Der Jahn kommt…

Und plötzlich stand es nur noch 2:2 in diesem unsäglichen Relegationsspiel im Mai 2012. Würde da noch was gehen? Zeit war genug vorhanden, spielerisch waren die Blau-Weißen ohnehin die bessere Mannschaft gewesen. Die Hertha-Fans zitterten, bangten, hofften – doch am Ende war der Karlsruher SC in die dritte Liga abgestiegen. Und Regensburg feierte.

Der SSV Jahn ist einer von zwei deutschen Profiklubs, denen seit dem Jahr 2012 einfach keine Argumente gegen eine Relegation einfallen wollen, weil sie davon profitiert haben. Wie Fortuna Düsseldorf profitierten die Regensburger von der Verunsicherung des taumelnden Gegners aus dem Oberhaus und ergriffen ihre Chance, als sie sich bot. Wobei man bei aller Sympathie für den Karlsruher SC sagen muss: es gibt Vereine, die es weniger verdient gehabt hätten.

Denn der SSV Jahn hat Ehrfurcht lernen müssen. Finanziell wie sportlich war der Verein eigentlich schon im Abgrund versunken, bevor er sich – sie wissen dort wahrscheinlich selbst nicht mehr genau wie – am wirklich letzten Strohhalm wieder heraus zog. 2006 spielten sie im Jahnstadion noch Bayernliga. Wäre der Klub 2007 nicht in die Regionalliga aufgestiegen, wäre der Geldhahn wohl versiegt. So aber schafften es die Regensburger sogar, sich für die 3. Liga zu qualifizieren. Nach zwei turbulenten Jahren starteten sie als Abstiegskandidat in die Saison – und schafften es auf den Relegationsrang. Der Rest ist bekannt.

Die Mannschaft von Oscar Corrochano ist für Menschen, die sich nicht für den bayrischen Fußball unterhalb der zweiten Liga interessieren, eine völlig unbekannte. Lediglich die Namen Christian Rahn, Michael Hofmann und natürlich Marco Djuricin (der gegen Hertha nicht spielen darf) hat man vielleicht schon einmal gehört. Und Leser des Boulevards ist natürlich Ramon Machado de Machedo ein Begriff – weil dessen Berater ein gewisser Ingo Lenßen ist. Aber genau diese Unprominenz ist die Gefahr: Der Jahn hat zwar den geringsten Etat in der zweiten Liga – aber ein dafür umso größeres Selbstvertrauen. Damit hatten sie den Aufstiegsfavoriten 1860 München am ersten Spieltag am Rande eines Unentschiedens (0:1) und ließen dem MSV Duisburg am zweiten Spieltag beim 2:0 kaum eine Chance.

Es treffen also mal wieder zwei Welten aufeinander im Berliner Olympiastadion. Hier der große Aufstiegsfavorit mit dem großen Etat, den großen Namen und den großen Schulden. Dort der für viele bereits als Absteiger in die dritte Liga feststehende Jahn mit kleinstem Etat, unbekannten Spielern, aber einem Plus auf dem Konto. Ein Duell wie gemalt für eine erneute Hertha-Pleite.

Denn in Berlin lecken sie derzeit ja ihre Wunden. Täglich hört man, dass die Spieler noch mit den Negativerlebnissen der vergangenen Saison zu kämpfen haben. Dass etablierte Spieler wie Roman Hubnik oder Peter Niemeyer völlig außer Form sind. Dass junge, ins kalte Wasser geworfene Spieler nicht schwimmen können. Jos Luhukay, der nach der Niederlage in Frankfurt noch die Verbalkeule geschwungen hatte, musste erkennen, dass der schwache Start nichts mit mangelnder Einstellung zu tun hatte – sondern mit grundsätzlichen Defiziten. “Wir brauchen ein Erfolgserlebnis”, hat Peter Niemeyer gesagt.

Nun könnte man ja schließen, dass ein vermeintlich schwächerer Gegner besser für den Aufbau des Selbstvertrauens geeignet wäre, als ein starker wie der 1. FC Union oder der 1. FC Kaiserslautern. Aber Hertha und die Underdogs, das ist eine vermutlich unendliche Geschichte.

Deshalb sollte am Freitag um 18 Uhr im Berliner Olympiastadion niemand zu viel erwarten. Ein hässlicher 1:0-Sieg wäre beim derzeitigen Stand der Dinge schon ein Erfolg.

In diesem Sinne:

Screenshot von Facebook (amateurhafte Unkenntlichmachung von mir)

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4 Kommentare

  1. Erstellt am 23. August 2012 um 14:15 | Permanent-Link

    Jetzt also auch die Hertha. Es ist schon putzig, wie die vermeintlich Großen auf die angeblich Kleinen herunterblicken. Für Bayern München ist alles unter Championsleague Miniatur. Hertha? Wo ist das? Im Vergleich mit den arroganten Mia-san-Mia-Zipfl‘n verbündet sich ganz Fußball-Deutschland und verweist mit todesverachtender Non-Chalance: „So wollen wir gar nicht sein – wir möchten den Erfolg erarbeiten, nicht erkaufen.“ So weit so gut.

    Aber wehe, es geht dann gegen einen Verein der nächstniedrigeren Kategorie. Da wächst man selbst zum Giganten, da weiß man kaum noch, in welch gottverlassener Ecke dieser Ort angesiedelt ist, da bezweifelt man die Rechtmäßigkeit des Aufstiegs und erwägt den Gang vor den Europäischen Gerichtshof für Fußballrechte. Sagen wir‘s mal so: Als der Jahn im Namen des durchaus anrüchigen Turnvaters 1889 gegründet wurde, da war die Hertha noch ein Dampfer auf der Havel. Und selbst was den Vergleich in puncto Insolvenzen und Neugründungen anbelangt, hat die alte Reichsstadt, die Jahrhunderte vor Berlin eine Art Hauptstadtfunktion hatte, die Nase vorne: Der Jahn gründete 2000 seine GmbH, die Hertha 2002.

    Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Millionenstadt Berlin und ihr zweifacher Deutscher Meister (tja, lang, lang ist‘s her!) hat die letzten 110 Jahre zweifellos mehr Meriten erworben als der Schwimm- und Sportvereien aus der Oberpfalz – das kann man von einer Stadt mit einem Millionen-Einzugsgebiet auch erwarten. Übrigens liegen die großen Erfolge der Hertha genauso lange zurück wie die der Regensburger. 1930 besiegte der Jahn in der Trostrunde zur deutschen Meisterschaft den 1. FC Nürnberg mit 3:0 – im gleichen und im Folgejahr wurde Hertha Meister. Der Regensburger Keeper Hans Jakob wurde bei diesem Spiel für die Nationalmannschaft entdeckt. 1949/50, 1953–58 und 1960/61 gehörte der SSV der höchsten deutschen Spielklasse an. Von 1954 bis 1957 coachte die österreichische Fußballerlegende Pepi Uridil den Verein – als Nachfolger Bimbo Binders.

    Chronist Dr. Wolfgang Otto beschreibt die erfolgreichste Nachkriegs-Ära der Regensburger nach dem Aufstieg so: „Und das Jahn-Team machte in der Oberliga Süd dort weiter, wo man in der II. Liga aufgehört hatte. […] von den restlichen zwölf Partien des Jahres 1953 ging nur die bei Schweinfurt 05 verloren, dagegen feierte man sensationelle Erfolge wie die Remisspiele bei den damaligen Oberliga-Spitzenteams Eintracht Frankfurt und VfB Stuttgart. Und das 1:0 am Bieberer Berg gegen den OFC kam seinerzeit einer Sensation gleich. Das Echo der überregionalen Fachpresse über die neue Spielweise der Jahn-Elf (,Keine Spur mehr von Hauruck-Mannschaft‘) zeigt, welchen Eindruck der SSV Jahn in seinem ersten Oberliga-Jahr hinterlassen und wie sich die Arbeit Binders in der Zwischenzeit positiv ausgewirkt hatte.“

    Charakteristischer als die empirischen Erfolgserlebnisse sind die kuriosen Ereignisse, die den Jahn lange vor der schrägen Karriere des FC St. Pauli zum anarchistischen Paradiesvogel stempelten: Als „Torbruch von Karlsruhe“ etwa ging die Groteske in die Fußball-Annalen ein, als 20 Minuten vor Schluss der wuchtige Jahn-Stürmer Josef Hubeny per Kopf das morsche Gebälk des KSC zum Einbruch brachte – das Spiel gewannen übrigens die Regensburger genauso überraschend wie in der von Ihnen als so ungerecht bejammerten Relegation. Und In den 1980er Jahren brachte es ein gewisser Otto Baumgartner in die Weltpresse mit einem Kunstschuss aus 20 Metern aufs eigene Tor samt darauf folgenden Torjubel – in der Kabine war er mit den Nerven so fertig, dass man ihm die Schuhe ausziehen musste.

    Was danach kam? Der asymetrische Abstieg beider Vereine ins fußballerische Irgendwo. Ich persönlich finde, dass die Hertha in die Bundesliga gehört wie ein Kreuzfahrtschiff aufs Meer – ein Schelm, der dabei an die Titanic denkt. Jos Luhukai könnte dabei der richtige Mann sein: ein besonnener Fachmann ohne Starallüren. Lasst ihm halt Zeit! Und der Jahn wird weiter die Rolle spielen, die ihm der kongeniale Franz Gerber auf den Leib geschrieben hat: aus Nichts das Beste machen. Drei Jahre in Folge zauberte der schlaue Fuchs für ein Butterbrot Spieler aus dem Ärmel, die andernorts aussortiert worden waren – und anschließend lukrative Angebote bekamen: Philp, Alibaz, Klauß oder der treue Laurito … 60 Minuten setzte am Montag eine Truppe mit dem Gesamtwert von rund zwei Millionen Euro das Starensemble des FCB mit dem mindestens hundertfachen Wert (fast) außer Gefecht. Zugegeben, das war nicht besonders schön anzusehen. Aber vielleicht wird‘s in Berlin wieder etwas munterer – und mit einem Remis im Olympiastadion könnten alle gut leben. Das dreckige 1:0 spart ihr euch bitte fürs nächste Heimpiel auf.

    http://www.oberpfalznetz.de/zeitung/3365644-647-der_jahn_zu_brav_fuer_die_bayern,1,0.html


    Jürgen Herda

    Medienhaus “Der neue Tag”
    Ressortleiter Oberpfalznetz
    Regionale Wirtschaft& Service

    Telefon (0961) 85-575
    Mobil (0160) 96 91 50 88

  2. Erstellt am 25. August 2012 um 13:36 | Permanent-Link

    Glückwunsch zur Trendwende:

    http://www.oberpfalznetz.de/zeitung/3371726-647-wiederbelebung_der_alten_diva,1,0.html
    Wiederbelebung der alten Diva
    Jahn verschenkt Punkt in Berlin: 1:2 gegen Hertha BSC nach Tiefschlaf vor der Pause

    Berlin. Ein höchst unerfreuliches Déjà-vu erlebte Jahn Regensburg am Freitagabend im Berliner Olympiastadion: Gut 40 Minuten ließen die Regensburger vor 28.000 Zuschauern abermals wenig Torchancen zu. Dann führten gleich zwei Abwehr-Patzer innerhalb von zwei Minuten zu einem 0:2 Pausen-Rückstand. Und obwohl die Gäste in der zweiten Hälfte mit Oli Hein und Thiemo-Jérôme Kialka offensiv mutiger operierten, reichte es am Ende nur zur Ergebniskosmetik durch Francky Sembolos Kopfballtreffer (57.).

  3. xyz
    Erstellt am 25. August 2012 um 17:18 | Permanent-Link

    Das Spiel war fürchterlich und das Ergebnis glücklich wenigstens das immerhin. Ich hab mich gestern ehrlich gesagt geärgert mir doch wieder ne Dauerkarte geholt zu haben ich hoffe das ich bald anders denken kann ich hoffe und bange! Wer so wie ich bei Hertha austreten möchte drei zeiler an die Mitgliederbetreuung reicht. Ach ja und nicht alle Hertha Fans sind automatisch auch KSC Fans das wollte ich mal festhalten. Ich kann die nämlich z.b. nicht ab.

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