Die ultimative Rückrunden-Vorschau

Schafft Hertha den Klassenerhalt? Das ist die Frage aller Fragen in der Rückrunde dieser Bundesliga-Saison für uns Hertha-Fans. Ich habe es gestern geschafft, einen Blick durch die Brille des Fußballgotts zu werfen und kann euch beruhigen: Den Abstieg hat er für Hertha nicht vorgesehen. Aber eine turbulente Rückrunde. Lest selbst wie es ausgeht, in unserer ultimativen und hochgradig Ernst gemeinten Rückrunden-Vorschau.

Januar

Beim Trainingsstart fehlen die Brasilianer Cicero, Raffael, Kaka und Cesar unentschuldigt. Dafür steht Andre Lima zusammen mit seinem Berater plötzlich bei Michael Preetz auf der Matte. Bei Hertha spielen möchte er zwar nicht mehr, doch seinen bis 2011 laufenden Vertrag würde er trotzdem gerne verlängern. Denn in Brasilien sei zwar das Wetter besser, die Bezahlung aber mittlerweile auf Drittliga-Niveau angekommen. Preetz bittet um Bedenkzeit. Die BILD titelt am nächsten Tag: „Lima-Gipfel: Verhandlungs-Marathon endet ohne Ergebnis.“

Als Hertha am 16. Januar das erste Bundesligaspiel bestreiten soll, wundert sich Friedhelm Funkel: „Ich dachte, wir würden erst im Februar wieder anfangen.“ Damit erklärt sich auch der späte Trainingsbeginn. Funkel schickt eine Rumpfelf auf den Platz, da die vier Brasilianer immer noch nicht wieder da sind. Doch die Mannschaft um den neuen Kapitän Pal Dardai, der wie unter jedem Trainer bereits abgeschrieben war und nun eine phänomenale Rückkehr feiert, erkämpft sich einen 1:0-Auswärtssieg. Torschütze: Gojko Kacar aus dem Getümmel. Die folgenden beiden Heimspiele werden wegen Unbespielbarkeit des Platzes im Olympiastadion in den Februar bzw. sogar den April verlegt. Doch bei Hertha herrscht trotzdem Hochbetrieb. Am 30. Januar erscheinen die vier Brasilianer nämlich plötzlich auf der Transferliste und wechseln am 31. Januar für insgesamt 50 Millionen Euro zu Dieter Hoeneß’ VfL Wolfsburg.

Februar

In der Nacht zum 1. Februar legt Hertha deshalb noch einmal nach und verpflichtet für 18 Millionen Euro Andrey Voronin, Lincoln und Kevin-Prince Boateng. Die BILD gibt für alle drei eine Willkommens-Party, deren Fotos sie in den nächsten Monaten immer wieder für „Das ist die heißeste Spielerbraut Berlins“-Bilderstrecken verwenden wird.

In der Liga läuft es Dank der Neuzugänge bestens. Hertha holt beim 2:2 gegen den Tabellenführer in Bremen einen Punkt (Tore: Voronin, Kacar), siegt im Nachholspiel gegen Gladbach (2:1, Kacar 2) und steht nach Erfolgen über Mainz (2:1, Voronin 2) und Freiburg (2:1, Kacar, Voronin) erstmals seit dem vierten Spieltag nicht mehr auf einem Abstiegsplatz, sondern auf Relegationsplatz 16. Michael Preetz gibt daraufhin ein legendäres Interview in der Morgenpost, in der der Satz fällt: „Es ist mein Traum, in den nächsten fünf Jahren mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor zu fahren.“

März

Patrick Ebert, seit Lincolns Verpflichtung ohne Einsatz, macht Schlagzeilen, weil er nachts um halb drei zusammen mit Kevin-Prince Boateng nach dem Sieg gegen Nürnberg (2:1, Voronin, Kacar) auf dem Kurfürstendamm gesehen wird . Angeblich soll er einem Mercedes mit dem Kennzeichen „B-LI-2010“ mit brasilianischem Heckaufkleber die Spiegel abgetreten haben. Boateng und Ebert bestreiten den Vorfall. Friedhelm Funkel suspendiert beide trotzdem mit der Begründung: „So etwas hat mit Fußball nichts mehr zu tun.“

Am 21. März kommt es (ohne die beiden) zum Duell mit dem VfL Wolfsburg, der sich durch die großen Veränderungen zur Winterpause in der Liga noch sehr schwer tut. Weil Dieter Hoeneß nicht nur die vier Hertha-Brasilianer, sondern auch Albert Streit und Marcelinho nach Wolfsburg geholt hat und nach den zwei Niederlagen zu Beginn der Rückrunde Falko Götz für Armin Veh auf den Trainerstuhl gesetzt hat, spricht Dieter Hoeneß in den Wolfsburger Nachrichten von „einem Übergangsjahr.“ Nach dem 2:1-Sieg über Hertha tanzt er jedoch im Kreis der Mannschaft, als wäre er bereits Meister geworden. Nach dem Spiel wird er auf die nun doch wieder prekäre Lage seines ehemaligen Vereins angesprochen, woraufhin er kurz zögert, seine Krawatte zurechtzupft und sagt: „Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich zur derzeitigen Situation von Hertha BSC nicht äußern möchte.“

April

Das Nachholspiel gegen Bochum gewinnt Hertha mit 4:0 und Kevin-Prince Boateng feiert eine phänomenale Rückkehr – wird allerdings nach dem Spiel für zwei Spiele gesperrt, weil er einen von Patrick Ebert auf der Bank bereitgehaltenen Autospiegel zum Jubeln verwendet (bzw. weggetreten) und dabei einen Balljungen verletzt hat. Nach Heimsiegen über Dortmund und den immer noch Tabellenletzten aus Stuttgart, der mit der Doppelbelastung Champions League (drei Tage vorher hatte sich der VfB für das Halbfinale qualifiziert) einfach nicht zurecht kommt, verlässt Hertha den Relegationsrang endgültig und setzt sich ins graue Mittelfeld der Liga ab. Friedhelm Funkel wird nach dem Spiel zitiert: „So wohl gefühlt habe ich mich lange nicht mehr.“

Und endlich gibt es auch Neues von Andre Lima, der in der BZ ein Exklusiv-Interview gibt und darin verkündet, zurzeit in Berlin zu weilen, um den neuen Vertrag zu unterschreiben. Michael Preetz sagt dazu nichts und nickt nur vielsagend. Einen Tag später Titel die BILD: „Lima-Wechsel endgültig vom Tisch!“

Mai

Sicher durch ist Hertha noch nicht. Nach dem unnötigen Unentschieden in Frankfurt (1:1, Voronin, Eigentor Lincoln) und der Niederlage gegen den bereits feststehenden Deutschen Meister Schalke 04 (0:2, Wiegel, Kayaoglu) ist Hertha nur noch einen Punkt vom Relegationsplatz entfernt. Ein Sieg gegen Leverkusen, das in der Rückrunde kein Spiel mehr gewinnen konnte, scheint machbar. Doch der Trainer dort heißt mittlerweile Lucien Favre, der erst einen Spieltag zuvor Jupp Heynckes abgelöst hatte. Hertha verliert mit unglücklich mit 0:1, nachdem die Funkel-Elf 90% Ballbesitz und ein Torschussverhältnis von 11:1 vorzuweisen hatte. Das Tor erzielte der Schweizer Eren Derdiyok in der 96. Minute.

So kommt es am 8. Mai zum Finale gegen Bayern München. Für die Elf von Interims-Coach Ottmar Hitzfeld gibt es nichts mehr zu holen, der Champions-League-Zug ist abgefahren, der Europa-League-Platz gesichert. Trotzdem sagt Hitzfeld vor dem Spiel: „Wir wollen uns nach dem Spiel keine Wettbewerbsverzerrung vorwerfen lassen.“ Da Nürnberg und Köln sich gegenseitig Punkte wegnehmen, kann Hertha den Klassenerhalt mit einem Sieg aus eigener Kraft schaffen. Arne Friedrich ist vor dem „wichtigsten Spiel der Vereinsgeschichte“ (Funkel) nach seiner Knieverletzung drei Spieltage zuvor wieder fit, sitzt aber zunächst nur auf der Bank – und kommt dann auch nicht mehr ins Spiel. Das steht lange 0:0-Unentschieden, die Bayern haben bereits das Uefa-CupDFB-Pokal-Finale gegen Werder Bremen im Kopf, aber Hertha nutzt die wenigen Chancen durch Voronin und Kacar nicht. Dann wechselt Friedhelm Funkel in der 80. Minute Andrey Voronin aus – und bringt zum Erstaunen von Fans und Presse Andre Lima.

In der 89. Minute schreit das gesamte Olympiastadion auf, Hertha bekommt einen Elfmter. Wie bei jedem in dieser Saison nimmt sich Gojko Kacar den Ball, doch Andre Lima nimmt ihn ihm aus der Hand. Steve von Bergen versucht noch den Brasilianer umzustimmen, während Friedhelm Funkel draußen vor Wut beinahe Patrick Ebert aufisst. Lima läuft an und verschießt – Hertha muss in die Relegation, die BILD titelt: „Lima-Katastrophe – Hertha vor dem Abgrund!“

Doch in der Relegation wird alles gut. Gegen Greuther Fürth siegt Hertha souverän, zweimal mit 2:0 (Wichniarek 3, Voronin). Die Klasse ist gehalten. Der Traum von Michael Preetz kann Wirklichkeit werden. Und Andre Lima? Wechselt im Sommer für drei Millionen Euro nach Wolfsburg.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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14 Kommentare

  1. Am 3. Januar 2010 um 10:06 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich schmeiß mich weg! Ganz groß, wirklich. Ich liebe solche Texte. :)

  2. Enno Enno
    Am 3. Januar 2010 um 10:40 Uhr veröffentlicht | Permalink

    So würde es mir gefallen!

  3. Am 3. Januar 2010 um 11:05 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Du hattest den gleichen Traum wie ich, Daniel!

  4. Am 3. Januar 2010 um 12:27 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wirklich großartig. Eine Spitze jagt die andere, und Fürth bleibt mal wieder zweitklassig. Womit sie , nach aktuellem Stand der Dinge, aber wohl auch zufrieden wären.

  5. kielerblauweiß
    Am 3. Januar 2010 um 14:37 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wunderbar!!!!
    Amen (im wahrsten Sinne)

  6. Die Dame
    Am 3. Januar 2010 um 19:43 Uhr veröffentlicht | Permalink

    „während Friedhelm Funkel draußen vor Wut beinahe Patrick Ebert aufisst“
    Herlicher Text, Hoffentlich passiert es auch so! ;)

  7. rotundschwarz
    Am 3. Januar 2010 um 20:37 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Auch für einen Nicht-Herthaner liest sich das seeeehr vergnüglich. Und auch für einen Eintrachtler hätte es durchaus seinen Reiz, FF beim Verspeisen von Patrick Ebert zuzuschauen. Grüße in die Haupstadt und viel Glück auf dem Weg durch die Rückrunde ..tja… wohin? We’ll see about that.

  8. Sascha
    Am 4. Januar 2010 um 15:11 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Großes Tennis! Absolut realistisch, aber kann Bayern noch die Euro-Leauge gewinnen? Wäre mir neu ;-)

  9. Daniel
    Am 4. Januar 2010 um 15:17 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ach siehste…doch wieder was verpeilt ;) Es war schon etwas später (was man dem Artikel zum Ende hin auch anmerkt). Habs geändert, danke :)

  10. Morix
    Am 4. Januar 2010 um 16:58 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Herrlich. Wunderbarer Text endlich mal was zu lachen.

  11. Patrick
    Am 5. Januar 2010 um 08:50 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Einfach nur herrlich. Super geschrieben!

  12. Kathy
    Am 5. Januar 2010 um 13:15 Uhr veröffentlicht | Permalink

    „Hertha verliert mit unglücklich mit 0:1, nachdem die Funkel-Elf 90% Ballbesitz und ein Torschussverhältnis von 11:1 vorzuweisen hatte. Das Tor erzielte der Schweizer Eren Derdiyok in der 96. Minute.“

    Sehr schön. Das war letzte Saison einer der ekelhaftesten Siege, die ich je erlebt habe. Die Quittung dafür musste ja kommen…
    Wetten, es war Knut Kircher, der die 6 Minuten draufgelegt hat?! ;-)

  13. Daniel
    Am 5. Januar 2010 um 19:16 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Danke im Übrigen für das tolle Feedback – bin in den letzten Tagen kaum zu was gekommen :)

  14. pilgrims
    Am 6. Januar 2010 um 19:38 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Klasse Text! :-)

3 Trackbacks

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