasaison ja auch sehr seltsam gewesen.) c) Herthas Bilanz ist gut und äußerst erfreulich. Aber in welcher Verfassung traf man denn die Gegner an? Da waren biedere Nürnberger, desolate Hamburger, Hannoveraner kurz vor ihrem wichtigsten Spiel seit Jahren (in der Europaleague). Es folgte ein ordentlich spielender, doch keinesfalls überragender VfB, der mit ein wenig Glück bewzungen wurde. Und schließlich ein BVB, der die Form der Vorsaison noch sucht, ebenfalls vor einem wichtigen Europa-Kick steht, Sahin noch nicht ersetzen konnte und auf Götze und Barrios verzichten musste – ergo ein ziemlich durchschnittliches Team. Gegen diese ganzen Kollegen hat Hertha acht Punkte geholt, und es hätten auch neun oder zehn sein können. Bravourstück? Nein. Aber eine saubere Leistung eines gut eingespielten Teams. Und für eine Aufsteigerstadt mit dünnen Nerven sehr beruhigend – außer wenn erste Berufshysteriker schon wieder über höhere Ziele nachzudenken beginnen…

    • Daniel
      Am 13. September 2011 um 11:20 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Schon klar, dass er nicht plötzlich aus dem Trainerolymp aufgewacht ist. Seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit war aber nicht die eines Matchplan-Trainers. Vielmehr hatte man in Liga 2 häufig das Gefühl, dass er sich auf die Qualität seiner Offensivleute verlässt und die Mannschaft nach den Beckenbauer-Mottos: „Schaun mer mal“ und „Gehts raus und spuits Fußball“ auf den Platz schickt.

      In welcher Verfassung die Gegner waren, spielt, finde ich, keine Rolle. Womit ich nicht in Abrede stelle, dass der BVB und Hannover geschwächt waren. Aber das gehört eben zu einer Bundesliga-Saison dazu.

      • dns
        Am 13. September 2011 um 11:24 Uhr veröffentlicht | Permalink

        ey, vordrängeln is nich ^^

    • dns
      Am 13. September 2011 um 11:23 Uhr veröffentlicht | Permalink

      zu c)
      Dass der Gegner grad keinen guten Tag hatte, ist keine Entschuldigung (für einen Sieg oder ein Unentschieden). Schon garnicht im Nachhinein. Oft erwischt eine Mannschaft ja den nicht so guten Tag erst mit dem Abpfiff.
      Stünde man jetzt mit 2 Punkten da, hieße es nicht: „Dortmund, Hannover, Stuttgart waren nicht auf der Höhe oder hatten schwere Spiele vor sich“. Da wäre die Analyse, dass es Babbel und seine Mannen einfach nicht gepackt haben, weil dieser oder jener nicht das Zeug dazu hat. Nun ham wir mehr Punkte auf dem Konto, als so mancher gedacht hatte, schon heißt es, der Gegner war ja auch nich so dolle…
      Nene, so lass ich das nicht gelten.

  3. Am 13. September 2011 um 18:20 Uhr veröffentlicht | Permalink

    „…Übungsleiter aus dem Schwabenland…“

    Der Herr Babbel mag lange in Stuttgart gewesen sein, aber er ist doch ein Münchner ;-)

  4. Am 13. September 2011 um 18:48 Uhr veröffentlicht | Permalink

    So gerne ich über Babbel motze, so muss man ihm doch auch mal zugestehen, wenn er etwas gut gemacht hat. Das mit Dortmund hat er gut gemacht. Und obwohl ich es immer noch nicht glauben kann, scheint er auch bei Raffael die richtige Ansprache gefunden zu haben.

    Aber ein „Konzepttrainer“ wird er dadurch allein natürlich nicht. Es ist eine Sache, eine Mannschaft optimal auf einen Gegner einzustellen. Aber das ist reines Reagieren. Das mag bei Teams angemessen sein, die man als überlegen ansieht und die bestimmte charakteristische Merkmale haben, aber man braucht jenseits dieser rein taktischen Überlegungen auch eine Strategie, eine Idee davon, wie die eigene Mannschaft spielt, wenn der Gegner nicht die entscheidenden Impulse setzt, wenn man nicht nur zu reagieren braucht, sondern auch mal agieren muss. „Schnelle Balleroberung, schnelles Umschalten“ ist keine schlechte Idee, und demzufolge sind auch andere Vereine schon auf den Trichter gekommen, aber das muss mit Fleisch gefüttert werden, da müssen Automatismen her etc.

    Da fehlt es mir immer noch. Aber vielleicht braucht das ja noch.

    Übrigens schon interessant, dass die „Helden“ dieses Spiels unsere aus der 2.Liga bekannten Größen sind, oder? Deswegen hier mein ceterum censeo: Warum also nicht Lusti statt Ottl?

  5. junichi
    Am 13. September 2011 um 19:36 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Da schließe ich mich dem Rayson an und zolle dem hübschen Wortspiel von Daniel meine Achtung.

  6. Blauer Montag
    Am 16. September 2011 um 07:36 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Tja, was ist ein Konzept?
    Ein Matchplan?

    Zumindest für das nächste Spiel gegen Augsburg scheinen die Trainer einen Plan zu haben, und sie gestalten danach das Training. Beim letzten öffentlichen Training am Mittwoch Nachmittag wurden verschiedene offensive Spielzüge bis zum Torschuss trainiert. In der Regel wurde der Ball mit schnellen Flachpässen und vielen Positionswechseln bis vor den Kasten von Burchert gespielt. Währenddessen arbeiteten Aerts und Kraft alleine mit dem Torwarttrainer.

  7. Am 16. September 2011 um 10:56 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Der Babbel hat sich echt toll gemacht. Ich finds hammer das er nach seiner schlimmen Krankheit noch so fit ist

  8. Schoddie
    Am 18. September 2011 um 22:26 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Jetzt braucht er nur noch ein Konzept für die Heimspiele / -siege…

  9. Blauer Montag
    Am 19. September 2011 um 08:39 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Moin Schoddie,
    Ein Plan für einen Heimsieg war (nach meinem Trainingseindruck) wohl da.
    Allein …
    – die Mannschaft hat ihn unzureichend ausgeführt,
    – der Gegner hat die Ausführung verhindert.

  10. Am 19. September 2011 um 11:14 Uhr veröffentlicht | Permalink

    der Gegner hat die Ausführung verhindert

    Das ist ja dreist von dem Gegner! Damit konnte wirklich keiner rechnen…

    • Blauer Montag
      Am 19. September 2011 um 12:17 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Überraschung @rayson ;-)

  11. Am 20. September 2011 um 18:54 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wieso habe ich nur immer das Gefühl, Sportsfreund Babbel ist in Berlin nur auf der Durchreise?

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