Dankbar sein

Heute ist in Amerika einer der wichtigsten Feiertage des Landes: Thanksgiving, einigen streng religiösen vielleicht auch als Erntedankfest bekannt. An Thanksgiving kommen die Amerikaner einmal kurz zur Besinnung, bevor sie sich völlig und ohne Hemmungen der Völlerei hingeben. Es wird gefressen und Football geguckt.

Doch vorher, bevor der Truthahn fachmännisch in alle Einzelteile zerlegt wird, wenn ihn der Papa nicht zu lange im Ofen gelassen hat, da kommen die Amerikaner zur Ruhe und bedanken sich dafür, was Gott ihnen gegeben hat.

Ich bin kein gläubiger Mensch oder vielleicht sollte ich lieber sagen, ich glaube nicht, was die Kirchen den Menschen erzählen, denn ein bisschen Vertrauen ins Schicksal habe ich schon irgendwie. Aber an Thanksgiving werde ich zum ersten Mal – denn in den letzten Jahren ist dieser Tag komplett an mir vorbeigegangen – kurz zur Ruhe kommen und darüber nachdenken, wofür ich dankbar sein sollte.

Natürlich werde ich dabei auch auf den Fußball zu sprechen kommen (dass ich mich nicht für meine ausgeleierten Bänder im Sprunggelenk bedanke, dürfte klar sein) und ziemlich sicher sogar auf Hertha BSC.

Denn, ja, trotz der anhaltenden Krise, trotz dieser Riesenschüssel mit Laufbahn und obwohl es der Verein seit fast 10 Jahren nicht geschafft hat, einen anständigen Außenverteidiger zu verpflichten, trotz der verfehlten Image-Kampagnen, trotz der Entlassung von Lucien Favre und obwohl ich an Spieltagen mittlerweile kaum noch mit klarem Kopf durch die Gegend rennen kann – hat mir dieser Klub ein fußballerisches Zuhause gegeben, das ich niemals wieder missen will.

Ich will in die Hanns-Braun-Straße fahren, um dort bekannte Gesichter zu treffen, im Fanshop zu schmökern oder der Mannschaft beim Training zuzugucken. Ich will mich darüber ärgern, dass wir es wieder nicht geschafft haben, im entscheidenden Spiel das eine Tor mehr zu schießen, um uns für was auch immer zu qualifizieren. Ich will mich darüber freuen, dass wir ein dreckiges 1:0 aus Bochum mitnehmen. Und ich will darüber diskutieren, wenn irgendjemand meint, Hertha ginge doch gar nicht.

Ich bin dankbar dafür, dass ich in Berlin geboren und irgendwann zu Hertha gegangen bin, denn bei allem Respekt (TeBe) und sogar Sympathie (Union), es ist eine der Entscheidungen in meinem Leben, die ich immer wieder genau so treffen würde.

Es ist mir zwar nicht egal, was in dieser Saison mit dem Verein geschieht, aber wenn irgendjemand da oben beim Mittagsessen der Fußballgötter zuhört, heute, an Thanksgiving, dann sollte er nicht glauben, dass er mich mit einem Hertha-Abstieg in eine tiefe Depression und vor allem weg von diesem Verein ziehen kann. Das wird niemals geschehen, also schlag dir diesen Witz aus dem Kopf und lass meine Mannschaft in der Rückrunde wieder dahin zurückkehren, wo sie nach Meinung der Republik ohnehin hingehört: Ins graue, langweilige und öde Mittelfeld der Tabelle.

Dafür wäre ich wirklich sehr dankbar und würde mich auch im nächsten Jahr wieder besinnen.

Happy Thanksgiving everyone!

HIER geht’s zu Ennos Vorbericht zum Frankfurt-Spiel

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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3 Kommentare

  1. Christian
    Am 26. November 2009 um 17:53 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Sehr schöner Kommentar !!!

  2. streiflicht
    Am 27. November 2009 um 14:42 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Schön schön!

  3. Herthana
    Am 28. November 2009 um 12:17 Uhr veröffentlicht | Permalink

    ..wunderbar, mir geht es genauso

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