Die Rückrunde der Wahrheit

Wie wichtig ein bisschen Glück für den Verlauf einer Saison kann, das weiß Pal Dardai natürlich. Deshalb ist es keine Überraschung, dass sich ein Arbeiter wie er beim Trainingsstart ins Jahr 2017 hinstellt und sagt: „Ich wünsche mir Glück für die Rückrunde.“ Glück ist essenziell in diesem Geschäft. Lucien Favre hat bei Hertha einmal auf die Frage, was sein Erfolgsrezept bei Hertha sei, gesagt: „Es liegt an nichts.“ Und meinte damit: Wir hatten Glück. Was passiert, wenn man überhaupt kein Glück hat, das hat zum Beispiel Friedhelm Funkel in Berlin erlebt. Seine Hertha spielte selten schlecht, verdiente sich den Sieg sogar des Öfteren, doch am Ende gewannen immer die anderen. Das Resultat hieß 2. Liga.

Es ist noch nicht so lange her, da schien Pal Dardai und Hertha das Glück verlassen zu haben. In der Europa-League-Qualifikation scheitert Hertha spektakulär weil nach dem 1:0-Erfolg im Hinspiel vollkommen unerwartet. Beim Gegner klappte alles, bei Hertha nichts, manchmal ist Fußball so. Wenig später, Hertha spielt die erste Pokalrunde, es läuft die 52. Minute und die Stimmung in Berlin ist plötzlich funkelesk kann man sagen, denn gerade ist der Drittligist aus Regensburg durch eine Art Sonntagsschuss in Führung gegangen. Hertha taumelt, hat „wenig Ideen“ wie der Kommentator sagt, die Hertha-Fans schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, das kann doch nicht wahr sein. Erst das Aus in Europa und jetzt das Aus im Pokal? In der 84. Minute trifft Mitchell Weiser per Kopf nach einer Ecke, Verlängerung, Elfmeterschießen und puh. Nochmal Glück gehabt, wobei man das für die letzten Minuten nicht sagen kann, denn es gab selten einen souveräneren Sieger in einem Elfmeterschießen.

Foto: Johannes Simon/Bongarts/Getty Images

Foto: Johannes Simon/Bongarts/Getty Images

Dann der erste Spieltag, Hertha spielt in der Hitze von Berlin nicht souverän, der Gegner aus Freiburg tritt frech auf und hat Chancen. Doch Vladimar Darida hat gegen seinen Ex-Klub eine Idee, Dardais Hertha geht in Führung und fast ist man als Skeptiker versucht, zu sagen: Kann ja doch noch was werden mit dieser Saison. Doch dann läuft die Nachspielzeit, die für eine Bundesligapartie ungewöhnlich lang ist, in der 93. Minute bekommt Freiburg noch einmal eine Ecke und plötzlich steht es 1:1. Wieder schlagen Hertha-Fans kollektiv die Hände über dem Kopf zusammen, das kann doch nicht wahr sein.

Erst das Aus in Europa, dann dieses Gewürge im Pokal und jetzt nur ein 1:1 gegen einen Aufsteiger? Was dann passiert, kann man nur mit dem berühmten Mut der Verzweiflung – oder eben mit Glück – beschreiben. Irgendwie schafft es Haraguchi nochmal vor das gegnerische Tor, der Ball wird einmal abgefälscht, landet bei Hegeler, der Ball wird nochmal abgefälscht, landet bei Schieber, der schießt einmal, bleibt hängen, schießt nochmal, zwei Meter daneben, eigentlich, doch ein Freiburger hält den Fuß rein, Tor, 2:1, Hertha startet mit einem Sieg in die Bundesliga-Saison.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

So ist Fußball manchmal.

Die Europa League? Vergessen. Für die zweite (und dritte) Pokalrunde qualifiziert. In der Bundesliga soviel Schwung geholt, dass Hertha zunächst nur von den Bayern zu stoppen ist. Die erste „echte“ Niederlage gibt es erst Ende Oktober in Hoffenheim. Es folgen zwar noch zwei weitere gegen Bremen (unnötig) und Leipzig (hochverdient), aber am Ende dieser so katastrophal gestarteten Spielzeit steht Hertha mit nur drei Niederlagen und zum zweiten Mal in Folge im Winter auf Platz 3 der Bundesliga.

Glück?

Natürlich ist es glücklich für Hertha, dass sich Schalke zu Saisonbeginn direkt mal die erste große Krise nimmt, dass Gladbach sich beim Auswärtsspiel in Berlin quasi selbst besiegt, dass Wolfsburg das Momentum einfach nicht auf seiner Seite hat. Andererseits braucht es natürlich auch die Qualität, so etwas auszunutzen. Gegen Schalke trifft Mitchell Weiser erst sehenswert zum 1:0 und bereitet das 2:0 dann per Traumpass vor. Gegen Gladbach spielt Weiser fast den gleichen Pass, dieses Mal auf Kalou, der an diesem Tag auch einen Apfel vom Kopf eines Fans getroffen hätte. Gegen Wolfsburg kann Pal Dardai Alexander Esswein bringen, der das Spiel zunächst ausgleicht, bevor Kalou in der 89. Minute so kalt wie der Berliner Winter einen Elfmeter versenkt. Hertha hat Glück, aber eben auch die Qualität, damit etwas anzufangen.

Foto: Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images

Foto: Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images

Die große Frage dieser nun anstehenden Rückrunde wird sein: Bleibt das so? Oder hat Hertha in dieser Hinrunde erneut am Limit gespielt, während viele andere Klubs es nicht schafften, ihr Potenzial abzurufen? Und was passiert, wenn es diesen – oder einigen – Klubs in der Rückrunde gelingt?

Die Antwort darauf habe ich natürlich nicht, aber diese Rückrunde wird mit Sicherheit hart und ihr Verlauf könnte sich (erneut) in den ersten Wochen bis Mitte Februar entscheiden. In Leverkusen und Freiburg. In Dortmund und Gelsenkirchen. Alles schwere Auswärtsspiele, die direkt auf dem Plan stehen.

Und für die man das Glück, dass sich Pal Dardai eingangs gewünscht hat, dringend braucht.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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