Die Qual des Pal

Technisch limitiert, zweikampfstark, konditionell immer unter den Besten. Das sind so die Attribute, mit denen sich dieser Ex-Profi von Hertha BSC ganz gut beschreiben ließe. Ein Arbeiter vor dem Herrn, keiner fürs Feine und vor allem anderen keiner, dem man zutrauen würde, eine Offensive zu organisieren. Auch deshalb verabschiedete sich Peter Niemeyer Anfang August in Richtung Darmstadt.

Pal Dardai wird den Abgang mit Wohlwollen registriert haben. Da ging zwar einer wie er, ja. Einer, der Schlachten schlagen kann. Kriege gewinnen. Sportliche wohlgemerkt. Aber es ist jetzt nicht so, dass Dardai auf dieser Position ein Problem gesehen hätte. Defensiv, das haben sie in Berlin in der Sommerpause nicht nur einmal betont, hat Dardai die Mannschaft stabilisiert. Defensiv benötigt er keinen Niemeyer mehr. Defensiv hat Hertha ja jetzt wieder einen Dardai.

Als die „Sechs“ noch Vorstopper hieß

Der ungarische Ex-Nationaltrainer ist bei Hertha auf dem Trainerstuhl gelandet, wie er sich einst Saison für Saison auf der Sechs festspielte, als die unter Jürgen Röber noch Vorstopper hieß. Vor jeder Saison hieß es  damals in den erfolgreicheren Jahren, dass Dardai jetzt aber wohl wirklich nur noch einen Tribünenplatz bei Hertha innehaben würde. Am ersten Spieltag saßen dort dann andere – Dardai stand wie selbstverständlich auf seinem Platz unten auf dem Rasen. 14 Jahre lang ackerte sich Dardai so zur Hertha-Ikone. Mit der gleichen Akribie, die er jetzt in neuer Funktion an den Tag legt.

Doch es gibt einen Unterschied zu damals. Dardai war nie dafür zuständig, die Tore zu schießen. Dafür hatte er hochkarätige Kollegen. Erst Michael Preetz, Marcelinho, später dann Marko Pantelic. Leute, die wussten, wo das Tor steht und es auch vermochten, den Ball darin unterzubringen. Wobei, es gab diese Momente im Fußballer-Leben des Pal Dardai. Ein 1:0 in der 90. Minute gegen Rostock. Ein 2:1 gegen die Bayern. Ein 2:1 gegen Leverkusen. Meistens aus 25 Metern. Dann nahm sich der Rechtsfuß ein Herz, wie man damals sagte, und wuchtete den Ball ins Netz, weil es die anderen zuvor nicht getan hatten. Seine Aufgabe war eine andere.

Ein Kollektiv aus Verteidigern und Vorbereitern

Heute ist es das wieder. Pal Dardai ist nicht dafür da, Tore zu schießen. Vielmehr dirigiert er im Moment ein Kollektiv aus Verteidigern und Vorbereitern. Doch der eine Spieler mit dem Punch, der fehlt. Das wurde nicht nur in den Vorbereitungsspielen, sondern auch im Pokal gegen Bielefeld deutlich. Hertha erarbeitete sich zwar ganz gute Torchancen, hätte das Spiel mit einem echten Torjäger aber viel eher entscheiden können. Es wäre ein noch ruhigerer Abend geworden. Pal Dardai lobt seine Mannschaft seit Wochen, aber er schaut dabei fast immer gequält. Da zeigt sich dann die Qual des Pal, dass er zwar sehr an Hertha hängt, aber selbst auch merkt, dass es mit dem momentanen Kader schwer wird, die gesteckten Ziele zu erreichen.

Was würde Pal Dardai wohl für einen Michael Preetz, einen Marko Pantelic oder gar einen Marcelinho geben? Spieler, die den Unterschied ausmachten. Dardai hat solche Spieler nicht. Er hat Flankengeber und Dribbler wie Roy Beerens, Mitchell Weiser, Genki Haraguchi oder Nico Schulz. In der Mitte schlurft ein ehemaliger Champions-League-Sieger vor sich hin, dem die Körperspannung eines Pal Dardai sehr gut tun würde. Klar, es gibt da Julian Schieber, der den Punch im Gepäck hat. Die Frage ist, ob er ihn nach seiner Verletzung so schnell wieder findet und was passiert, wenn er sich – Worst-Case – wieder verletzt.

Wer trifft, wenn es sonst keiner tut?

Dardais und Herthas Vorteil ist: Im Gegensatz zu vergangenen Saison kann die Mannschaft nur überraschen. In fast allen Prognosen landet Hertha maximal auf Platz 15. Wenn überhaupt. Aus dieser Position heraus ist es immer einfacher zu arbeiten, als von weiter oben. Pal Dardai kennt diese Situation. Er hat 14 Jahre lang so gearbeitet. Die Frage ist, welcher seiner Spieler in die Dardai-Rolle springt und das Tor erzielt, wenn es sonst keiner tut. Denn er selbst kann das ja nicht auch noch tun.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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4 Kommentare

  1. Peter Wald
    Am 14. August 2015 um 07:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich teile nicht in allen Punkten Deine Meinung (warum kann der Trainer einen schlurfenden Spieler nicht besser motivieren ?), freue mich aber über einen neuen Kommentar nach dem ersten Pflichtspiel der Saison! Grüße, Peter

    • Daniel
      Am 14. August 2015 um 22:53 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Ich glaube, Dardai tut nichts anderes. Ob Kalou das mit seinen nun 30 Jahren noch umsetzen kann (und will), ist die andere Frage. Ich wünsche ihm von Herzen, dass er nochmal zwei starke Saisons spielt. Aber so richtig scheint er nicht aus dem Quark zu kommen.

  2. Rayson
    Am 14. August 2015 um 22:19 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hui, ich dachte schon, dieses Blog sei tot :-(

    Um so mehr danke für den unterhaltsamen Einstieg in die Saison. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie der SC Freiburg darunter litt, keinen „Knipser“ zu haben (bis der unvergessene Harry Decheiver aufschlug). Aber irgendwo in der Jugend muss doch so einer rumlaufen!? Vielleicht liegt es ja daran, dass gute Stürmer immer irgendwie anders und meistens auch noch ziemliche Egoisten sind, was vielleicht dem heutigen Ausbildungssystem, das Mittelfeldspieler en masse produziert, nicht so in den Kram passt. Der Hansi Flick hat ja neulich mal was geäußert, was man in dieser Richtung interpretieren könnte.

    Aber egal, wir können es uns ja auch schön reden: Dann ist die Hertha eben nicht so leicht auszurechnen ;-)

    • Daniel
      Am 14. August 2015 um 22:50 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Es stimmt schon, der klassische Stürmer ist tatsächlich vom Aussterben bedroht – aber wenn du keinen hast, brauchst du vorne halt herausragende Individualisten. Und die sehe ich bei Hertha leider nicht. Kalou hat leider nur ein überragendes Passspiel, aber sonst vor allem das Durchsetzungsvermögen eines B-Jugendlichen. Meine Hoffnungen liegen komplett auf Schieber. Und auf denen, die da vielleicht noch kommen. Jetzt wo Schulz weg ist, fehlt ja auch der erste Backup für Kalou…

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