Chancenlos durch die Nacht

Mutlos. Ängstlich. Überfordert. So kann man den Auftritt von Hertha BSC im als „Spiel des Jahres“ titulierten Halbfinale gegen Borussia Dortmund beschreiben.

Oder man ist einfach stolz darauf, was diese Mannschaft in dieser Saison geleistet hat.

Die Frage ist: Geht auch beides? Ich bin jedenfalls hin- und hergerissen.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Auf der einen Seite hieß der Gegner Borussia Dortmund. Eine nimmermüde Passmaschine, die seit Jahren auf höchstem Niveau agiert und es sich leisten kann, mit Ilkay Gündogan einen der besten deutschen Mittelfeldspieler auf der Bank zu lassen und trotzdem komplett dominiert. Eine Mannschaft, gegen die man als durchschnittliches Bundesliga-Team nur an einem sehr sehr guten Tag überhaupt eine Chance hat – oder wenn der Fußballgott Lust auf ein Wunder hat wie neulich in Liverpool. Es war die bislang einzige Niederlage in diesem Jahr. Der BVB gehört definitiv zu den Top-10 Europas. Gegen diese Mannschaft sang- und klanglos unterzugehen ist keine Schande, sondern die Regel.

Auf der anderen Seite gibt es ein solches Spiel für einen Verein wie Hertha BSC nur höchst selten. Und erfordern besondere Spiele nicht besondere Maßnahmen? Pal Dardai hat am Anfang der Saison mal gesagt, dass er zu Hause wieder mutigen Fußball sehen will. Die letzte Saison sein „kein Fußball“ mehr gewesen. Die Fans sollten wieder gerne ins Olympiastadion und danach zufrieden nach Hause gehen. Das ist Dardai meistens gelungen. Er hat in der Liga selbst gegen den BVB in diesem Stadion ein 0:0 geholt. Keine Selbstverständlichkeit, siehe oben. Kann man es ihm da verübeln, wenn er das nicht einfach nochmal versucht? Man kann es insofern, als dass man hätte wissen können, dass der BVB darauf vorbereitet sein würde und in dieser Saison fast immer Lösungen für solche Situationen gefunden hat. Man kann es auch insofern, als dass man hätte wissen können, dass Hertha die Kompaktheit der erfolgreichen Hinrunde in der Rückrunde noch nicht erreicht hat. Und man kann es auch insofern, als dass ein besonderes Spiel eben besondere Maßnahmen erfordert. Man könnte auch sagen: Mut.

Mut, etwas außergewöhnliches auszuprobieren. Einen taktischen Kniff, den niemand erwartet. Von Anfang an mit drei Stürmern. Hoch und lang, weil man dem BVB fußballerisch ohnehin nicht gewachsen sein würde. Oder wie nach dem 0:1, als Hertha plötzlich mal für fünf Minuten ins Pressing ging und den BVB zu zwei, drei Ballverlusten und unkontrollierten Flugbällen zwang.

Denn, dass der BVB seine Chancen bekommen würde, war ja ohnehin klar. Und dass Hertha einen Sahnetag erwischen müsste auch. Glück gehört in einem Pokal-Halbfinale eh immer mit dazu. Warum also nicht mit wehenden Fahnen untergehen anstatt mit eingezogenem Schwanz?

Es kommt nicht von ungefähr, dass Pal Dardai nach dem Spiel am Sky-Mikrofon sehr bockig reagierte, als er auf die Mutlosigkeit seiner Mannschaft angesprochen wurde. Er muss das auch gesehen haben. Und das hat ihm ziemlich sicher wehgetan. Wenn man ganz böse ist, könnte man ja sogar sagen: Pal hat’s vercoacht! Aber hinterher ist man immer schlauer. Es war danach aber auch das erste Mal, dass Dardai ein anderes Spiel gesehen hatte, als viele andere. Er hatte zwar auch Schnelligkeitsdefizite ausgemacht, aber verwies ansonsten auf die Werte seiner Mannschaft. Sie seien viel gelaufen, hätten alles gegeben, so war seine Einschätzung. Und es stimmte ja auch. Hertha lief in der eigenen Hälfte hin und her, getrieben vom BVB wie ein Dressurpferd. Der BVB legte sich Hertha zurecht, sezierte sie und erspielte sich Chance um Chance. Neben den klaren Torchancen, die der herausragende Jarstein zunichte machte, gab es ja noch unzählige Halb- und Fast-Chancen. Es war beeindruckend, wie ruhig und einfach die Dortmunder immer wieder das eigentlich als Bollwerk geplante Abwehrnetz durchbrachen. Hertha war trotz der beiden Chancen von Kalou mit dem 0:3 noch gut bedient und taumelte ohne jegliche Chance aufs Weiterkommen durch die Nacht.

Und so stehen sich nach dem Spiel zwei Spieldeutungen gegenüber. Die eine hat einen herausragenden BVB gesehen, der einen Klassenunterschied präsentierte, der auf dem Papier nicht existiert. Einen BVB, der schlicht nicht schlagbar war. Und die andere hat eine mutlose Hertha gesehen, die es nicht mal versucht hat.

Ich bin gestern mit der ersten Sichtweise eingeschlafen und heute morgen mit der zweiten aufgewacht.

Trotzdem bin ich stolz und bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich an die Atmosphäre denke, die im Olympiastadion herrschte. Der Funke, den die Mannschaft in dieser Saison und die fantastische Ostkurve mit ihrer Choreografie vor dem Spiel gelegt hatte, sprang zwischendurch immer wieder auf den Rest der Zuschauer über. Es war ein Fußballfest und eine Stimmung, wie ich sie bei Hertha zuletzt vor fast 20 Jahren gegen Kaiserslautern erlebt habe. Das ist es, was von diesem Abend bleibt.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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