„Das ist gut für uns. Richtiger Moment. Richtige Niederlage.“

Hertha in Hamburg, das war so ein Spiel, nach dem ich nicht mal besonders sauer bin. Enttäuscht, klar. Aber Hertha war so dermaßen unterlegen, dass jegliche Aussicht auf einen Punktgewinn vermessen gewesen wäre. Oder wie es Pal Dardai ausdrückte:

Das ist das erfrischende an diesem Trainer: Er versucht gar nicht erst, sich rauszuwinden, sondern spricht einfach aus, wie es war. Das hat meine Enttäuschung abgeschwächt. Weil ich das Gefühl habe, dass Pal Dardai die Situation richtig einschätzt.

Trotzdem gab es zwei Szenen, in denen das Spiel sogar einen für Hertha versöhnlicheren Verlauf hätte nehmen können. Die eine war der Kopfball von Vedad Ibisevic in der ersten Hälfte – nur ein Beispiel dafür, dass der HSV über außen eigentlich anfällig war. Die andere aber möchte ich hier mal stellvertretend für ein größeres Problem im deutschen Fußball herausgreifen.

Brych lässt Spahic „leben“

Hertha lag zu diesem Zeitpunkt mit 0:1 zurück, als Salomon Kalou in halbrechter Position etwa 20 Meter vor dem HSV-Strafraum zu einem Dribbling ansetzte. Sein Gegenspieler: Der wenige Minuten zuvor verwarnte Emir Spahic. Kalou wackelte einmal mit der Hüfte, legte den Ball vorbei, schob den Körper nach und wurde von Spahic mit beiden Händen umklammert. Kalou hätte in dieser Situation nur stehenbleiben oder – leider übliche aber verwerfliche deutsche Praxis – sich fallen lassen müssen und der HSV hätte die letzten 20 Minuten mit zehn Mann überstehen müssen.

Doch Kalou kämpfte sich frei, schaffte es unter Druck und Armarbeit von Spahic noch, den Ball auf Ibisevic durchzustecken, doch der wurde dann fair von Sakai weggeräumt. Jetzt will ich nicht, dass Kalou sich da fallen lässt, aber das klare Foul von Spahic blieb danach vollkommen ungeahndet. Hält Spahic Kalou in dieser Situation nicht fest, ist er vorbei und läuft im Tempo auf die Viererkette zu. Die Chance ist ungleich größer – wobei sie an diesem Abend ziemlich sicher nicht zu einem Tor geführt hätte. Im Spielbericht sieht man leider nur noch, wie Kalou den Pass spielt und nicht mehr die Szene davor.

Trotzdem hat der Schiedsrichter den Verteidiger hier „leben“ lassen, obwohl er allein schon wegen Dummheit des Feldes hätte verwiesen werden müssen. Was wieder mal zeigt: Wer ehrlich spielt, ist am Ende der Dumme. Zumindest in diesem Spiel. Schade.

Schlechtes Spiel

Aber ich will mich damit gar nicht lange aufhalten oder es irgendwie als Ausrede gelten lassen. Es war ein schlechtes Spiel von Hertha. Ein zweites übrigens nach dem am Mittwoch gegen Frankfurt. Da sah die erste Hälfte über weite Strecken genauso aus. Doch das Ergebnis wischte die Gedanken an die Einfallslosigkeit und Zweikampfschwäche weg.

Nun aber saß Pal Dardai nach dem Spiel auf der Pressekonferenz und zeigte sich fast ein bisschen froh darüber, dass das Spiel verloren ging: „Hier war nix drin. Und es ist besser, so eine Niederlage runterzuschlucken und weiterzuarbeiten, als irgendwie noch glücklich mit einem Unentschieden nach Hause zu gehen. Das ist gut für uns. Richtiger Moment. Richtige Niederlage. Wir werden damit sehr gut umgehen.“

Dardai sagt dabei das im Fußball nie ganz unwichtige Wort „Tagesform“. Die war gegen den HSV bei zu vielen nicht vorhanden. Fabian Lustenberger hat mich erneut nicht überzeugt, aber auch Mitchell Weiser, Vladimir Darida und Peter Pekarik hatten keinen guten Tag.

Hinzu kam: Der HSV neutralisierte die Stärken von Hertha komplett. Vor allem, weil Hertha nicht die Laufbereitschaft an den Tag legte, die die Mannschaft in anderen Spielen gezeigt hat. Zwei Hände reichen nicht, um zu zeigen, wie häufig Rune Jarstein den Ball hoch und weit in die HSV-Hälfte prügeln musste, weil er keine Anspielstation hatte.

Jarsteins Pässe - mehr rot als blau. Screenshot: http://www.fourfourtwo.com/statszone

Jarsteins Pässe – mehr rot als blau. Screenshot: http://www.fourfourtwo.com/statszone

Der HSV hatte Hertha offensichtlich besser studiert als andersherum. Die Automatismen, die Pal Dardai eingeführt hat, griffen nicht, weil der HSV die einstudierten Passwege einfach zustellte. Das Resultat: Rückpass, Neuaufbau, langer Ball von Jarstein. Das hat mich deshalb verwundert, weil ich eigentlich erwartet hatte, dass Hertha das mit dem HSV tun würde. Doch der kam immer wieder ins Angriffszentrum, gewann fast alle zweiten Bälle und war fast immer in Überzahl. Das kann damit zu tun haben, dass Hertha auswärts „zu viel“ den Ball haben wollte und keinen Plan B hatte, als der HSV Plan A durchkreuzte (und nein, den Ball hoch in Richtung Ibisevic zu prügeln ist kein Plan). Ein Zeichen von gestiegenem Selbstbewusstsein, das an diesem Abend aber völlig in die falsche Richtung ging.

Am Freitag kommt Schalke 04 ins Olympiastadion. Das wird ziemlich sicher ein anderes Spiel werden.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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Ein Trackback

  • Von Rotation Berlin | Hertha BSC Blog am 7. März 2016 um 16:16 Uhr veröffentlicht

    […] P.S. Noch ein Lesetipp an den Hertha-Blog und deren Betrachtung zum HSV-Spiel “Das ist gut. Richtiger Zeitpunkt. Richtige Niederlage” […]