Der Lange und die alte Dame

In diesem Sommer war Michael Preetz ganz vorne mit dabei. Kaum hatte die Liga auch offiziell ihren Meister gekürt, präsentierte der Manager des Berliner Sportclubs Hertha auch schon seinen ersten Neuzugang. Es sollte nicht der Einzige bleiben und obwohl Hertha aktuell mit Valentino Lazaro noch einmal nachzulegen scheint: Kein Bundesligist hatte seinen Kader in dieser Transferperiode so schnell zusammen, wie der Klub, dem Michael Preetz im sportlichen Bereich vorsteht.

Dabei ist „der Lange“ alles andere als ein Frühstarter. Seine sportliche Karriere lief ähnlich schwerfällig an wie die als Manager. Während der Angreifer Preetz zwar in der zweiten Liga durchaus regelmäßig traf und am Ende auch insgesamt dreimal aufstieg, schaffte er es erst spät, mit 30 Jahren, sich in der ersten Fußball-Bundesliga zu etablieren. Mit Hertha spielte Preetz am Ende nicht nur Bundesliga, sondern auch Champions League und wurde schließlich sogar Nationalspieler.

Auch die anschließende Karriere als Manager führte Preetz zunächst einmal in die zweite Liga. Im ersten Jahr seiner Verantwortung stieg er mit Hertha ins Bundesliga-Unterhaus ab, nachdem der Klub in der Saison zuvor noch um die Meisterschaft mitgespielt hatte. Preetz schüttelte sich kurz, schaffte den Wiederaufstieg und stieg direkt wieder ab. Dass dieser zweite Abstieg in einem denkwürdigen Relegationsdrama ausgerechnet gegen den Klub vollzogen wurden, bei dem Preetz seine ersten Schritte als Profi gegangen war, ist zu vernachlässigende, aber zynische Ironie des Schicksals. Doch damals verfestigte sich ein Bild des heute 49-Jährigen, das ihm noch lange nachhängen sollte. Meist sah man ihn auf der Bank am Rande des Spielfelds sitzen, mit Sorgenfalten auf der Stirn so tief wie die Löcher in den Geldtaschen, die sein Vorgänger, Dieter Hoeneß ihm hinterlassen hatte. Preetz wurde für einige Beobachter und Fans zum Inbegriff des Scheiterns.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Das lag vor allem an seinen ermüdenden Trainerentscheidungen. Während in Dortmund Jürgen Klopp die Außendarstellung von Fußballtrainern revolutionierte, holte Preetz Friedhelm Funkel und Michael Skibbe nach Berlin. Entertainmentfaktor: Bingo-Turnier im Altersheim. Das wäre verschmerzbar gewesen, wenn sich trotzdem Erfolg eingestellt hätte – was nicht der Fall war. Und wenn Preetz dann mal ein Glücksgriff gelang, wirkten andere Kräfte. Mit Markus Babbel stieg Hertha zwar auf und spielte auch eine ordentliche Hinrunde. Doch zwischenmenschliche Probleme sorgten für die Trennung im Winter – Hertha stieg ab.

Es gibt Menschen, die in einer solchen Situation hinschmeißen, weil sie merken: Es klappt einfach nichts. 94 Prozent der Leser einer großen Boulevard-Zeitung forderten damals seinen Rücktritt. Auch langjährige Fans wendeten sich ab. Doch Preetz entschied sich, weiterzumachen. „Ich bin ein Kämpfer und keiner, der wegläuft“, sagte er damals. Das war natürlich nur die eine Sicht der Dinge. Die andere war: Wenn Preetz jetzt geht, dann war es das mit der Bundesliga-Managerkarriere. Der Lange brauchte die alte Dame damals fast mehr als umgekehrt.

Doch Michael Preetz arbeitete fortan daran, dass sich dieses Verhältnis änderte. Er wurde kompromissloser. Jos Luhukay half der souveräne Aufstieg und eine sorgenlose erste Bundesligasaison nicht, als er am ersten und zweiten Rückrundenspieltag gegen Bremen und Leverkusen sang- und klanglos mit 0:2 und 0:1 verlor. Preetz griff durch, setzte Luhkay vor die Tür und traf dann, man möchte fast sagen endlich, eine mutige Entscheidung: Anstatt auf erfahrene Feuerwehrmänner zu setzen und Peter Neururer oder Felix Magath zu holen, vertraute er seinem ehemaligen Teamkollegen aus Hertha-Tagen, Pal Dardai, die Mannschaftsleitung an. Zwar wurden die Leistungen nicht sofort besser und Hertha zitterte bis zur letzten Sekunde des letzten Spieltags um den Klassenerhalt – aber die Entscheidung für Dardai erschuf einen neuen Michael Preetz.

FC Bayern Muenchen v Hertha BSC - Bundesliga

Denn mit einem Mal saßen seine Griffe am Hertha-Steuerrad. Egal, ob bei Transfers oder Vertragsverlängerungen – immer wieder schafft es Preetz vermeintlich Unmögliches hinzubekommen. Dafür, dass der VfB Stuttgart das Gehalt von Vedad Ibisevic zahlte, während der munter für Hertha ein Tor nach dem anderen erzielte, bekam Preetz nicht nur in Berlin, sondern deutschlandweit Anerkennung. Auch Transfers wie die von Niklas Stark, Mitchell Weiser oder zuletzt Davie Selke sorgte bei anderen Klubs für große Augen. Selbst den Abgang von John Anthony Brooks konnte Preetz als Gewinn verbuchen. Bei den eigenen Fans wunderte man sich einhellig nur über die Vereinswahl des ehemaligen Talents, war sich aber darüber einig, dass die Ablösesumme den Abschiedsschmerz gar nicht erst entstehen lässt.

Natürlich ist auch der neue Michael Preetz nicht fehlerlos. Aber die Fehler, die der 49-Jährige macht, fallen nicht mehr so stark ins Gewicht, weil er auf der anderen Seite der Waage so viel richtig macht, dass Hertha nach acht Jahren Fahrstuhl das zweite Jahr in Folge ohne Abstiegssorgen unterwegs war und sogar Europa League spielt. Der Spätstarter hat es mittlerweile also auch als Manager gepackt – und im Vergleich zu seiner Zeit als Spieler noch viel Zeit, um noch viel mehr richtige Entscheidungen zu treffen.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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