Die Rückkehr des Grauens – nach Bochum

Um Gottes Willen! Es war ja noch schlimmer, als ich befürchtet hatte! Diese armseligen Nulpen spielten dermaßen grausamen Funkel-Fußball, dass es mir bei jedem zögerlichen Verteidigungsversuch, bei den zahllosen Fehlpässen und den reihenweise vertändelten Torchancen immer wieder eiskalt den Rücken runter lief. Mit Friedhelm Funkel erlebte ich die Rückkehr des Grauens ins Berliner Olympiastadion und musste mich 90 Minuten schütteln. Wirklich grausam war der Auftritt der Bochumer Mannschaft, der mich arg an das blutleere Gekicke von Herthas vergangener Saison erinnerte. Funkel als Trainer ist eine wahre Zumutung. Aber das gute ist – und daran halten wir uns jetzt fest – Funkel und Hertha, das ist ein für alle Mal Geschichte. Abgehakt.

Die ersten dreißig Minuten, die Hertha gestern gegen Bochum präsentierte, haben mich tief beeindruckt. Bochum wurde so intensiv und früh, teils am eigenen 16-Meter-Raum, attackiert, dass die zunehmend verunsicherten Bochumer in nahezu keiner Situation ungestört einen Ball annehmen und verarbeiten konnten. Bochums Schwäche war Herthas aggressivem Forechecking zu verdanken. Bei aller Kritik, die ich immer wieder übe, muss ich sagen, dass ich diese Art der Spielinterpretation fantastisch finde. Bei dem frühen Anrennen des Gegners macht sich auch die taktische Überlegenheit der „Doppel-Zehn“ bemerkbar. Denn es braucht einen weiteren offensiven Spieler, der schon früh auf dem Posten ist, um den Gegner anzulaufen. Wirklich clever, effektiv und offensiv. Das gefällt mir.

Einziger Nachteil dieser Spielauffassung ist wohl, dass man diesen Aufwand nicht über 90 Minuten betreiben kann und diese Spielauffassung keine Wirkung hat, wenn nur ein oder zwei Spieler nicht mitziehen (siehe Paderborn…). Umso geschickter erscheint mir die Lösung, während des Spiels auf die Formation der „Doppel-Sechs“ umzustellen, um die Verteidigungslinie etwas weiter nach hinten zu verlagern und das Spiel etwas zu beruhigen. Vielleicht ist Babbel taktisch und das Spielverständnis betreffend doch cleverer als ich manchmal zu meinen wage. Vielleicht hat er aber auch nur das glückliche Händchen, wie er im Fall Lasogga beweisen konnte.

Die Aufstellung Lasoggas leitet mich zu einem weiteren Thema, bei dem ich ja gerne etwas kritisch daher komme: Die Öffentlichkeitsarbeit von Babbel. Er rechtfertigte den Einsatz des jungen Stürmers (und die Nichtberücksichtigung von Friend) vor allem damit, dass er es bisher immer schwer hatte, Lasogga seine Nicht-Berücksichtigung zu erklären, weil dieser sich mit sehr guten Leistungen im Training aufgedrängt hat. Das ist insofern geschickt, als Friend damit nicht „demontiert“ ist, sondern sich über das Training wieder anbieten kann. Im Zusammenhang mit den vielen jungen Spielern, die gestern zum Einsatz kamen, verhielt sich Babbel ebenso clever: Alter sei nicht entscheidend. Die Spieler trainierten gut, brächten die Leistungen und hätten sich ihre Einsätze verdient (und der tatsächliche Altersschnitt der Mannschaft ist schließlich alles andere als gering). Auch hier schafft sich Babbel die Freiheit, in Zukunft wieder anders entscheiden zu können, ohne sich großartig rechtfertigen zu müssen. Der Erhalt dieser Freiheit ist für die Gestaltung einer langen Saison essentiell wichtig, vermute ich.

Und Funkel? Ich spreche hiermit allen Bochumer Fans mein Beileid aus. Ihr tut mir wirklich Leid, weil ihr mit Funkel garantiert nicht aufsteigen werdet. Funkel kramte ja nach dem Spiel tatsächlich die altbekannten, unerträglichen Phrasen aus seinem schier unerschöpflichen Reservoir des Grauens: „Man muss nicht alles Spiele gewinnen. (…). Ob es für den Aufstieg reicht, wird man sehen.“ Oh Mann. Das Grauen namens Funkel kehrt nun zurück – nach Bochum. Und wir machen drei Kreuze!

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  • Wer hat das geschrieben?

    Mein Name ist Enno: im Jahre 1982 geborener Berliner, Exil-Herthaner in Bielefeld und Bremen. Seit 2006 schreibe ich im Internet über Hertha BSC. (→mehr)

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8 Kommentare

  1. XXX
    Am 16. November 2010 um 13:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Guter Rückblick Enno. Und schön, dass du deine eigene Haltung auch mal kritisch reflektierst. ^^
    Funkel im SKY Interview gestern nach dem Spiel konnte ich mir nur wenige Sekunden angucken: Keine Emotion, nur leere Phrasen, alles wie immer halt. *SCHAUDER*

  2. Blauer Montag
    Am 16. November 2010 um 13:44 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Das Oly eine Festung, zumindest in Liga 2!
    Ich hoffe das bleibt so bis zum Ende der Saison.

  3. Edo Z.
    Am 16. November 2010 um 13:48 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Armer Funkel, mir scheint er bekommt die Dresche als primär Schuldiger für den Abstieg. ;o)

    Alle Absteiger der letzten Jahre hatten einen holprigen Start in der Zweiten Liga, außer … Hertha! Und dafür kann man Babbel in meinen Augen gar nicht genug loben, das „Absteigerloch“ zu vermeiden war schon eine Großtat.

    Friend legt wieder dieses etwas „krankhaft Ehrgeizige“ an den Tag, das ihn schon in Gladbach den Stammplatz gekostet hat, wenn Lasogga weiter trifft wird er es schwer haben zurück zu kommen.

  4. Blauer Montag
    Am 16. November 2010 um 13:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Nee nee Edo, die aus meiner Sicht primär Schuldigen sind inzwischen tätig für den größten europäischen Automobilhersteller. Für Funkel galt bei Hertha das Motto: „Den Letzten beißen die Hunde!“

  5. Mueggi
    Am 16. November 2010 um 14:02 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Schön analysiert Enno :)

    Heute sehe ich mit meiner Meinung aus dem Vorhergegenden Post erst einmal ganz gut aus, aber wie gesagt, ich will dich und deine Meinung ja nciht unter den Tisch fallen lassen, gestern hat Babbel auf jeden Fall erst einmal alles richtig gemacht. Auch deine Analysen bzg. der Junden Spieler ist hervorragend getroffen, so werden alle bei laune gehalten und Babble hat halt wirklich alles offen.

    Was den Kraftverbrauch betrifft, hier hat man das wohl am besten an Lasogga selbst gesehen. Der Junge war die letzten 10 Minuten so platt, ich hätte eher ihn als Raffe runter genommen. Aber ich denke mal Babble wollte ihm die Genugtuung geben, das Spiel auch bis zum Ende zu genießen.

    @ Edo: Ich habe mich zu der Thematik recht ausführlich im vorgehenden Post geäußert. Funkel ist nciht der alleinig schuldige, da gibt es viele Faktoren. Aber für den Großteil der Fans ist er das Sinnbild für den Abstieg und das in meinen Augen mit Recht.

    BTW: Was ich schon bemerkenswert fand war, dass die Fans im Stadion mit ihm noch recht glimpflich ins Gericht gegangen sind, bis aufs obligatorische auspfeifen am Anfang und einige sehr kurze Gesänge vor uns wärend des Spiels, hat man ihn doch in Ruhe gelassen. Ich hatte vor dem Spiel mit weit aus schlimmeren Gerechnet. Und die feine Ironie der Fans hat sich ja auch wieder in dem Gesang ‚Ohne Funkel wärn wir gar nicht hier‘ gesehen. Das hatte aussagekraft, war nicht grob beleidigend und hatte Stil seinen Unmut über diese Person zu zeigen.

    Chapeau!

    • Konstantin
      Am 16. November 2010 um 20:14 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Ich hatte gestern auch mit schlimmeren Funkel-Schmähungen gerechnet. Und die Zeichen dafür standen auch gut, als zum Einsingen „Funkel raus!“ geübt wurde. Aber es tat mir auch richtig gut, mit einem laut mitgebrüllten „Ohne Funkel wären wir gar nicht hier“ einen Schlussstrich unter die Sache zu ziehen. Mit ein bisschen Glück sehen wir Friedhelm nie wieder im Olympiastadion.
      Und für Montagabend fand ich 28.000 Zuschauer auch ganz ordentlich. Zu gerne hätte ich das Spiel für 5 min bei Sport1 gesehen, als die gesamte Ostkurve „Scheiß Sport1“ brüllte! Was ein Spaß!
      Überhaupt schien die meisten Fans mehr der Zeitpunkt des Spieles als der Trainer des Gegners zu missfallen. Aber „Scheiß Funkel-Spiele!“ hätte es auch sehr gut getroffen!!

  6. Am 16. November 2010 um 15:27 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Der Lasogga hat mir bei seinem Ausflug nach Leipzig mit der U23 schon sehr gut gefallen. Schön, dass er sich vor zwei Wochen das Schießen von Toren gespart und für gestern aufgehoben hat..

  7. flinki
    Am 17. November 2010 um 22:28 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Funkelfußball ist das Grausamste, was man sich antun kann, gut dass er weit weg ist. Er passte nicht, hat planlos spielen lassen und sich mit Durchhalteparolen von Spiel zu Spiel gehangelt. Der „alte“Kader wäre nach dem 6ten Spieltag unter einem anderen Trainer nie abgestiegen. Es ist toll wie Babbel seine Spritzigkeit auf die Spieler überträgt.
    Funkel ist ein müder alter Mann, der es versäumt hat mit Würde rechtzeitig abzutreten. In Frankfurt war er seine letzte Saison hoffnungslos überfordert und gewann keines seiner letzten 6 Spiele. Bochum haltet durch im Sommer seid ihr ihn los und hoffentlich bis dahin nicht abgestiegen!

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