Der Fahrstuhl steht bereit

Als Berliner kann es einem schonmal schwer fallen, sich die Realität des SV Sandhausen vorzustellen. Dass dieser Klub es überhaupt in den Profifußball geschafft hat, ist so bemerkenswert, dass man es zu Beginn dieses Artikels unbedingt noch einmal erwähnen sollte.

Also: Der SV Sandhausen ist der Fußball-Klub einer kleinen Gemeinde in Baden-Württemberg, dessen Einwohner das Olympiastadion selbst dann nicht füllen könnten, wenn jeder noch zwei Brüder, einen Onkel und eine Schwägerin mitbringen würde. 14.500 Sandhauser gibt es. Berlins einwohnerärmster Bezirk, mein Geburtsort Spandau, hat etwas mehr als 230.000.

Der SV Sandhausen wird sie natürlich nicht alle am Sonntag mitbringen, wenn im Berliner Olympiastadion der Fahrstuhl bestiegen werden soll. Hertha kann mit einem Sieg den Wiederaufstieg in die Bundesliga perfekt machen. Und selten war die Situation vor dem Spiel so eindeutig wie vor diesem 30. Spieltag.

Da trifft die beste Heimmannschaft (10 Siege, 4 Unentschieden) auf das schlechteste Auswärtsteam (1 Sieg, 4 Unentschieden), der beste Angriff (55 Tore) gegen die zweitschwächste Defensive (59 Gegentore), das Team mit der besten Tordifferenz (+33) gegen das mit der schlechtesten (-24). Für den SVS ist die Fahrt in die Hauptstadt lediglich ein weiteres von 17 Abenteuern in dieser Saison, die sehr wahrscheinlich mit dem Abstieg in die 3. Liga enden wird.

Für Hertha aber ist es die Chance, dieser Saison ein vorzeitiges Ende zu bereiten. Die Nerven, die am Ende der vergangenen Saison (und darüber hinaus) so arg in Mitleidenschaft gezogen wurden, zu schonen. Ihnen einen verlängerten Urlaub zu gönnen – und dem Manager Zeit und Planungssicherheit in Gesprächen mit potenziellen Neuzu- oder Abgängen.

Und dann beginnt wieder die Zeit des Wartens auf eine neue Erstliga-Saison, von der niemand vorher weiß, ob er sie wirklich erleben will. Ronnys Vertragsverlängerung ist ein Faktor, der Hoffnung gibt. Wenn der Brasilianer es schafft, seine Form in die kommende Bundesliga-Saison zu retten oder sogar nochmal einen Sprung nach vorne zu machen, wird er wie schon in der der laufenden Saison Punkte wert sein. Hertha hat solche Spieler immer gehabt und gebraucht, über das Kollektiv hat es in Berlin merkwürdiger fast nie funktioniert (wenn man mal die Anfangsjahre von Jürger Röber außen vor lässt).

Aber Jos Luhukay hat es geschafft, der Mannschaft eine Idee einzuimpfen, mit der sie offensichtlich sehr gut zurechtkommt. Zumindest was die Defensive betrifft. Denn in der Offensive war Hertha viel zu oft nur auf Ronnys Tore angewiesen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sich der Linksfuß mal länger verletzt hätte. Die Gefahr besteht natürlich immer. Hertha sollte sie bei den Planungen für Liga 1 bedenken.

Was die Planungen für den Sonntag angeht, hat Hertha offenbar die Füße still gehalten. Es soll keine Aufstiegsparty vorbereitet worden sein. Dass keine Aufstiegs-Shirts gedruckt wurden, kann ich mir trotzdem nicht vorstellen. Ich hoffe nicht, dass jemand auf die Idee gekommen ist „Nie mehr 2. Liga“ draufzudrucken. Ich hoffe auch nicht, dass jemand auf die Idee kommt, das am Sonntag zu singen. Nachweislich funktoniert das nämlich nicht.

Zumal Hertha zunächst einmal nur erneut den Fahrstuhl besteigt und auf den Knopf mit dem Pfeil drückt, der nach oben zeigt. Die Tür wird sich 34 Mal öffnen, Hertha wird 34 Mal aussteigen und versuchen, sich den Aufenthalt „da oben“ zu verdienen.

Erst einmal muss aber noch gegen Sandhausen gewonnen werden. Hertha sollte das nicht vergessen.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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8 Kommentare

  1. Am 17. April 2013 um 12:08 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wäre Schindler nicht mal ein passender Sponsor?

    Ich hoffe nicht, dass jemand auf die Idee gekommen ist “Nie mehr 2. Liga” draufzudrucken. Ich hoffe auch nicht, dass jemand auf die Idee kommt, das am Sonntag zu singen. Nachweislich funktoniert das nämlich nicht.

    Nachweislich funktioniert das meiste nicht, was die Fans so singen („schießt ein Toohohooor“ oder „zieht den Bayern die Lederhosen aus“). Aber einer inbrünstigen Hoffnung Ausdruck zu verleihen, ist doch auch ganz okay.

    • Daniel
      Am 17. April 2013 um 12:17 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Klar, ist das okay. Ich fänd’s halt sympathischer, wenn der Fankurve was Ironischeres einfallen würde. Etwas, das die ganze Situation besser spiegelt, als dieses Allerwelts-Niemehrzweiteliga-Gesinge, das man immer bei Aufstiegen hört.

      • Am 17. April 2013 um 12:36 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Dann schlage ich vor (zur selben Melodie zu singen, daher keine Umgewöhnung erforderlich):

        „Ein Jahr 1. Liga, ein Jaaahr, ein Jahahaaar!“

  2. Daniel
    Am 17. April 2013 um 12:40 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Gefällt mir sehr gut!

  3. Anonymous
    Am 19. April 2013 um 15:20 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hoffentlich kann Ronny sein Level in der Bundesliga halten, ansonsten wird es eng. Hoffe mal, dass Lasogga wieder zu Form findet, auf Ramos kann man sich nicht immer verlassen, wie letzte Rückrunde…

  4. Sueven
    Am 20. April 2013 um 15:18 Uhr veröffentlicht | Permalink

    In Sandhausen sind wohl schon 2 Tickets für die Auswärtsfahrt verkauft worden..die Herrschaften hätt ich gern als Foto fürn T Shirt

  5. Sueven
    Am 20. April 2013 um 16:09 Uhr veröffentlicht | Permalink

    warum sind denn die news deaktiviert?

    • Enno Enno
      Am 21. April 2013 um 17:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Als Grund nenne ich mal das Stichwort „Leistungsschutzrecht“.