Die Gedächtniskirche am Kudamm lassen

Sie optimieren gerade noch ihren Kader bei Borussia Dortmund. 8:0-Tore und sechs Punkte in der Bundesliga, ein lockerer 2:0-Erfolg im DFB-Pokal und 17 Tore in vier Europa-League-Quali-Spielen sind halt noch deutlich ausbaufähig. Willkommen in der heilen Dortmunder Fußballwelt.

Eine der wenigen Parallelen

Anders als in Berlin heißt Kaderoptimierung in Westfalen allerdings nicht, noch einen oder zwei Spieler für bestimmte Positionen zu suchen, sondern vor allem: sie abzugeben. Winter-Neuzugang Kevin Kampl ging nach Leverkusen, Nachwuchs-Profi Jeremy Dudziak zu St. Pauli. Thomas Tuchel mag es beschaulicher, wenn er auf seinen Kader schaut.

Es dürfte eine der wenigen Parallelen zur Berliner Fußballwelt sein. Auch hier haben die sportlich Verantwortlichen in den letzten Wochen und Monaten vor allem auf eine Verschlankung des Kaders gesetzt. Acht Abgänge (bislang), drei echte Neuzugänge (bisher), von Jugendspielern wie Maximilian Mittelstädt mal abgesehen. Michael Preetz und Pal Dardai wollen zwar nochmal nachlegen, „wenn es Sinn macht“, aber die Hoffnung, dass die Neuzugänge der vergangenen Saison jetzt endlich ihr Potenzial abrufen, ist größer als der Drang, „noch etwas zu machen“.

Hochbegabte in Topform

In Dortmund haben sie diese Gewissheit schon. Henrikh Mkitharyan zum Beispiel erlebt derzeit eine Leistungsexplosion, die den BVB mehrere Ebenen höher hebt. Der Armenier ist trotz des neuen (Stamm-)Torhüters Roman Bürki, trotz Allrounder Gonzalo Castro und trotz Jung-Sensation Julian Weigl so etwas wie der Königstransfer von Neu-Coach Thomas Tuchel. Der Armenier hat in Dortmund zwei Jahre lang alle Chancen vergeben, bis keine mehr vorhanden waren und Jürgen Klopp seinen Abgang verkündete. Jetzt trifft der Offensivspieler selbst aus Positionen, aus denen er früher nur Eckfahnen touchiert hätte.

Um ihn herum gesellen sich allesamt Hochbegabte, von denen vielen Teams schon einer reichen würde. Pierre-Emerick Aubameyang, Marco Reus, Ilkay Gündogan, Shinji Kagawa, alle sogenannte Spielentscheider, von denen lediglich Aubameyang bereits im vergangenen Jahr seinen Wert bewies. Marco Reus war lange verletzt. Shinji Kagawa macht eine erfolgreiche Mannschaft noch erfolgreicher, wird aber wohl nie eine erfolglose Mannschaft aus dem Tief holen. Und Ilkay Gündogan ist nach seiner langen Verletzung wieder der Spieler, der ihn einst – vor der Weltmeisterschaft – in der Nationalmannschaft fast unentbehrlich werden ließ.

Gedächtniskirche bleibt am Kudamm

Dem entgegen stellen sich am Sonntagmittag elf Herthaner, die das alles wissen. Pal Dardai verkündete dann auch in dieser Woche, dass er gedenke, ein dreckiges 0:0 mitnehmen zu wollen. Wer ihn in den zurückliegenden Monaten erlebt hat, kann allerdings kaum glauben, dass er seinem Team intern nicht doch eine andere Marschroute mitgeben wird. Eine Abwehrschlacht wird das da im Dortmunder Tempel so oder so und alles andere als eine Niederlage wäre nach derzeitigem Leistungsstand eine Sensation. Doch er wird ihnen gezeigt haben, wo der BVB verwundbar ist. Die mutigen Norweger von Odds BK haben zweimal gezeigt, dass man gegen die Borussia durchaus Tore erzielen kann. Und Dardai weiß, dass sein Team defensiv besser organisiert ist, als die Skandinavier. Zumal die Defensive mit Niklas Stark nochmal verstärkt werden konnte.

Aber die Gedächtniskirche lassen wir trotzdem am Kudamm stehen: Es geht  für Hertha in Dortmund zwar auch um Punkte, vor allem aber geht es darum, den bisherigen Weg weiterzu- und damit nicht unterzugehen.

Ich persönlich werde im Stadion sein, inmitten von zahlreichen schwarz-gelben Fans. Meine Erwartungen sind so niedrig, wie der Alkoholgehalt des Biers bei Risikospielen in der Bundesliga. 

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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