Der neue Dardaiismus kennt keine Probleme

Hach.

Die Älteren werden sich an dieses Gefühl erinnern, welches mich gestern tatsächlich ab und an durchströmte. Früher, in den guten Tagen, waren Hertha-Heimspiele immer so. Da kam ein Gegner ins Olympiastadion, der seltener Köln hieß (weil häufig 2. Liga), häufiger Stuttgart oder Hamburg und eigentlich bestand nie die Gefahr, dass die einem den Nachmittag oder Abend vermasseln würden. Die Frage war seltener ob, sondern meist nur wie Hertha dieses Spiel gewinnen würde. Und die Antwort hieß häufig: Marko Pantelic.

Dieses Gefühl ist in den letzten Jahren abhanden gekommen. Man war ja zwischenzeitlich einfach nur froh, wenn Hertha wenigstens ein bisschen mithalten konnte und man vielleicht eine oder zwei Torchancen zu sehen bekam. Die Wahrscheinlichkeit einer Niederlage war aber stets größer als anders herum.

Auch am Dienstagabend war diese Unsicherheit noch manchmal da, denn trotz vieler Chancen, mehr Ballbesitz, besserer Zweikampfführung und – wie es FC-Trainer Peter Stöger nachher bezeichnen sollte – „abgebrühterer“ Spielweise von Hertha gab es auch Phasen, in denen dieses Spiel hätte kippen können. Der FC hatte seine Torchancen, nutzte sie aber nicht. Man kann da jetzt von Glück sprechen. Und unverbesserliche Pessimisten, wie wir sie alle in den letzten fünf Jahren waren, würden das auch tun. Doch da ist halt auch dieses Gefühl von damals, dass sich an diesem Abend immer mehr durchsetzte: Diese Hertha gewinnt das heute. Egal, was der FC macht.

Das hat natürlich in erster Linie mit Pal Dardai zu tun. Der Ungar kennt keine Probleme, sondern liefert Lösungen. Der Manager lässt sich Zeit mit Neuzugängen? Kein Problem, zur Not schaffe ich das auch mit diesem Kader. Ein aussortierter, alternder Angreifer aus Stuttgart soll mein Sturmproblem lösen? Kein Problem, den bekomme ich hin. Und wenn nicht, ist es meine Schuld. Stammtorhüter und Abwehrchef verletzt? Kein Problem, er hat eine Lösung. Das ist ein neuer Dardaiismus, der da bei Hertha herrscht. Probleme gibt es nicht mehr. Jammern schon gar nicht. Wir sind Hertha als alles, was da kommen kann.

Fußballspieler sind sensible Figuren, das haben Hertha-Fans in den vergangenen Jahren immer wieder feststellen dürfen. Umso wichtiger ist es, dass sie einer Leitfigur folgen können, die ihnen zeigt, wo es langgeht. Die auch bei Gegenwind „oben“ bleibt und sich nicht wegduckt. Die konsequent ihre Linie durchzieht. All das verkörpert Pal Dardai wie eigentlich noch kein Trainer zuvor in Berlin.

Und so kommt es, dass die Spieler das Beste aus sich herausholen. Zehenbruch hin oder her. Fehlende Spielpraxis papperlapapp. Neu zusammengewürfelte Viererkette whatever. Wir glauben an uns, also schaffen wir das auch.

Wobei die Motivation natürlich nur die eine Seite der Medaille ist. Wie Hertha sich in dieser Saison aus schwierigen Situationen befreit, wie sie das Spiel klatsch-klatsch-klatsch per Direktpassspiel auf die Seite verlagern, wie sie – was ich von einer Hertha-Elf gefühlt noch nie gesehen habe – gegen Köln zwischen der 81. und 86. Minute fast ununterbrochen am Ball bleibt, in dem sie den Ball erst nach vorne und dann wieder zurückträgt. Ohne einen einzigen langen Ball. Per Kurzpassspiel. Das muss man trainieren. Und bevor hier nur Pal Dardai in den Himmel gelobt wird, darf natürlich auch sein Assistent Rainer Widmayer nicht vergessen werden. Wie auch immer sie aus dieser unsicheren Truppe eine vor Selbstvertrauen fast platzende Mannschaft gemacht und ihr – so nebenbei – auch noch Automatismen eingeimpft haben, kann man gar nicht hoch genug hängen. Fernsehturmhöhe mindestens.

Der neue Turm im Hertha-Angriffsspiel heißt Vedad Ibisevic und wir hatten hier schon geflachst, ob Michael Preetz einfach mal abergläubisch war und sich an die besseren Zeiten, an dieses Gefühl unter Pantelic erinnert hat. Dieses Gefühl: Wenn nichts läuft, dann macht der schon einen. Ein Hertha-Stürmer mit -ic, das musste einfach funktionieren. Wobei die Saison noch lang ist. Aber mit Ibisevic und Kalou sowie irgendwann auch wieder Schieber und Allagui ist Hertha im Angriffszentrum so gut aufgestellt, wie seit Jahren nicht mehr. Hinzu kommt, dass die fußballerische Begabung der Spieler dahinter ebenfalls ein Niveau aufweist, das an favresche Zeiten erinnert.

Ihr merkt, ich schwärme und bin im Moment einfach nur begeistert von diesem Team. Von seiner Stabilität. Der Spielfreude. Dem Offensivgeist. Klar ist aber auch: Am Sonntag in Frankfurt wartet eine deutlich giftigere Offensivmaschine auf die Berliner. Alex Meier, Haris Seferovic und Luc Castaignos lassen solche Chancen, wie sie Hertha gegen Köln zuließ, nicht liegen. Trotzdem ist da dieses Gefühl, dass Pal Dardai und Co. auch für dieses Problem eine Lösung parat haben.

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    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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3 Kommentare

  1. Rayson
    Am 23. September 2015 um 18:33 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich kann da nur zustimmen! Und würde das Team Dardai/Widmayers herausstellen wollen.

    Kein Zweifel, dass die Rolle Dardais die wichtigere ist. Aber ohne die kongeniale Arbeit Widmayers käme sie nicht zum Zuge.

    Ich kenne das aus dem Berufsalltag. Es gibt da häufig die Kombination von „Kommunikator“ und „Tüftler“. Beide Talente scheinen sich meist zu beißen, deswegen hängt Erfolg davon ab, dass beide zueinander finden. Der Kommunikator steht immer im Rampenlicht, das er auch braucht, und der Tüftler steht abseits, was ihm aber auch recht ist.

    Ähnliches Beispiel aus der Fußballwelt: Klinsmann und Löw. Für den Aufbruch, der nach 2002 in der deutschen Nationalmannschaft nötig war, brauchte man einfach beide Talente zusammen. Wobei Pál sicher ein gutes Stück bodenständiger ist als „Klinsi“… Und Löw sich zutraute, später auch die andere Rolle mit zu übernehmen.

    Hoffen wir einfach darauf, dass es a) diese Saison so weiter geht und b) etwas Nachhaltiges daraus entsteht. Leider bin ich bei a) optimistischer als bei b)…

  2. Schoddie
    Am 24. September 2015 um 08:19 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich kann und möchte nur zu gerne zustimmen. Es ist keine neues, aber doch ein in den letzten Jahren unbekanntes Gefühl, dass uns unsere Hertha im Moment beschert. Genießen wir es! Wer weiß, wie lange es anhält.

    Ganz abgesehen von dem, was auf dem Platz passiert: Wirklich schön, dass der Blog wieder zum Leben erweckt ist. Danke dafür! :-)

  3. Rayson
    Am 25. September 2015 um 23:48 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Und wenn Pál sogar noch den Ronny fit macht, dann haben die Chuck-Norris- und Hans-Sarpei-Witze endgültig ausgedient ;-)