Das Berlin-Derby und eine Erkenntnis

Es lief die 78. Spielminute des Berlin-Derbys zwischen Hertha und Union, als sich die Rollen abseits des nackten Ergebnisses erstmals ein bisschen verschoben. Da „hackte“ Peter Niemeyer auf der Haupttribünenseite genau auf Höhe der Mittellinie seinen Gegenspieler um, der daraufhin gegen die Absperrung einer Fernsehkamera prallte und mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden ging. Da sprang plötzlich die halbe Unioner Bank auf, als hätte man behauptet, sie hätten ihr Stadion nicht selbst gebaut.

In den 77. Minuten zuvor war es ja meist so gewesen, dass die Herthaner ganz in der Rolle des „großen Favoriten“ aufgingen. Sie ließen sich ärgern von den giftigen Unionern, dem „Underdog“ dieser Partie. Unions Spieler ließen an den Stellen, an denen sie ihre Grätschen ansetzten, niemandem eine Chance. Da waren schon in der Anfangsphase ein paar Alles-oder-Nichts-Aktionen dabei.

Und selbst wenn sich Herthas Derbykämpfer davon nicht beeindrucken lassen wollten: Es wirkte so, als wären sie überrascht von der harten Gangart Unions. Von den Nickeligkeiten, den unnötigen Fouls. Hertha war in der ersten Halbzeit sehr viel mehr damit beschäftigt, sich mit dem Schiedsrichter zu unterhalten, als am Ausgleich zu arbeiten. Die einzige Chance vergab Sami Allagui – so kläglich und uninspiriert, als hätte er nebenbei mit dem Schiedsrichter über die bösen Unioner gesprochen.

Aprospros uninspiriert: Anders kann man Herthas Angriffsversuche in Halbzeit eins auch nicht beschreiben. Konsequent spielte die Luhukay-Elf über die Außen, genauso konsequent endeten die Versuche regelmäßig bereits im Halbfeld. Immer nach dem gleichen Schema. Und wenn jemand wie Peter Pekarik dann doch mal durchkam, wählte er die falsche Entscheidung und spielte den Flachpass ans Strafraumende zurück, statt die hohe Flanke in die Mitte. Mehrfach wählten die Blau-Weißen im richtigen Moment den falschen Pass – so war der Rückstand zur Pause vollkommen verdient.

In der Pause soll es in der Hertha-Kabine dann mal wieder laut geworden sein. Mal wieder, weil das ja auch schon in Regensburg der Fall gewesen sein soll. Dass Union aber nicht Regensburg ist, hätten die Herthaner schon bei einem Blick auf die Tabelle erahnen können. Trotzdem ließen sie den einzigen Unioner mit richtig viel Gefühl im Fuß mit einer erstaunlichen Gelassenheit eine seiner gefährlichen Flanken in die Mitte schlagen. Adam Nemec bedankte sich mit dem 0:2, Hertha stand nun wirklich mit dem Rücken zur Wand.

Doch wirklich befreiend wirkte diese brenzlige Situation (noch) nicht. Teilweise hatten wir auf der Tribüne Angst, dass Union noch ein drittes mal zuschlägt. 0:3 im eigenen Stadion? Undenkbar. Und glücklicherweise auch unrealistisch. Hertha wurde mit zunehmender Spielzeit bestimmender – und spätestens als Union-Kapitän Mattuschka „mit Krämpfen“ vom Platz genommen werden musste, bewahrheitete sich eine Aussage von unter der Woche (ich finde den Artikel leider gerade nicht mehr): „Es ist gut zu wissen, dass wir auch in der 90. Minute noch Vollgas geben können.“

Hertha spielte nun zielstrebig nach vorne, plötzlich war der Wille da, das Zutrauen – ja, die Inspiration, die sie vorher so hatten vermissen lassen. Peter Pekarik zum Beispiel nahm sich ein ums andere Mal den Ball und sprintete an zwei, drei Gegenspielern vorbei in Richtung Strafraum – da war plötzlich Tempo drin und eben keine Angst mehr. Die entscheidende Szene des Spiels ereignete sich aber aus einer anderen Situation heraus. Sandro Wagner, eingewechselt und in der Folge als Anspielstation in der Spitze sehr gefragt, tankte sich vor seinen Gegenspieler, verlängerte den Ball ins Nirwana und nahm den Körper seines Gegenspielers dankend an. Das Foul in Ronny-Position. Für den Brasilianer derzeit wie ein Elfmeter. Man fühlte, dass sich ein Tor über das Olympiastadion legte. Wenige Sekunden später fiel es. Ronnymagie. Herthas Ehre gerettet. Das 2:2 ging am Ende vollkommen in Ordnung.

Zurück zu Hause war das Spiel schnell verarbeitet. Aber die Eindrücke des Spiels hallten nach. Natürlich lag es am Spielstand, natürlich lag es an unseren Sitzplätzen im Oberring Block 25.1, der einige Meter näher in Richtung Auswärtskurve gesetzt ist – aber ein neutraler Beobachter (den ich dabei hatte), fragte sich zurecht, wo denn die Hertha-Fans eigentlich stimmungstechnisch gewesen seien. Keine Frage: Die Choreo war gigantisch.Hertha-Choreo gegen UnionAber die Unioner schienen mit einer Stimme zu singen. Der kleine Teil der Hertha-Fans in der Ostkurve auch, aber er wurde von den Umstehenden und -sitzenden einfach nicht unterstützt. Wie gesagt: Der Spielverlauf tat sein Übriges, nach dem 1:2 übernahmen zum ersten Mal Hertha-Anfeuerungen die Hoheit im Stadion, aber der Eindruck des Opern-Publikums, das nur bei besonderen Darbietungen klatscht, kam selbst bei mir auf.

Bitte nicht falsch und vor allem nicht als Kritik verstehen: Das ist eine Beschreibung dessen, wie es für mich war. Für mich – und das macht es halt so beschreibenswert – war es zudem bereits das zweite Mal nach dem 0:1 in der vergangenen Saison gegen Dortmund. Auch da saß ich im Oberring, Gegentribüne. Auch da war der Torjubel der Gegner mir für ein Heimspiel viel zu laut. So etwas einzugestehen tut mir weh. Viel mehr als ein Gegentor oder eine Niederlage. Viel mehr als ein paar Sticheleien, die ich mir in Dortmund jede Woche anhören muss.

Natürlich verändern diese Eindrücke nicht meine Liebe zu diesem Verein. „Wir sind einfach geiler, denn wir sind blau-weiß“ Eins steht für mich aber jetzt schon fest: Wenn es irgendwie geht, verfolge ich die Hertha-Heimspiele in Zukunft nur noch in der Ostkurve.

Sitzen kann ich auf dem Klo.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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Ein Kommentar

  1. Ben
    Am 12. Februar 2013 um 23:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

    „Wie gesagt: Der Spielverlauf tat sein Übriges“

    Daniel, lass uns fair sein. Ich finde auch, dass bei Hertha stimmungstechnisch Luft nach oben ist (gerade im Vergleich zu den großartigen Dortmunder Fans), und ja, die Unions-Gesänge waren gestern Abend ziemlich beeindruckend. Diese Derbys sind aber auch eine verdammt undankbare Situation für Hertha. Wir können praktisch nur verlieren, Union als vermeintlicher Underdog kann eigentlich nur gewinnen. Entsprechend abgegangen sind die nach der 0:1 und mehr noch nach der 0:2-Führung – ich kann das verstehen. Mit dem 1:2 und dem 2:2 wurde es dann schon deutlich ruhiger auf der anderen Seite. Mir war nach dem 0:2, ich gestehe es, auch nicht mehr sonderlich nach Klatschen zumute, ich war einfach bloß sehr niedergeschlagen.

    Übrigens: „Opernpublikum“ ist eine interessante Assoziation, wenn man sich den prototypischen Hertha-Fan so anschaut ;)