Die Pointe Lasogga

61 Minuten waren an diesem freundlichen Tag in Mai gespielt, als die Karriere von Pierre-Michael Lasogga einen gewaltigen Knick erhielt. Bis zu dieser 61. Minute im Berliner Olympiastadion war es für den gebürtigen Gladbecker immer steil nach oben gegangen. Über die zweite Mannschaft von Bayer Leverkusen landete Lasogga in Berlin, verdrängte schnell den Millionen-Einkauf Rob Friend und hatte mit 13 Treffern großen Anteil am direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga. Auch in der ersten Liga traf er, acht Mal insgesamt, den Abstieg konnte aber auch Lasogga nicht verhindern, wer wollte das auch verlangen von einem 20-Jährigen Jungnationalspieler?

Im letzten Saisonspiel, dem 3:1 gegen Hoffenheim, ging Lasogga wieder einmal über seine Grenzen hinaus, er tat in eben jener 61. Minute mal wieder mehr als er eigentlich musste – sein Kreuzband riss. Es war der sarkastische Schlussakt einer Seuchensaison für Hertha BSC, die sich – ohne Lasogga – in der Relegation gegen Düsseldorf noch steigerte. Wer weiß, wie dieses Duell ausgegangen wäre, wenn Lasogga hätte mitspielen können.

Im zweiten Zweitligajahr innerhalb von drei Jahren sprachen in Berlin nur wenige über Lasogga. Andere diktierten die Schlagzeilen, der neue Trainer Jos Luhukay natürlich, der nächste Millionen-Einkauf Sami Allagui, Ronny allen voran. Im Winter war die Rückkehr Lasoggas immerhin Gesprächsthema, auch wenn Hertha damals bereits einen deutlichen Vorsprung auf die Nicht-Aufstiegsplätze hatte. Mit Lasogga, so meinten viele, würde ja nun erst recht nichts mehr anbrennen.

Sie sollten recht behalten, allerdings anders als gedacht. Lasogga spielte in dieser Zweitliga-Saison quasi keine Rolle. Der große Hoffnungsträger geriet teilweise hinter Adrian Ramos und Sandro Wagner – die ihre Sache meist hervorragend machten – zum Stürmer Nummer drei. Da halfen auch die Streicheleinheiten aus Stuttgart nichts, die – wie einige Wochen danach bekannt wurde – den Stoßstürmer gerne für ein paar Millionen verpflichtet hätten. Gut möglich, dass sie es nun wieder versuchen werden.

Denn wenn Pierre-Michel Lasogga kein sehr genügsamer Mensch ist, dann dürfte er nach diesem Halbjahr alles andere als zufrieden sein in Berlin. Es ist gut möglich, dass er nach seinem nun schon dritten Jahr in Berlin mal ausloten lässt, wie hoch denn die Angebote aus der Bundesliga so wären, wenn er Interesse an einem Wechsel hätte. Sein Vertrag bei Hertha läuft zwar noch bis 2015, doch die Bundesliga kennt Herthas finanzielle Lage und entsprechend auch ihre Schmerzgrenze. Und wenn Jos Luhukay auch in der kommenden Saison nur sporadisch mit dem 21-Jährigen plant, kann sich Michael Preetz ein nochmaliges Ablehnen einer Millionen-Offerte wohl kaum erlauben.

Am Sonntag gegen den SV Sandhausen schloss sich für Lasogga zunächst einmal ein Kreis. Der Hoffnungsträger von einst, der immer noch zu den größten Fan-Lieblingen zählt, traf nach seiner langen Leidenszeit endlich wieder ins Tor. Das letzte datierte vom 14. April 2012, das 2:1 beim 3:3 bei seinem Ex-Klub in Leverkusen. Ein Jahr und eine Woche ohne Tor – Lasogga war ausgehungert.

Dass er Hertha nun mit seinem Tor in die Bundesliga geschossen hat, ist die wunderbare Pointe dieser Saison. Kaum jemand hat dieses Tor so sehr verdient, wie Pierre-Michel Lasogga. Jos Luhukay täte – bei allem Erfolg mit seiner bisherigen sehr ausdifferenzierten Personalpolitik – gut daran, einen wie Lasogga nicht zu vergraulen.

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    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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7 Kommentare

  1. Marcel L.
    Am 21. April 2013 um 21:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich möchte einen kurzen Kommentar zu Sandro Wagner und Sami Allagui abgeben. Zu Anfang der Saison dachte ich wirklich, sie könnten was reißen. Das schien erst auch zu stimmen. Doch spätetestens die Rückrunde zeigt uns, dass Sandro Wagner und Sami Allagui sehr viele schlechte Spiele machen. Sei es Wagner, der die Bälle nicht mal richtig annehmen kann oder Allagui, der jede, aber auch wirklich jede Großchance liegen lässt. Da zu sagen, Lasogga wäre nicht gut genug, um Wagner hinter sich zu lassen, ist gewagt. Auch, weil Lasogga mehr im Spiel macht.

    • Daniel
      Am 22. April 2013 um 07:48 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Wagner hat mir zwischendurch richtig gut gefallen, ich mag ihn als Typen. Aber Lasogga ist meiner Meinung nach der bessere Spieler (auch als Allagui) und ich hoffe, dass Luhukay das in der Vorbereitung auf die Bundesliga erkennt bzw. Lasogga dort soviel Gas gibt, dass es gar keinen Weg an ihm vorbei gibt.

  2. Jonny
    Am 21. April 2013 um 22:56 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ein Kommentar zur Stadionregie an dieser Stelle: Ich fand es wirklich sehr schön, dass nach dem Schlusspfiff nicht diese 0/15–Bummusik gespielt wurde und eigentlich ausschließlich die Fans für Stimmung sorgten. Chapeau Hertha, das ist Understatement! Ich hoffe das bleibt so…
    Was hoffentlich nicht so bleibt, sind diese peinlichen „Scheiß Union“–Gesänge. Mitten in die schönste Aufstiegsstimmung wird der kleine Nachbar gedisst. Als wenn das irgendwen kratzen würde.
    Glückwunsch an Lassogga, der sich sich sein Tor mit großem Einsatz, viel Wirbel im Strafraum und guten Pässen (die ankamen) verdient hat!

    Endlich wieder Bundesliga!

    • Daniel
      Am 22. April 2013 um 07:52 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Ja, da fehlt mir natürlich die Live-Erfahrung, aber ich habe ohnehin das Gefühl, dass bei Hertha seit einiger Zeit mit mehr Sensibilität gearbeitet wird, was solche Dinge angeht. Wäre ja schön, wenn sich das so fortsetzt in den kommenden Jahren.

      Die Scheiß-Union-Gesänge braucht wirklich niemand. Gleiches gilt im Übrigen auch für die Schalke-Gesänge, die bald wieder kommen werden. Braucht es für mich nicht.

      • Am 22. April 2013 um 08:46 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Die Scheiß-Union-Gesänge braucht wirklich niemand. Gleiches gilt im Übrigen auch für die Schalke-Gesänge, die bald wieder kommen werden. Braucht es für mich nicht.

        Für mich auch nicht. Als typisches Abgrenzungs- und Selbstvergewisserungsritual von Gruppen sind sie aber wohl leider unvermeidlich.

  3. Halblinks
    Am 22. April 2013 um 09:27 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Bei aller Freude über den Aufstieg muss ich gestehen, dass ich auch knapp 24h später noch immer tief geschockt bin ob der spielerischen Darbietung der Mannschaft gestern. Technische Unzulänglichkeiten, langsam, keine proaktiven Aktionen, kein Ball fordern. Dazu ungenaue Pässe en masse.
    Ja, der gegner stand tief und wollte nur zerstören.
    Ja, man muß in solchen Spielen auch Geduld haben
    Ja, der Erwartungsdruck war hoch
    Aber, die Mannschaft ist der Spitzenreiter der 2. Liga am 30. Spieltag. Da wird man doch erwarten können, dass man auch mal das Tempo ändert, das Spiel schneller macht, um die hüftsteifen Verteidiger dieses „quasi“-Drittligisten in Verlegenheit zu bringen.
    Die Mannschaft konnte oder (hoffentlich) wollte das aber nicht. Die Pfiffe in der 2. Halbzeit fand ich mehr als berechtigt.
    Mir wird Angst und bange, wenn ich an die nächste Saison denke. Selbst eher unterbelichtete Teams wie Stuttgart oder WOB, die man letzte Woche im DFB-Pokal sehen konnte sind da mindestens zwei Klassen schneller und technisch stärker.
    Das wird eine gaaaaanz harte Saison.
    Aber, um noch aufs Thema zu kommen: Ich habe mich für Lasso gefreut (auch weil sein Einsatz mit der Höchststrafe für Wagner einherging).

    • Daniel
      Am 22. April 2013 um 09:42 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Das ist auch meine Befürchtung. Allerdings nimmt man da auch viel zu häufig Teams in den Vergleichsrahmen mit rein, die man häufig sieht. Ich zum Beispiel Dortmund oder die Bayern. Da kann der Gegner noch so tief stehen, die werden überrannt.

      Von Hertha kann man so etwas in den kommenden Jahren nicht erwarten. Das wird – wenns gut läuft – ein erfolgreiches Gekrampfe mit Abstiegssorgen bis zum letzten Spieltag. Es sei denn Ronny haut wieder jeden dritten Freistoß rein, dann wirds vielleicht etwas ruhiger.

      Ich finde nur wichtig, dass Hertha in der kommenden Saison ihr Heil in der Offensive sucht. Augsburg zeigt in der aktuellen Rückrunde wie es gehen kann.