Diese Mannschaft mit den lustigen Trikots

Den folgenden Artikel hat uns Herthakiwi im Rahmen des Schreibwettbewerbs “Mein erstes Mal mit der alten Dame” zugeschickt. Vielen Dank dafür! Alle bisherigen und auch die kommenden Berichte findet ihr hier.

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An einem Tag Ende August 1980 wird in einer mittelhessischen Kleinstadt ein kleines Mädchen geboren. Keiner weiß an diesem Tage, was daraus mal werden würde.

Zehn Jahre später ist das kleine Mädchen bereits ziemlich fußballbegeistert, die Helden waren grün-weiß gekleidet und spielten bei Werder Bremen. Doch dann … der Vater des kleinen Mädchens brachte den kicker mit nach Hause, in dem alle Mannschaften der 1. und 2. Liga der Saison 90/91 vorgestellt waren. Fasziniert blätterte das kleine Mädchen die bunten Bilder durch – und sah eine Mannschaft, die gerade in die 1. Bundesliga aufgestiegen war. Auf den Trikots dieser Mannschaft stand HERTHA BSC und es war ein Bär vorne drauf. Das kleine Mädchen fand damals schon alles toll, was mit (West-) Berlin zu tun hatte. „Wer ist denn diese Mannschaft? Aus Berlin? Ohhhh …“ so etwa muss das kleine Mädchen gedacht haben.

Das kleine Mädchen war ich. Dieser Tag irgendwann im Jahre 1990 war der Auslöser für eine Liebe, die nie enden wird, eine Liebe, die gute und schlechte Zeiten erlebt hat und immer da sein wird, egal was geschieht. Ich begann mich für den Hauptstadtclub zu interessieren, da meine Wurzeln zum Teil in Berlin liegen (mein Vater ist gebürtiger Berliner, hat aber mit der Hertha nix am Hut, meine Mutter lebte dort für eine Weile). In dieser Saison ging es gleich wieder runter in die 2. Liga, aber irgendwie versuchte ich immer, am Ball zu bleiben und zu verfolgen, was diese Mannschaft mit den lustigen Trikots und aus DIESER Stadt, die ich so liebe, so machte, was aufgrund der Entfernung von Berlin und der Tatsache, dass es damals eben noch kein Internet etc. gab, nicht gerade leicht war, aber irgendwie schaffte ich es, mein Interesse aufrecht zu erhalten.

Einige Jahre später war ich mit meiner Mutter und meiner Tante mal (wieder) in Berlin, und Mama und ich gingen zu einem Hertha-Spiel. Es waren wirklich graueste Zweitliga-Zeiten (es muss laut wikipedia die Saison 93/94 gewesen sein, da die 2. Liga damals 20 Mannschaften umfasste), die Hertha dümpelte irgendwo am Ende der Tabelle herum, der Gegner, die Stuttgarter Kickers, waren nicht viel besser. Kurz: Not gegen Elend. Das Spiel passte sich auch den äußeren Umständen an: es nieselte, war arschkalt und grau, das Spiel auf dem Rasen nicht wirklich unterhaltsam oder gar erwärmend. Im Stadion fanden sich etwas über 3.000 Zuschauer ein, die einem nicht gerade erheiternden 0-0 beiwohnten. Trotz Sauwetter und Grottenkick – ich war angefixt. Für immer.

Ich war happy, ich hatte Hertha BSC Berlin spielen sehen, eine Mannschaft, für die sich hier in der Gegend kaum einer interessiert, aber für die ich von da an beschloss, für alle Zeiten die Daumen zu drücken, mit zu leiden, mit zu jubeln, alles für sie zu geben. Das Kuriose an der Sache war: eine Weile später las ich in der Lokalpresse, dass ein Spieler unseres Dorfvereins behauptete, der „wahrscheinlich einzige Hertha-Fan im Landkreis“ zu sein. Den Schal, den ich bei meinem ersten Stadionbesuch in Berlin ergatterte, fährt er heute noch in seinem Auto spazieren.

Doch die Hertha sollte nicht für immer in der 2. Liga versauern, nein, man stieg auf – und mein Hertha-Fan-Wahnsinn begann, allmählich immer kräftigere Formen anzunehmen. In der Saison nach dem Aufstieg war ich ein weiteres Mal im Olympiastadion. Der Gegner hieß Borussia Mönchengladbach, die mit Uwe Kamps, Christian Hochstätter und Stefan Effenberg Spieler dabei hatten, die ich damals irgendwie geil fand. Das Spiel war auch geil – die Hertha legte los wie die Feuerwehr, führte 2-0. Das Spiel endete vor weit über 50.000 Zuschauern mit einem 2-2 Unentschieden. Viel besser und unterhaltsamer als das, was ich beim ersten Mal im Oly erlebt hatte.

Die Liebe wuchs weiter. Ich erlebte einige Höhen, wie zum Beispiel die Champions League Teilnahme und die grandiose Saison 2008/2009, als wir beinahe Meister geworden wären, aber auch viele Tiefen, wie den Fastabstieg unter Huub Stevens, sowie viel Mittelmaß in Liga 1 und 2. Ich kann es manchmal kaum glauben, dass es jetzt 20 Jahre werden, seit ich Hertha BSC für mich entdeckt habe. Auch wenn ich nicht allzu oft in Berlin bin, ich drücke vorm Radio oder PC mit Ticker/Livestream, manchmal auch vorm TV, wenn das Spiel im FreeTV läuft, feste meine Däumchen.

Aber noch mehr genieße ich es jedesmal aufs Neue, live dabei zu sein. Seit der Rückrunde 2008/2009 bin ich leidenschaftliche Auswärtsfahrerin. Früher war es immer nur Frankfurt, wo ich mal aufgetaucht bin, aber irgendwie habe ich in den letzten 12 Monaten das Auswärtsfahren für mich entdeckt, versuche, so viele Spiele wie möglich zu sehen, egal, ob in Frankfurt oder Mainz, Stuttgart, Hannover, Karlsruhe, Bochum, Nürnberg oder München (wo ich mit einem kompletten Bus voller Bayern-Fans hinfuhr und dank eines Mega-Staus auf der A3 nur noch 20 Minuten vom Spiel und der Allianz Arena hatte) – kein Weg ist zu weit, es werden keine Kosten und Mühen gescheut, ich fahre und fahre kreuz und quer durch die Republik, so die Zeit und das Geld es erlauben. Warum? Weil es, trotz derzeitigem Frust, Spaß macht, weil es ein geiles Gefühl ist, im Gästeblock zu stehen und mit den anderen Fans die Mannschaft nach vorne zu peitschen, sie anzufeuern, immer in der Hoffnung, einen fetten Torjubel miterleben zu dürfen (was bei meinen bisherigen Auswärtstouren nicht unbedingt der Fall war, aber z.B. die Karlsruhe-Fahrt im Mai war trotzdem der Hammer, die Stimmung dort war aufgrund der Fanfreundschaft grandios, auch wenn dem KSC der 4-0 Sieg nicht mehr half).

Rückblickend kann ich sagen – auch wenn diese Saison ein wahrer Horrortrip ist, ich bereue nicht eine Sekunde lang, Hertha-Fan geworden zu sein. Eher im Gegenteil. Gerade in schlechten Zeiten merkt man noch mehr, wie sehr man seine Mannschaft liebt, wie sehr man an ihr hängt. Sicher ist es toll zu gewinnen, aber für mich steht die LEIDENSCHAFT (in dieser Saison liegt die Betonung wohl mehr auf LEIDEN) für die Sache im Vordergrund. Sicher habe ich hier und da schon im Zorn nach einer weiteren Niederlage gesagt „Ich fahr nie wieder zur Hertha!“ Aber es ist wie es ist – ich saß dann doch wieder im Zug, unterwegs in Deutschland, bereit, alles für die Blau-Weißen zu geben.

Ist man erst mal mit dem „Hertha-Virus“ infiziert, kommt man davon nicht mehr los, egal, wo die Mannschaft am Ende landet, wie schlecht oder wie gut sie spielt. Und ehrlich gesagt, ich möchte mich auch gar nicht heilen lassen. *grins* Seit einer Weile bin ich jetzt auch Mitglied, und nichts und niemand wird mich mehr von der Hertha wegbringen. Treue bis in den Tod.

Hertha? Das ist für mich mehr als nur ein Verein, es ist meine Liebe, meine Leidenschaft, vielleicht auch meine Religion, aber auf jeden Fall ein großer Teil meines Lebens. Auch wenn ich hier in der Gegend meist schief angeschaut werde, wenn ich im Hertha-Schal und –Trikot auftauche, ich lasse mich nicht unterkriegen, denn ich wurde mit blau-weißem Blut geboren. Hertha? Sie steht für Glaube, Liebe und Hoffnung. Glaube an und Hoffnung auf wieder bessere Zeiten, und Liebe, ja, weil Liebe die stärkste Kraft dieser drei ist und ich in guten wie in schlechten Zeiten zu meiner Hertha stehe. Auch wenn wir jetzt wahrscheinlich den bitteren Gang ins Unterhaus antreten müssen, ich werde weiterhin die blau-weißen Farben tragen. Denn Liebe kennt keine Liga.

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  • Wer hat das geschrieben?

    Hallo, ich bin Felix und gehöre wie die meisten Herthafans in meinem Alter, zur 98er Generation, die 2010 den ersten Abstieg miterlebt hat. (→mehr)

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3 Kommentare

  1. Am 10. Januar 2010 um 12:37 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ähm, irgendetwas stimmt da nicht. Die letzten beiden Zeilen standen auch schon unter der letzten Geschichte.

    Ich hoffe, dass ich das mit den vielen Fahrten durch ganz Deutschland auch irgendwann mal hinkriege (finanziell und zeitlich). Klingt jedenfalls toll. Nächsten Samstag fahre ich schon mal mit nach Hannover, weil Hertha so ein günstiges Angebot hatte :-)

    Die hatten Bären auf dem Trikot? Statt Werbung oder was? Sollten die wieder machen :-D

    • Felix Felix
      Am 10. Januar 2010 um 12:49 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Das ist ja peinlich. In einer nächstlichen Copy&Paste Aktion ist mir dieser Fehler unterlaufen. Tut mir leid. Vielen Danke für den Hinweis, Maria.

  2. Am 10. Januar 2010 um 14:04 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Auswärtsfahren ist einfach nur geil. Ich liebe das!! Ist zwar Stress, weil man morgens früh loszockelt und dann abends nach dem Spiel wieder zurück, aber es macht SPASS. Sehr viel Spaß.

    Hannover hab ich auch überlegt, zumal die ein echt schickes Stadion haben, aber ich hab mich dann für’s Heimspiel gegen Gladbach entschieden … und dann halt definitiv wieder die Commerzbank Arena. Ich mag die Eintracht nicht, aber in dem Stadion ist tierisch was los. :D

    Ja, da war mal ein Bär vorne drauf. Laut dieser Site

    http://www.hertha-trikots.de.tl/1988-s-89-_-1989-s-90.htm

    könnte es das unterste von 89/90 gewesen sein, aber ich meine, dass das Trikot, was ich damals sah, so ähnlich aussah. Könnte allerdings auch eines von diesen

    http://www.hertha-trikots.de.tl/Unbekannte-90er.htm

    gewesen sein. Ich weiß nur noch – dieser Bär war da drauf =D. Gibt ja so ’ne Auswärts-T-Shirts, wo dieser Bär ebenfalls abgebildet ist.

    Später machte der Bär dann aber wohl Platz für Trigema.

    Aber das -für mich- schönste Trikot, das wir mal hatten, war das aus der 2007/2008 Saison, das sah einfach nur schick aus. :o)