Das Ziel ist ein anderes

Jos Luhukay war genervt. Ein Reporter hatte ihn nach dem enttäuschenden DFB-Pokalspiel in Kaiserslautern gefragt, warum er so spät ausgewechselt hatte. In der Tat hatte der Hertha-Coach sich ja viel Zeit gelassen, die schon vor dem Spiel für wilde Diskussionen sorgende, weil nach B-Elf riechende Aufstellung zu verändern.

Als Luhukay schließlich zur Tat schritt, waren auf dem Betzenberg in Kaiserslautern bereits 79 Minuten gespielt, 16 Minuten zuvor hatte die Heimmannschaft aus einem 0:1-Rückstand eine 2:1-Führung gemacht. Luhukay benötigte also verhältnismäßig lange, um sich schließlich für die Einwechslung von Adrian Ramos zu entscheiden. Vier Minuten danach erhöhte Kaiserslautern gar auf 3:1, während Ronny bereits zur Einwechslung bereit stand.

Also, Herr Luhukay, warum haben Sie so spät ausgewechselt?

Es gibt viele souveräne Antworten auf diese Frage, Luhukay hätte zum Beispiel sagen können, dass er es den Spielern auf dem Platz zugetraut hätte, das Spiel selbst und ohne Eingriffe von draußen noch einmal zu drehen. Es ist ja nicht so, als hätte der schließlich für Ramos ausgetauschte Ben Sahar keine Chance auf den Ausgleich gehabt. Vier Minuten nach dem Rückstand scheiterte er freistehend an Kaiserslautern Keeper Peter Sippel. Luhukay hätte auch sagen können, dass die Spieler auf dem Platz über eine ausgezeichnete Fitness verfügen und grundsätzlich gar keine Auswechslungen nötig seien. Stattdessen wählte Luhukay aber eine andere Variante. Er sagte:

„Hinterher kann man immer die Frage stellen. Aber ich habe es nicht gemacht.“

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Wie gesagt, Luhukay war genervt. Vor allem wohl von der Leistung seiner Mannschaft, vielleicht aber auch davon, dass sein Plan nicht aufgegangen war. Neun Positionen zu verändern, das kann sich der FC Bayern erlauben und ist selbst noch in der Champions League konkurrenzfähig. Aber Hertha? Auch Kaiserslauterns Trainer Kosta Runjaic sei am Anfang „etwas überrascht“ gewesen über die Aufstellung der Hertha – was per se für die Berliner natürlich nichts Schlechtes heißen muss.

Zumal sich diese „B-Elf“, wie sie von vielen vorschnell bezeichnet wurde, ja zunächst souverän zeigte. Das 1:0 durch Peter Niemeyer war schön herausgespielt, anschließend hatte Sami Allagui gar die 100prozentige Chance zum 2:0. Es war auch dieser vergebene Riese, der den Herthanern nach dem Spiel als Knackpunkt einfiel. Auch Luhukay meinte, wenn man mit 2:0 in die Halbzeit gehe, komme man mit einem anderen Gefühl wieder heraus. Mag sein, allerdings ist das keine Erklärung für den Leistungsabfall in Hälfte zwei.

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Dort wirkten die Herthaner vom Pressing der Kaiserslauterer genauso genervt wie ihr Trainer später in der Pressekonferenz von den Fragen der Reporter. Der Ausgleich des Zweitligisten war die logische Konsequenz auf die Angriffswelle, wenn er auch erst nach einer Ecke fiel, bei der Sandro Wagner die Abwehrarbeit im Hinblick auf die Ballorientierung komplett verweigerte. Man sagt ihm ja manchmal eine gewisse Steifheit nach – in dieser Szene zeigte er sie mal wieder. Fast merkwürdig, dass ihn das Publikum im Anschluss weiterhin bei jedem Ballkontakt auspfiff.

Bei den beiden anschließenden Toren halfen die Abwehrbeine der Herthaner jeweils entscheidend mit. Erst verlängerte Maik Franz den Ball in den Lauf von Karim Matmour, dann landete der Ball „irgendwie“ (wie es der Sportschau-Moderator nannte – tatsächlich war es die Grätsche von Tolga Cigerci) bei Olivier Occean, der zum 3:1 einschob. Ein bisschen half der Pokal-Gott da schon jeweils mit, denn herausgespielt waren die Treffer beide nicht. Aber sie fielen, weil Kaiserslautern sie erzwang. Hertha hatte dem wenig entgegenzusetzen und schied mal wieder aus.

Dass Luhukay es probiert hat, ist mutig

Jos Luhukay sagte nach dem Spiel, dass er davon ausgegangen war, dass die Mannschaft, die er auf den Platz geschickt hatte, stark genug war, um in die nächste Runde einzuziehen. Dem zu widersprechen fällt nun natürlich leicht. Aber die Chancen zum Weiterkommen waren ja da. Dass Hertha nicht die Mannschaft ist, die es sich leisten kann, zwei, drei Hundertprozentige liegen zu lassen, sollte jedem klar sein. Dass Fehler passieren, wenn mal andere die Chance bekommen, als die Stammspieler, auch. Dass Luhukay es trotzdem so probiert hat, ist mutig, aber kein Grund, jetzt an ihm zu zweifeln. Zumal Kaiserslautern nicht irgendein Zweitligist ist, dazu reicht schon ein Blick auf die Torschützen.

Für Hertha ist und bleibt das wichtigste Ziel ein anderes: der Klassenerhalt. Die Enttäuschung wäre groß, wenn Hertha am Ende ins Pokalfinale käme aber gleichzeitig abstiege. Deshalb sollte es uns allen so herum lieber sein. Auch wenn das Ausscheiden selbst (inklusive der Sprüche im Büro) unheimlich nervt. Aber sind wir mal ehrlich, eigentlich ist nur eines wirklich schlimm daran: Dass wir uns am Sonntag nach der Auslosung nicht über das Auswärtsspiel beschweren können.

Hier gibt’s den Spielbericht bei der Sportschau

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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2 Kommentare

  1. Enno
    Am 26. September 2013 um 12:35 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hauptsache nicht mehr auswärts!

  2. Analog Berliner
    Am 26. September 2013 um 20:17 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Pokal-Blues dieses Jahr mal wieder in der Ausführung „Herbstdepression“ (im Vorjahr war es Hochsommerschock und ist gelegentlich auch schon als Schockstarre im Winter vorgekommen).
    Ich denke seit 2, 3 Jahren, dass Hertha sich konsequenterweise mal für einige Jahre vom Wettbewerb abmelden sollte.
    Ob Zweit-, Dritt- oder auch mal Viertligist,
    ob auswärts oder selten auch mal zu Hause,
    ob nach Vorsprung oder Rückstand, in der Verlängerung oder im Elfmeterschießen,
    ob wertgeschätzt oder vernachlässigt (der Wettbewerb lt. eigenen Vereinsangaben),
    es endet meistens ziemlich früh und häufig peinlich.
    Überraschend war nun höchstens, dass es auch die Variante „Ausscheiden nach Mega-Rotation“ gibt, die mir so in der Tat aus den Jahren seit ca. 1982 nicht erinnerlich ist.
    Ich hatte Anfang der Saison den Eindruck, dass Luhukay dem Team das Hertha fast schon genetisch eingegebene Phlegma ausgetrieben hat. Jetzt steht zu befürchten, dass die zuletzt ohnehin etwas in Stocken geratene Mannschaft durch das Durchwechseln und das Negativerlebnis weiter verunsichert ist…
    Am Ende bleibt es dabei, dass Hertha im Pokal durch eine Mischung aus eigenem Unvermögen und fehlender Leidenschaft / Kampfbereitschaft ausscheidet. Dass Hertha im Pokal mal etwas reißt, gehört mittlerweile zu den Dingen, von denen ich nicht wirklich sicher bin, ob ich sie nochmal erleben werde (aber ich habe ja die Zeit um 1980 als Kindheitserinnerung :-)).

    So, jetzt geht´s etwas besser und ich will optimistisch der weiteren Saison entgegen sehen.