Der, der sich nicht äußern will

„Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich über die derzeitige Situation von Hertha BSC nicht äußern möchte.“

Der Satz stammt, wir wissen es alle, von Dieter Hoeneß und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass man ihn gerne während seiner Zeit bei Hertha BSC öfter gehört hätte – den Satz wohlgemerkt, nicht Hoeneß. Damals, als der gewichtige Manager nicht nur deshalb so genannt wurde, weil er zu viele Weißwürste aus der Fabrik seines Bruders Uli gegessen hatte oder Chef des kommenden Vorzeige-Vereins des VW-Konzerns wurde, hätte man sich sogar gewünscht, dass er als Vorsitzender der Geschäftsführung von Hertha BSC öfter mal gesagt hätte:

„Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich über die derzeitige Situation von Hertha BSC nicht äußern möchte.“

Doch Hoeneß nutzte damals jede Gelegenheit, um sich über die derzeitige Situation von Hertha BSC zu äußern. Sei es auf den Pressekonferenzen vor oder nach Spiel, Training oder Waldlauf. Irgendwann vor seiner Zeit hießen diese Konferenzen einmal Trainergespräch. Aber Hoeneß stellte sich auch in diversen Interviews mit Vertretern so gut wie jeder sportaffinen Presse gerne ins Rampenlicht. Darauf können sich die Wolfsburger Schreiberlinge schon einmal freuen.

Dass ihm ein solches Interview schließlich in Berlin das Genick brechen sollte, passte zu seinem Verhältnis zu Hertha. Mit den Medien konnte er immer gut, wenn es gerade lief. Wenn nicht, war die Berichterstattung auch schon mal für das leere Olympiastadion zuständig. Doch die Presse war für seinen Abgang ausnahmsweise nicht zuständig.

Weil Hoeneß in den erfolgreichen Wochen im November 2008 in einem Interview nur von seinen Verdiensten sprach und nicht von denen der Menschen hinter den Kulissen, sprach Präsident Werner Gegenbauer anschließend von den „Dieter-Hoeneß-Festspielen.“ Es war der Anfang vom Ende einer Männerfreundschaft – und vom Manager bei Hertha.

In der Hoeneß-freien Chefetage klopften sie sich nach Hoeneß’ Abgang alle auf die Schulter – so sehr, dass sie vergaßen, die Mannschaft bundesligareif zu verstärken. Der neue starke Mann bei Hertha wurde in den kommenden Wochen und Monaten zum einsamsten: Michael Preetz, jahrelang im großen Schatten von Hoeneß die Zähne fletschend und nun im Rampenlicht die Wunden leckend, entließ Lucien Favre und mit ihm nicht nur einen Trainer, sondern eine Idee.

Natürlich wäre es falsch, die Entlassung von Favre für den anschließenden Niedergang verantwortlich zu machen, schließlich hatte Hertha unter ihm zu Hause gegen Freiburg mit 0:4 und in Hoffenheim mit 1:5 zu verloren – was durchaus passieren kann, wenn man sich dabei nicht so desolat präsentiert hätte, wie seine Mannschaft. Favre ging und es kam jemand, der Hertha in der öffentlichen Wahrnehmung endgültig dort verortete, wo sie – wenn es nach der öffentlichen Wahrnehmung ging – seit Jahren schon hätte versauern sollen: Im grauen Mittelfeld der Liga.

Doch genau so, wie Hertha sich in den zehn Jahren zuvor standhaft weigerte, die graue Maus der Liga zu sein, weigerte sie sich unter Funkel sich ins Mittelfeld zurückzukämpfen. Sie verharrte einfach. Sechs Punkte nach 17 Spielen waren das Resultat. Drei davon darf sich Lucien Favre zuschreiben – der den einzigen Bundesliga-Sieg in dieser Saison einfuhr.

Und Dieter Hoeneß? Lächelt sich jetzt ins Fäustchen, in seinem neuen Traumbüro in Wolfsburg. Völlig egal, dass es dort kein Brandenburger Tor gibt, durch das er mit der Meisterschale laufen kann. Völlig egal auch, dass er bei seinem ersten Besuch dort direkt in die Geschäftsstelle gefahren werden wird und dort nicht nur eine Schreibmaschine, sondern vermutlich Laptops der neuesten Generation vorfinden wird. Hoeneß muss in Wolfsburg nicht neu anfangen, sondern hat im Vergleich zu Hertha dreißig Stufen auf einmal genommen. Dabei dachte man eine ganze Weile, Wolfsburg wäre Hertha einen Schritt hinterher. Erst holten sie Jürgen Röber, dann Marcelinho, schließlich Alexander Madlung und Ashkan Dejagah. Was für Hertha nicht mehr „gut genug“ war, nahm der VfL. So auch jetzt bei Hoeneß. Der kann das Geld jetzt mit vollen Händen ausgeben und muss sich keine Sorgen machen, dass man ihm das einmal vorhalten wird. Klar, dass da der einen oder anderen Ratte die Idee kommt, noch schnell das sinkende Schiff zu verlassen. Gibt ja eine ganze Menge vorzüglichen Käse in Wolfsburg…

Sollte es jedenfalls jemals wieder zu einem Duell mit Hoeneß’ Hertha kommen, dann wird er zufrieden Grinsen und seinen Satz aufsagen.

„Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich über die derzeitige Situation von Hertha BSC nicht äußern möchte.“

Denn auf Augenhöhe werden sich die beiden Vereine so schnell nicht wieder begegnen.

This entry was posted in Hertha BSC and tagged , , , , . Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.
  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

    Ich würde mich freuen, deine Meinung zum Artikel zu erfahren. Schreib doch einen Kommentar und diskutiere mit!

    Und bleib auf dem Laufenden: Abonniere neue Beiträge des Hertha BSC Blogs (RSS-Feed / E-Mail)

9 Kommentare

  1. s. busch
    Am 26. Dezember 2009 um 20:00 Uhr veröffentlicht | Permalink

    ..wie wahr! und niemand in Berlin nimmt das Desaster zur Kenntnis. Funkel ist mit seiner Freundin viel zu beschäftigt und lacht sich eins ins Fäustchen über seinen Empfang und Herumreiche in der Hauptstadt, dass er gar nicht daran denkt mehr zu arbeiten als nötig, Gala hier, Feier da.. noch ein Interview? Bitte sehr!!! Die Spieler sind ihm sch… egal.. und dann geht´s ab nach Malle seine Lieblingsinsel…
    .. und Hoeness?.. der lockt und schafft und arbeitet.. macht Überstunden.. ein echtes Arbeitstier…
    Wann wird Preetz endlich mutig und schaut sich das Treiben seines Trainers an und zieht Konsequenzen? Preetz ist leider eine wahrlich tragische Figur.

    • Sebastian
      Am 26. Dezember 2009 um 21:05 Uhr veröffentlicht | Permalink

      @s. busch: ???
      Wovon redest du?

      @Daniel: Toller Beitrag! Ich kann Dieter einfach nicht mehr sehen. Es ist mir echt ein Graus, wie fein der jetzt aus der ganzen Nummer raus kommt…

      • Tanja*
        Am 27. Dezember 2009 um 09:16 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Und ich kann Preetz und das Milchmädchen nicht mehr sehen, aber ich wiederhole mich…. ich glaube man wird sich noch wundern….

    • Enno Enno
      Am 27. Dezember 2009 um 15:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

      @s.busch: Mir ist auch nicht so ganz verständlich geworden, was du sagen willst.

  2. Kugelblitz
    Am 27. Dezember 2009 um 10:56 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Es dürfte doch klar sein, dass so mancher der halbwegs noch den Ball stoppen u. passen kann sich nun Gedanken um seine Zukunft macht. Ob Friedrich nun die zweite Serie bei Hertha spielt oder nicht dürfte egal sein, der Verein ist mal einfach abgestiegen. Herr Preetz sollte aufhören die Worte „unverkäuflich“ u. „wichtiger Spieler“ zu mißbrauchen. Wir alle wissen doch wie das Geschäft läuft u. wie ein Spieler seinen Wechsel forcieren kann.
    Wahrscheinlich wird es alles auf einen Wechsel zum Saisonende hinauslaufen. Friedrich spielt eine durchschnittliche Rückrunde mit leichten Steigerungen zum Ende hin um seinen Platz bei Jogi „Bär“ Löw nicht zu gefährden. Optional erwischt ihn eine leichte Zerrung oder sonstiges, die einen Einsatz für die letzten drei Spiele unmöglich macht. Sein Berater wird ihm schon die Möglichkeiten aufzeigen u. nennen.
    Herr Gegenbauer bekommt einen neuen Auftrag von VW für seine Reinigungs- u. Sicherheitsabteilung und lässt Friedrich im Gegenzug nach Wolfsburg ziehen. Ein Umzug ist auch nicht von Nöten da die Autobahn ausgebaut u. der neue Dienstwagen ein ganz schneller ist. Allen Klimadiskusionen zum Trotz.
    Weitere Angebote u. Anfragen versprechen uns eine angenehme unruhige Abschiedstour durch die Stadien des Landes.

  3. Enno Enno
    Am 27. Dezember 2009 um 15:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Dieter Hoeneß beim Hertha-Resteverwerter-VfL-Wolfsburg riecht nach dem Comeback des Jahres.

    Friedrich darf gerne wechseln. Für die kolportierte Summer von 8 Millionen muss er im Winter sogar wechseln!

  4. Felix Felix
    Am 28. Dezember 2009 um 09:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich finds irgendwie komisch. Alles was Hertha abschiebt, nimmt Wolfsburg gerne auf (Marcelinho, Madlung, Dejagah).

    Viel „Glück“ mit Dieter Hoeneß. Bin gespannt wie der Verein sich unter ihm entwickelt.

    Ich sehs schon kommen. Wolfsburg etabliert sich und meine Kollegen werden Fragen. „Felix, wieso klappt Hoeneß in Wolfsburg und warum wurde er in Berlin rausgeekelt?“ (Vor zwei Wochen hatte ich erst das Gespräch mit einem zugezogenen Aachener Kölnfan (sick?!), der die desolate Hinrunde mit Hoeneß Rausschmiss begründete).

    Ich werde einfach sagen „Bitte habt Verständnis dafür, wenn ich mich über die derzeitige Situation bei Wolfsburg nicht äußern möchte.“

  5. lissy
    Am 29. Dezember 2009 um 10:08 Uhr veröffentlicht | Permalink

    hallo Höness droht jetzt auch noch damit kacar nach vw zu holen.
    für mich auch wenn er zu hertha nichts sagen will ,klare tritte in richtung gegenbauer und preetz. bin fest davon überzeugt, hätten sie noch ein halbes jahr die füsse still gehalten und ihn ordentlich aus seinem amt verabschiedet wären solche meldungen passe.hatten unsere beiden herren sowenig weitsicht um diese entwicklung nicht voraus zu sehen.das dieter irgend wann wieder in der bl auftauchen würde war doch klar.und keiner kennt den inhalt der spielerverträge und deren passus besser als er.
    sieht sehr nach ausverkauf aus und selbst wenn mp es im winter verhindert gibt es grosse verunsicherung der spieler bzw die hintergedanken wenn hertha baden geht, geh ich halt zu dieter

  6. Kugelblitz
    Am 29. Dezember 2009 um 19:18 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Persönlich hätte ich gedacht Herr Hoeneß nimmt sich eine längere Auszeit als dieses dreiviertel Jahr. Die Droge Fußball muß wohl sehr intensiv wirken u. abhängig machen.
    Unabhängig davon wäre es nahezu fahrlässig von ihm wenn er sein Wissen nicht in den Dienst seines neuen Arbeitgebers stellt.
    Das öffentlich kein böses Wort über den ehemaligen Arbeitgeber zu hören ist stufe ich eher als sehr professionell ein. Sollte zum normalen Geschäftsleben dazu gehören.

Ein Trackback

  • Von DailySoccer 29/12/2009 | Spielfeldrand - Das Magazin am 29. Dezember 2009 um 17:20 Uhr veröffentlicht

    […] Der, der sich nicht äußern will Hoeneß muss in Wolfsburg nicht neu anfangen, sondern hat im Vergleich zu Hertha dreißig Stufen auf einmal genommen. Dabei dachte man eine ganze Weile, Wolfsburg wäre Hertha einen Schritt hinterher. Erst holten sie Jürgen Röber, dann Marcelinho, schließlich Alexander Madlung und Ashkan Dejagah. Was für Hertha nicht mehr “gut genug” war, nahm der VfL. So auch jetzt bei Hoeneß. […]