Die Zeit ist abgelaufen

Eines meiner Lieblingszitate aus dem Film „Independence Day“ ist heute mal die Überschrift für die Einleitung in die neue Bundesliga-Saison. Jeff Goldblum sitzt in einem Regierungsauto, guckt auf seinen Laptop, auf dem die Zeit herunterläuft und als die Anzeige auf 00:00:00 schaltet, sagt er mit diesem Anflug von Angst in der Stimme: „Die Zeit ist abgelaufen.“

Angst spüre ich nicht vor dem Moment in dem die Uhr am Samstag auf 18:30:00 springt. Trotzdem ist für uns die Zeit der Zweitklassigkeit endendendendendgültig abgelaufen. 462 Tage nach dem 1:1 in Leverkusen, durch das der Abstieg unwiderruflich feststand, ist Hertha zurück.

Zurück ist auch die Euphorie aus der Vorsaison. Wenn ich die Zahlen aus dem Online-Ticket-Portal von Hertha richtig deute, werden am Samstag über 60.000 zum Saisonauftakt gegen Nürnberg ihren Hertha-Schal überwerfen und ins Stadion pilgern. Womit wir beim Thema wären: Nürnberg. Es gibt sicherlich leichtere Aufgaben für einen Aufsteiger, der es jahrelang nicht anders kannte, Mannschaften wie Nürnberg nur als Bundesliga-Beiwerk abzutun. Die sind halt dabei, aber gefährlich? Wo denn?

Das ist natürlich eine Gefahr, vor allem für die Euphorie in der Stadt. Gewinnt Hertha nicht – und zeigt dabei die erwarteten Schwächen in der Defensive – könnte es damit nämlich ganz schnell vorbei sein. Es liegt an der Mannschaft, die in der vergangenen Saison neu hinzu- oder zurückgewonnen Fans nicht gleich wieder zu vergraulen. An sich kann das Babbel-Team ja jetzt frei aufspielen, aber wie das aussehen kann, haben wir im ersten Spiel nach dem gesicherten Wiederaufstieg gegen 1860 München (1:2) gesehen. Vielleicht ist sogar gar nicht so schlecht, wenn die Zuschauer einen gewissen Druck ausüben.

Eine Saison-Prognose traue ich mir nicht zu. Ich habe die leise Hoffnung, dass Hertha nichts mit dem Abstieg zu tun hat, glaube aber, dass es wie in der letzten Bundesliga-Saison für alle nur um Europacup oder Nichtabstieg gehen wird – und Hertha für Ersteres nicht stark genug ist.

Andere haben sich weiter vor getraut. Eine kleine Auswahl hab ich zusammengestellt. Zunächst die vorsichtig optimistischen:

Jetzt muss der Coach der Mannschaft noch eine erfolgversprechende Spielphilosophie für die Bundesliga verpassen. Ob dann tatsächlich der Pokalsieg herausspringt, hängt von vielen Unwägbarkeiten – vor allem der Auslosung – ab. Für den Klassenerhalt wird es aber reichen. Wir glauben an einen 12. Platz. (Sportal)

Hertha, die Bayern-Filiale im Osten, hat sich prächtig verstärkt: Man hat Liga-Rüpel Maik Franz verpflichtet, und man kann sicher sein, dass er sich in Bezirken wie Neukölln und Wedding wie zu Hause fühlen wird. Dank Maik Franz wird der Klassenerhalt für den Aufsteiger früh klargemacht. Am Ende: Platz 12. (Spiegel Online)

Die Hertha ist potentiell einer der besten Aufsteiger der letzten Jahre. Das Team ist gefestigt, wurde gut verstärkt und hat mit Babbel einen äußerst fähigen Trainer an der Seitenlinie. Dazu kommt die Berliner Euphorie. Platz 10. (Eurosport)

Prognose: Hertha hält die Klasse, bleibt aber in der unteren Tabellenhälfte. (Bild)

Lediglich fünf Prozent (einer User-Umfrage mit 645 Teilnehmern, Anm. von mir) glauben, dass die Babbel-Elf nach nur einem Jahr wieder den Gang ins Unterhaus antreten muss.(ran.de)

Dann die, die eher auf einen Abstiegskampf tippen:

Die Hertha hat ihren Kader, der schon im Vorjahr Bundesliganiveau verkörperte, jedoch sinnvoll um erstligaerprobte Akteure erweitert. Babbel, der vor seiner ersten vollständigen Bundesligasaison steht, ist nun allerdings auch gefordert, weiter an einem auf Erstligaverhältnisse zugeschnittenen Spielplan für sein Team zu feilen. Wille und Leidenschaft reichen in der Bundesliga nicht aus. Gelingt dieser Spagat, wird die Hauptstadt auch im kommenden Jahr Bundesligafußball anbieten können. (Spox)

Ein Mittelfeldplatz ohne Abstiegssorgen wäre ein gutes Ergebnis. Ein Klassenerhalt in letzter Sekunde eigentlich auch. (Der Tagesspiegel)

Die Mannschaftsteile sind für einen Aufsteiger schlagkräftig besetzt, die hohen Erwartungen des Umfelds aber ein ständiger Gefahrenherd. Urteil: Bedingt bundesligabereit. (dapd via Hamburger Abendblatt)

Und die, die nicht wirklich an einen Klassenerhalt glauben:

Was ist möglich? Wenig. Das wowereitsche Berlinmotto gilt für die Hertha nicht. Geld hat sie zwar kaum, aber sexy ist sie nur im Sturm. Die bescheidene Hertha hat zu wenig investiert, um sich wieder in der Bundesliga zu etablieren. Bleibt dem Verein zu wünschen, dass er 2013 den nächsten Anlauf nehmen darf. (Stern.de)

Vor allem die Analyse von Stern.de ist sehr interessant, weil der Autor erstaunlich sachlich bleibt und so einen Blick fernab jeder Euphorie auf das Hertha-Team wirft. Wollen wir hoffen, dass seine Prognose nicht eintrifft.

Ach, und dann ist da natürlich noch Mario „Ich erzähle seit 10 Jahren immer das Gleiche“ Basler. Den Link erspare ich mir, weil jede Aufmerksamkeit, die er und diese Zeitung dafür bekommen, zu viel ist. Früher dachte ich ja immer, Basler hätte was gegen Dieter Hoeneß. Hab mich wohl geirrt.

Apropos Dieter Hoeneß: Die Sportbild hat das Unfassbare möglich gemacht und dem Ex-Manager eine Aussage zu Hertha aus der Nase gezogen. Gut, es ist nur eine Prognose zum ersten Spiel gegen Nürnberg, aber immerhin lautete die Antwort nicht mehr: „Zu Hertha BSC sage ich nichts, das werden Sie verstehen.“ Sein Tipp: 2:1 für seinen Ex-Verein.

So, und während die Zeit auf der Uhr weiter herunter tickt bis zum Bundesligastart für unser Team, will ich eure Tipps hören. Wo landet Hertha am Ende dieser Saison? Müsste ich mich festlegen würde ich sagen: Platz 13. Und ihr so?

Update: Mein Senf zum Spiel gegen Nürnberg bei Clubfans-United.

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    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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11 Kommentare

  1. Am 5. August 2011 um 12:18 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich halte einen Tabellenplatz 12.-14. für absolut realistisch.

    Vor allem dürfen wir alle (Team, Trainer- und Betreuerstab, Management und vor allem die Fans) nicht gleich nervös werden, wenn unsere Hertha eine Negativserie zu verzeihnen hat. Immer daran denken: Wir benötigen „lediglich“ 1,20 Punkte aus jedem Spiel – dann haben wir es ganz sicher geschafft, die 1. Bundesliga zu halten.

  2. borp
    Am 5. August 2011 um 12:20 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hoffnung: Obere Hälfte aka einstelliger Tabellenplatz.
    Schlimmste Befürchtung: Nehme ich nicht in den Mund/die Hand.
    Realistisch: 13-16 (also ein Platz, wo man frühestens 1-2 Spieltage vor Schluss sicher sein kann)

    Wobei ich ja die Hoffnung habe, dass die anderen „kleinen“ aka Freiburg/Mainz/Nürnberg/Köln/Gladbach die ganz unteren Plätze unter sich ausmachen…

  3. Enno Enno
    Am 5. August 2011 um 12:24 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wenn ich versuche, meinen Pessimismus mit Sarkasmus zu überspielen, sage ich in der Regel: Wenn Hertha Glück hat, werden die ersten fünf Spiele verloren und ein anständiger Trainer geholt, der den Klassenerhalt schafft.

    Wenn ich es nüchtern betrachte, teile ich vor allem diejenigen Einschätzungen, die oben zitiert werden, dass Babbel der Schwachpunkt von Hertha ist. Er hätte in der zweiten Liga die Zeit und die Gelegenheit gehabt, ein Spielsystem entwickeln zu können, bei dem nicht einzelnes Können, sondern kollektive Leistung im Mittelpunkt steht. Das hat er nicht.

    Bis heute ist lediglich ein Defensivsystem zu erkennen, dass angesichts der schwachen Innenverteidiger arg gefährdet sein wird. Von offensiven Spielzügen, -mechanismen, -standardisierungen keine Spur. So kann man heute keinen Blumentopf mehr gewinnen, weil selbst Lautern, Freiburg und Hannover ein effizienteres, weil organisierteres Offensivspiel haben.

    An der Person Raffael kann man das fest machen. Raffael ist ein Spieler, der zwar individuelle Klasse hat, der aber ein funktionierendes Offensivsystem braucht, in dem er seine Möglichkeiten entfalten kann. Weil dieses System fehlt, bleibt er immer unter seinen Möglichkeiten, weil er es dann alleine machen will. Da scheitert er natürlich. Konsequenterweise sitzt er dann auch nur auf der Bank. Der beste Offensivspieler! Sitzt auf der Bank!

    Wenn Babbel nicht noch völlig überraschend ein Offensivsystem aus dem Hut zaubert, sehe ich keine Chance auf den Klassenerhalt, außer: s.o.

    • Daniel
      Am 6. August 2011 um 10:37 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Hast du das Interview mit Babbel im Tagesspiegel schon gelesen? Beängstigend, wie er sich windet und ausweicht:

      „Wie lautet denn Ihre Idee vom Spiel?

      Babbel: Das ist nicht immer so einfach. In der Zweiten Liga haben sich wahnsinnig viele Mannschaften hinten reingestellt, da mussten wir einen brutalen Aufwand betreiben. Und dann stimmte die Fitness am Anfang der Saison nicht.

      Aber was zeichnet eine Babbel-Elf aus? Der Wille?

      Babbel: Der Wille zu gewinnen, ja. Aber das ist auch eine Qualitätsfrage. Für eine Spielphilosophie braucht man auf Dauer auch Leute, die sie perfekt umsetzen. Man darf nicht vergessen: Michael und ich haben eine komplett neue Mannschaft zusammenstellen müssen, teilweise kannte ich die Spieler gar nicht, speziell die jungen. Trotzdem haben wir eine homogene Einheit hinbekommen, die es geschafft hat, souverän aufzusteigen.“

      Ich finde das unterstreicht deine These. Der Wille als Mittel? Sorry…

      • Daniel
        Am 6. August 2011 um 10:37 Uhr veröffentlicht | Permalink
      • Halblinks
        Am 6. August 2011 um 16:33 Uhr veröffentlicht | Permalink

        gruselig!
        Finde ich beängstigend!

      • Enno Enno
        Am 6. August 2011 um 19:23 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Das war Anti-Fußball. Unglaublich schlecht. Schlimmer als Funkel. Babbel ganz schnell rausschmeißen. Das war der Offenbahrungseid…

        • Halblinks
          Am 6. August 2011 um 19:50 Uhr veröffentlicht | Permalink

          Zustimmung, da ist die Ka… mal gleich komplett am Dampfen.
          Alle Kritikpunkte auf ganzer Linie bestätigt.
          Wenigstens sind alle Traumtänzer bereits am ersten Spieltag brutal auf dem Boden der Tatsachen aufgeklatscht.

  4. Am 5. August 2011 um 12:39 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Tja, so ein bisschen ist Hertha diese Saison eine Wundertüte. Offensiv sind wir meiner Meinung nach gut besetzt, das müsste für das Bundesliga-Mittelfeld eigentlich reichen.

    Die größte Schwäche sehe ich in der Defensive. Insbesondere Kobi dürfte bei vielen Trainern als Angriffspunkt auf unserer linken Abwehrseite auf dem Zettel stehen – ohne, dass wir wirkliche Alternativen hätten. Ab einem gewissen Punkt kann man fehlende Schnelligkeit nicht mehr mit Übersicht und Erfahrung ausgleichen. Gespannt bin ich, wie Mijatovic klar kommt. Er ist auch nicht so richtig gelenkig und dürfte gegen schnelle Stürmer hier oder da nicht so gut aussehen. Ich wäre nicht überrascht, wenn unsere Innenverteidigung nach 10 Spieltagen Franz/Hubnik heisst und Lell die rechte Außenverteidigung übernimmt.

    Mein Tipp: Abstiegskampf mit vollbrachtem Klassenerhalt am 32. Spieltag. Eine spannende Saison ist uns also sicher.

  5. Halblinks
    Am 5. August 2011 um 18:21 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich kann mich eigentlich nicht recht entscheiden. Kritikpunkte, die Enno andeutet sehe ich in der Tat auch. Und auch das ja nicht erst seit gestern. Babbels fehlendes Spielsystem kann tatsächlich nach hinten losgehen. Auch kann ich die Entscheidung pro Mija (wie sie sich derzeit andeutet) nicht recht nachvollziehen. Ich halte ihn für zu steif und langsam, zudem mit kaum existierendem Spieleröffnungs-Vermögen.
    Das defensive Mittelfeld halte ich für erstligareif, wenn nicht sogar im oberen Drittel der Liga.
    Beim Sturm mache ich mir auch Sorgen und kann den „Stern“-Kollegen in seiner Einschätzung nicht verstehen. Lasogga spielt seine erste Saison als Jungspund auf dem Niveau, das kann niemand einschätzen. Man darf jedenfalls keine gleichbleibend steile Entwicklungskurve annehmen. Bei Ramos wissen wir alle, dass er neben lichten Momenten auch gerne mal Spielserien mit Stockfehlern auf Oberliganiveau einstreut. Was passiert, wenn mal fünf, sechs Spiele keine Tore erzielt werden?
    Dennoch glaube ich an den Klassenerhalt, weil es viele Mannschaften gibt, die ebenfalls nicht gefestigt sind.
    Manschaften, die erstmal das Niveau des letzten Jahres erreichen müssen: Nürnberg, Freiburg, Mainz, Hannover (um nur einige zu nennen) und Mannschaften, die die Enttäuschung des Vorjahres wettmachen müssen und an dem Druck nicht zerbrechen dürfen: HSV, Werder, Stuttgart.

    Dann noch die üblichen Abstiegsverdächtigen. Da sollten sich drei Teams finden lassen, die Hertha hinter sich lassen kann.

    Bin gespannt, ob die Saison in halbwegs ruhigem Fahrwasser abläuft, oder ob und wie schnell ggf. Panik einsetzt, wenn es mal nicht so läuft.

    Freu mich!

    • Vinnie
      Am 7. August 2011 um 16:04 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Ich muss meinen Vorrednern zustimmen! Jeder scheint es zu sehen, dass vor allem die Spieleröffnung unser Problem ist – nur Babbel nicht. Das beweisen seine Interviews und die Tatsache, dass er lediglich auf den Offensivpositionen ‚rumwechselt. Dort war natürlich auch nicht genug Laufbereitschaft und folglich Anspielstationen vorhanden, doch mangelt es m.E. vor allem in der Viererkette und bei den beiden 6ern an Ideen, Spielübersicht und technischem Können. Ein Lustenberger wurde schmerzlich vermisst. Die Lösung für die IV wäre ggf. mit Franz und Niemeyer (!) die technisch begabtesten Leute zu bringen, die dort Spielen können. Die Spieleröffnung beginnt dort (wenn nicht schon beim Torwart)! Ggf. Ronny als LV – Kobi war gestern zwar noch einer der engagiertesten, doch fehlt es ihm m.E. an Spritizigkeit. Ramos mit seiner Geschwindigkeit gehört auf die linke Seite und ins Zentrum Raffael.

      Stichwort Laufbereitschaft: Ist eigentlich nicht das richtige Wort, da ich kaum glaube, dass den Herren die Motivation sich zu bewegen abgegangen ist. Sie wussten nicht wohin. Laufwege einzustudieren ist aber Aufgabe des Trainers.

      Urteil und Prognose: Hertha hat vom Kader her das Potential die Plätze 9-12 zu erreichen. Mit diesem Trainer wäre der 17. Platz jedoch eine Überraschung für mich. Unser Klassenerhalt hängt m.E. an zwei Dingen. Erstens am Zeitpunkt, zu dem wir Babbel entlassen. Zweitens an der Qualität des Ersatzes, den wir auftreiben können. Irgendwie habe ich leider das Gefühl, Preetz wird sehr lange an Babbel festhalten, weil er tatsächlich ein netter Typ ist und sie sich offenbar menschlich gut verstehen. Wenn er ihm doch wenigstens einen fähigen Ko-Trainer an die Seite stellte, der für ihn ist, was Löw mutmaßlich 2006 für Klinsmann war…

Ein Trackback

  • Von Der Abstiegskampf hat begonnen | Hertha BSC Blog am 7. August 2011 um 20:11 Uhr veröffentlicht

    […] eins ist vorbei und die Weltuntergangsstimmung schon wieder nahe. Enno würde Markus Babbel am liebsten sofort vom Trainerstuhl schubsen – und ich gebe zu, dass ich am Samstag auch vor dem Fernseher gesessen und mich gefragt habe: […]