Buchtipp: Zwei Menschen, die am Fußball gescheitert sind

Sebastian Deisler lief an, wie er es immer tat. Der Winkel, in dem er bei Freistößen zum Ball stand, war eines seiner Markenzeichen. Nicht so eines, wie es Fußballer heutzutage gerne erfinden, kein künstliches. Er brauchte diesen Anlauf, sonst wäre sein Fuß nicht so hinter den Ball gekommen, wie er es brauchte. Sonst hätte er seinen Fuß nach der Ballberührung nicht wie einen Flummi davon wegziehen können. Sonst wäre der Ball nicht ins Tor geflogen.

An diesem Tag flog der Ball ins Tor und Sebastian Deisler jubelte. Es war kein Freistoß, der unhaltbar gewesen wäre. Der gegnerische Torhüter kam sogar noch an den Ball, nahm aber die Faust und das war sein Fehler. Der Drall, den Deislers Fuß und seine anschließende Flummi-Bewegung dem Ball mitgegeben hatte, war zu stark. Der Ball rutschte von der Faust des Torhüters ins Tor.

Zwei Minuten nach dem Freistoß-Tor zum 5:2 verließ Sebastian Deisler den Platz unter den stehenden Ovationen der 65.996 Zuschauer im Berliner Olympiastadion. Es war einer der Momente, in dem Berlin stolz auf seine neueste Attraktion war. Einer der wenigen glücklicheren Momente in seiner Zeit in der großen Stadt.

Sebastian Deisler kam aus Gladbach nach Berlin. Die Borussia war im vergangenen Jahr abgestiegen. Neben Deisler verließ auch ein junger Torhüter namens Robert Enke den Verein und ging ebenfalls in eine große Stadt. Nach Lissabon, zu Benfica und später, noch eine Stufe höher, nach Barcelona, zum FC.

Was beide – Deisler und Enke – verbindet, ist das, was dann geschah. Beide bekamen Depressionen, auch, aber nicht nur, weil sie sich selbst so stark unter Druck setzten und glaubten, sie müssten in jedem Spiel Unmenschliches vollbringen. Deisler schulterte die gesammelten Erwartungen der deutschen Fußballnation und es gab niemanden, der ihm sagte: „Bleib cool, die beruhigen sich schon wieder.“ Enke wurde von der Angst eines jeden Torwarts erdrückt, einen entscheidenden Fehler zu machen.

Der Unterschied ist, dass Sebastian Deisler den Ausstieg schaffte – und Robert Enke nicht. Die Frage, die niemals beantwortet werden wird, ist, ob der Ausstieg Robert Enke gerettet hätte.

Welche Frage beide Biographien, die ich in diesem Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr gelesen habe – sowohl „Sebastian Deisler – Zurück ins Leben“ als auch „Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben“ – für mich beantwortet haben, ist die nach meinem persönlichen Umgang mit Fußballprofis.

Denn was viele häufig vergessen – und es gibt mir zu denken, dass das auch bei mir manchmal immer noch passiert – ist, dass all diese Jungs, die jede Woche mit dem Trikot unseres Vereins auf den Platz gehen, keine Playstation-Figuren sind, die jeden Pass immer geradeaus direkt zum Mitspieler bringen.

Sondern Menschen sind.

Beide Bücher kann ich jedem, der sich mit Fußball beschäftigt nur empfehlen. Enkes Geschichte lässt einen sprachlos zurück und gibt zahlreiche Antworten auf die Frage, wie schlimm die Krankheit Depression eigentlich ist. Deislers zeigt, dass die Verletzlichkeit und seine Einstellung zum Leben im Zusammenhang mit dem Fußball ihren Ursprung in seiner Kindheit hat. Es sind zwei unterschiedliche Geschichten, die nicht zu denen gehören, „die es nur im Fußball gibt.“ Es gibt sie überall. Nach dem Lesen ist man aufmerksamer, was sein persönliches Umfeld angeht. Nur natürlich, wenn man es vorher nicht ohnehin schon war.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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28 Kommentare

  1. Am 5. Januar 2011 um 19:10 Uhr veröffentlicht | Permalink

    So viel zur unsäglichen Floskel „Es hat sich nichts verändert“ – im Business selbst vielleicht nicht, aber bei vielen Rezipienten, wie Du es hier ja auch bestätigst. Ist das „nichts“?

  2. Der Lars
    Am 5. Januar 2011 um 21:30 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Habe das Deisler Buch auch gelesen bzw. gehört. Ist ohne Frage ein interessantes Buch, aber irgendwie finde ich die indirekte Schuldzuweisung zwischen den Zeilen in alle Richtungen (nur nicht direkt in die eigene) etwas doof. Fussball ist Geschäft (in dem man auch mal einen 20Mio Scheck annimmt und die moralische Erklärung beiseite lässt) – Leider !

    • Daniel
      Am 6. Januar 2011 um 07:20 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Naja, Michael Rosentritt schreibt weiter hinten schon, dass Deisler einige Zeit gebraucht habe, zu verstehen, dass auch er selbst nicht immer alles richtig gemacht hat. Bei Deisler sind einfach mehrere Dinge zusammengekommen. Angefangen mit dem Ausschluss durch seine Freunde im Teenager-Alter über den Scheck-Vorgang bis zu den vielen Verletzungen.

    • Joel
      Am 6. Januar 2011 um 22:20 Uhr veröffentlicht | Permalink

      wie Bitte? das Eine hat doch mit dem Anderen (der Krankheit) nichts gemein!

  3. herthawolf
    Am 6. Januar 2011 um 10:33 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Deisler habe ich noch nicht gelesen, nur gekauft, aber habe mich bei dem Enke-Buch festgelesen. Habe einen Freund, der sich auch das Leben genommen hat. Leider muss man sehr viel Interesse für Fußball mitbringen, um dieses Buch durchlesen zu können – was bei mir nicht das Problem ist. Aber es ist eine ganz hervorragende Lektüre, um Menschen mit Depressionen besser verstehen zu können.

  4. Enno Enno
    Am 6. Januar 2011 um 11:08 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Das Enke-Buch kenne ich leider (noch) nicht. Das Deisler-Buch habe ich vor einem Jahr zu Weihnachten geschenkt bekommen und auch gleich gelesen. Ich stimme deinem Eindruck zu, möchte aber ergänzen, dass man deutlich merkt, dass ein Zeitungs-Journalist als Schreiber am Werke war. Das drückt sich in der Episodenhaftigkeit des Erzählflusses aus, als wären Zeitungsartikel aneinandergereiht. Das kann nerven.

    Lars möchte ich insofern zustimmen, als die „Schuldfrage“ immer im Raum steht und teils explizit thematisiert wird. Dieter Hoeneß kommt dabei nicht gerade gut weg. Insgesamt fehlte auch mir die Reflexion, bzw. das Thematisieren des eigenen Beitrags von Deisler. Sicher ist eine Depression eine Krankheit, die man selbst nicht steuern kann. Ich meine eher, dass die Darstellung Deislers Entwicklung sich so liest, als wäre er eine passive Figur in einem Marionettenspiel. Das mag eine Tendenz im modernen Fußball sein, aber sie ist mir im Buch zu stark betont, weil daher die Frage ausgeblendet wird, was Deisler wann hätte wie tun können. Seine Entwicklung erscheint alternativlos. Und das glaube ich nicht.

    • Der Lars
      Am 6. Januar 2011 um 11:42 Uhr veröffentlicht | Permalink

      @Enno: genauso sehe ich das auch. Es macht den Eindruck, alle sind Schuld und ich (Deisler) konnte nichts ändern. Manchmal finde ich auch die Darstellung Deislers als „neuer deutscher Fussballgott“ sehr stark übertrieben. Ja er war ein Ausnahmetalent, ja er wär gut für Deutschland gewesen, aber das ohne Ihn der deutsche Fussball über Jahre nichts zustande bringt … Naja. Jedenfalls werde ich mir in nächster Zukunft das R. Enke-Buch bestimmt anhören.

      Jetzt möchte ich auch noch ein Fussballbuch empfehlen: Stefan Effenberg – Ich hab’s allen gezeigt ! Ich mag Ihn zwar nicht aber ich finde das Buch sehr unterhaltsam.

      Blauweisse Grüße Lars

      PS. Hat jemand schon das Buch von Jens Lehmann gelesen ?

      • Blauer Montag
        Am 6. Januar 2011 um 15:04 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Nein Lars,
        das Buch von Jens Lehmann habe ich nicht gelesen.
        Zur Zeit lektoriere ich das Tagebuch von Arne F. unter dem Arbeitstitel „Es bleibt immer etwas hängen…“ ;-)

        • Enno Enno
          Am 6. Januar 2011 um 15:19 Uhr veröffentlicht | Permalink

          Mit dem Abschlusskapitel: „Wie Dieter mich in Wolfsburg in seine Arme schloss“! Ich lach mich weg!

      • Am 8. Januar 2011 um 15:32 Uhr veröffentlicht | Permalink

        @Der Lars

        Die Stimmung, dass er als einziger Hoffnungsträger der Nation die DFB-Elf wieder zu höheren Weihen führen musste latstete 2000 schon auf seinen Schultern. Basti-Fantasti war einfach allgegenwärtig.

        Was mir immer zu denken gegeben hat, war, wie früh er sich von Menschen ohne Not abgewandt hat. Ein Tag hast du noch gemütlich mit ihm und Tony Sanneh Skat gekloppt, und am nächsten Tag hat er dich beim Training fats nicht mehr gekannt. Das war schon er. Bevor er nach München ging.

        • Joel
          Am 8. Januar 2011 um 17:24 Uhr veröffentlicht | Permalink

          Da könnte vermutlich ein Psychologe was zu sagen?

    • Joel
      Am 6. Januar 2011 um 22:24 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Du glaubst ernsthaft Deisler hatte eine Alternative? Welche weiter zu machen? Er hat doch die Reißleine gezogen und sich zurück gezogen oder was war deiner Meinung die ALTERNATIVE?

  5. Blauer Montag
    Am 6. Januar 2011 um 18:58 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Nein Enno, ein Kapitel allein wird dem Lebenswerk des GröFuMaZ nicht gerecht. Er arbeitet zur Zeit an seiner eigenen Biographie mit dem Arbeitstitel: „Tanzstunden im Mittelkreis“.

    • Enno Enno
      Am 6. Januar 2011 um 19:34 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Großartige Sartire! Lust auf eine Kolumne hier im Blog?

  6. Der Lars
    Am 6. Januar 2011 um 19:02 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich kaufe mir Arnes Buch. Wer uns noch 2 Mio bringt, dem gehört unsere komplette Unterstützung.

  7. Der Lars
    Am 6. Januar 2011 um 20:34 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wenn ihr mich für würdig haltet Meister. Ne Spaß und Lust schon. War das Ernst gemeint?

  8. Der Lars
    Am 6. Januar 2011 um 22:47 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Es gibt immer eine Alternative. Im Fall Deisler kann ich nur auf M. Scholl verweisen. Ich glaube die Entwicklung mit all ihren Höhen und Tiefen ist vergleichbar. Nur ist das Ganze auch eine Frage des persönlichen Charakters. Wie gesagt ich habe nichts gegen Deisler, aber wer im Fußball(Profi)Geschäft mitspielen will, muss mit Jubel, Buhs, Verletzungen, bösen Managern umgehen können. Und Deisler konnte das eben nicht so wie manch anderer. Vielleicht haben Typen wie S. Kehl oder K. Bäron nicht die Klasse wie SD aber eine andere Psyche. Als letztes Beispiel fällt mir noch A. Robben ein – Mitte 20 – begnadeter Fußballer – aber immer von Verletzungen betroffen.
    Ich werde meine Comments zu diesem Artikel jetzt mit 2 Statements abschließen. 1. 2:0 Sieg gegen FC Zwölle (o.ä) und das FußballGeschäft ist eben so – leider…..

    • Am 22. Juli 2011 um 10:00 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Sind wir mal ehrlich. Durch die Frauen Fussball Weltmeisterschaft wird doch jetzt im Alltagstrott in der Frauen-Bundesliga kein Besucheransturm kommen. Frauenfussball ist und bleibt ein Nischensport. Aus diesem Grund fand ich die Kampagne des DFB allerdings einigermaßen überzogen. Und dann fliegt das Team im der Runde der letzten acht aus dem Wettkampf.

  9. Süven
    Am 7. Januar 2011 um 11:06 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Das Deisler-Buch hat mich echt richtig aggressiv gemacht. Sitzt jahrelang in Tiergarten rum und „findet zu sich selbst“, macht melancholische Spaziergänge und bemitleidet sich. Wieso hat er stattdessen zB kein Kinderhilfswerk oder ne Aidsstiftung gegründet bzw unterstützt?! Da hätt er was Sinnvolles zu tun gehabt und wahrscheinlich feststellen dürfen, das seine Sorgen purer Luxus sind. Brauch man nicht lesen..

    • Am 7. Januar 2011 um 14:34 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Wieso hat er stattdessen zB kein Kinderhilfswerk oder ne Aidsstiftung gegründet bzw unterstützt?!

      Wir dürfen eins nicht vergessen, obwohl in den Medien genau das immer wieder getan wird: Depression ist eine Krankheit. Nichts ist sinnloser, als einem Depressiven versuchen beizubringen, dass seine Depression sinnlos ist. Und auch die platten Ursache-Wirkungs-Beziehungen im Sinn von „der böse Leistungsdruck“ kommen der Ursache der Krankheit nicht auf den Grund.

      • Enno Enno
        Am 7. Januar 2011 um 15:07 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Volle Zustimmung. Auch wenn es immer wieder schwer fällt, das Krankheitsbild Depression nachzuvollziehen.

  10. Süven
    Am 7. Januar 2011 um 11:10 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Mal wieder Namen vergessen..Wo ist denn die Funktion hin, das man seinen Kommentar noch 10 min bearbeiten kann? War für Hektiker wie mich sehr praktisch..

    • Enno Enno
      Am 7. Januar 2011 um 12:05 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Hab deinen Namen mal nachgetragen. Das Plugin ist kostenpflichtig geworden, weshalb wir es nicht mehr nutzen können. Andere Lösungen erfordern es, dass die IP-Adresse gespeichert wird. Das wollen wir nicht. Daher bitte mit etwas mehr Ruhe kommentieren. :-)

  11. Süven
    Am 8. Januar 2011 um 12:44 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Mir ist schon bewusst, das es sich um eine Krankheit handelt, auch wollte ich nicht die „Sinnlosigkeit“ derselben anprangern, trotzdem können auch daran Erkrankte immer mal wieder die Lebensumstände anderer Zeitgenossen wahrnehmen und mitfühlen, und Deislers finanzielle Handlungsmöglichkeiten sind und waren immens.
    Hab ich schon flapsig ausgedrückt, zugegeben. Eine Verharmlosung der Krankheit war nicht meine Intension.

    • Joel
      Am 8. Januar 2011 um 17:22 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Wer weiß vielleicht macht er ja was und hängt es nur nicht an die große Glocke?

  12. Der Lars
    Am 15. Januar 2011 um 20:42 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Also ich habe mir das Robert Enke Buch vor Tagen als Hörbuch geholt und bin jetzt fertig uns muss sagen ich hatte öfters ein komisches Magengefühl. Das Schicksal hat mich wahnsinnig berührt und bewegt. Vor allem wenn man Ihm so im Fernsehen gesehen hat und gar nicht gemerkt hat wie es im ihm aussieht. Wow… Ich finde auch die Treue seiner Frau bemerkenswert. Moment sehe ich jedes Fussballspiel egal ob Fernsehen oder live irgendwie anders. kann es nicht erklären, aber war heute schon komisch Bundesliga zu schauen. Was mich im Buch geschockt hat, war die Beschreibung des Menschen van Gaal.

    Fazit: Ich hoffe das Gefühl hält bei mir etwas an und ich gehe mit offenen Augen durch die Welt um vielleicht zu erkennen, ob in meinem Umkreis Menschen mit dem schwarzen Hund zu kämpfen haben. Dieses Buch sollte Pflichtlektüre für JEDEN sein.

    Und gegen Deisler (und seinem Buch) ist das Hardcore !