Drei Neue zum richtigen Zeitpunkt

Was das Bild sagen soll: Der Akku ist wieder voll. Die Ideen sind wieder da. Aber wer braucht schon Ideen, wenn es solche Ereignisse wie heute gibt.

Hat es so etwas in den vergangenen Jahren bei Hertha BSC schon einmal gegeben? Drei (!) Neuverpflichtungen an einem Tag? Natürlich, es war ein strategisch wichtiger Zeitpunkt, einen Tag vor der Abreise ins weichenstellende Trainingslager in Stegersbach. Aber ich weiß noch, wie wir damals auf der Geschäftsstelle immer rotiert sind, wenn Neuverpflichtungen anstanden. Und jetzt gleich drei auf einmal.

Die Transferoffensive lässt darauf schließen, dass Hertha sich mittlerweile sehr sicher ist, Raffael (und vielleicht ja auch endlich Adrian Ramos?) für gutes Geld loszuwerden. Nach allem, was ich so gelesen habe, sind ja nur noch Borussia Mönchengladbach (die das Geld nach der Verpflichtung von Luuk de Jong und auch die Notwendigkeit auf der Spielmacherposition nicht mehr haben) und Dynamo Kiew in der Verlosung gewesen. Wobei Kiew aufgrund des lockereren Portemonnaies in der Ukraine natürlich Herthas Wunschverein sein wird. Aber der stille, sensible Brasilianer in der kalten, rauen Ukraine? Irgendwie kann ich mir das nicht so richtig vorstellen.

Ist aber auch egal, Raffael war ein Versprechen, dass nie eingelöst wurde. Er hat es nicht geschafft, konstant auf einem Niveau zu spielen, das die Mannschaft in höhere Sphären gehoben hätte. Was er zu leisten im Stande ist, hat er am ehesten in der vorletzten Saison unter Favre angedeutet, als er – zugegeben – auch meist einen Stürmer vor und Mitspieler neben sich hatte, die ebenfalls von gehobenem Niveau waren. Ein Führungsspieler war er allerdings nie, vermutlich war es auch gar nicht sein Anspruch, obwohl er es vom Potenzial her hätte sein müssen.

Sein Nachfolger könnte Sami Allagui werden, einer der drei oben angesprochenen Neuen. Der Offensivspieler hat mich immer, wenn ich ihn bei Mainz habe spielen sehen, überzeugt. Wendig, schnell, mit viel Spielfreude und – vor allem – einem Killerinstinkt vor dem Tor ausgestattet. In Fürth hat er ja schon eine Halbserie lang am Fließband getroffen. Bei Hertha kann er nun zeigen, dass er es auch eine komplette Saison hinbekommt. Ein Problem wird es allerdings im Winter geben: Allagui ist tunesischer Nationalspieler. Als solcher wird er aufgrund des Africa-Cups, für den sich Tunesien ziemlich sicher qualifizieren wird, fast die komplette Wintervorbereitung und das erste Rückrundenspiel verpassen (je nach dem, wie weit die Tunesier kommen). Klar, könnte man sagen, bis dahin ist Pierre-Michel Lasogga vielleicht wieder zurück und Allagui bleibt ja voll im Saft. Aber er trainiert nicht mit der Mannschaft. Das ist ein Minuspunkt – es sei denn, im ausgehandelten Vier-Jahresvertrag steht etwas Anderes (was ich nicht glaube).

Auch der zweite Neuzugang vom Donnerstag ist Nationalspieler. Ben Sahar war mir bisher ehrlich gesagt nur auf der Playstation und vielleicht beim Zappen durch die Eurogoals aufgefallen. Ich wusste, dass er mal bei Chelsea war und dachte erst, es sei ein Witz, als er plötzlich mit Hertha in Zusammenhang gebracht wurde. Ich dachte auch an einen Witz, als ich las, dass er erst 22 sein solle. Aber Wikipedia klärte mich auf, dass er im Winter 2007 als 17-Jähriger bei Chelsea debütierte – und dann kommt das mit dem Alter ja tatsächlich hin. Für sein Alter ist Sahar erstaunlich viel herumgekommen, aber nach eigener Aussage, will er in Berlin ja wohl heimisch werden. Das spricht für ihn. Andererseits wollte Artur Wichniarek das auch…

Neuzugang Nummer drei ist Sandro Wagner, der es weder in Duisburg, noch in Bremen, noch in Kaiserslautern (geschweige denn bei Bayern München, wo er ausgebildet wurde) geschafft hat, sich durchzusetzen. Am Ehesten zeigte er in Duisburg, dass er ein Knipser sein kann. Zunächst einmal ist er aber nur eine weitere Option für die Offensive von Jos Luhukay. Eine 1,94 Meter große Alternative. Das kann hilfreich sein in der gut besetzten zweiten Liga. Ob er auch mehr sein kann, wird die Saison zeigen.

Mit der Verpflichtungen, die Michael Preetz und Jos Luhukay in dieser Vorbereitung getätigt haben, positioniert sich Hertha meiner Meinung nach wie schon vor zwei Jahren als Aufstiegsfavorit. Der Kader ist stark besetzt, vor allem wenn alle fit und spielberechtigt sind (was ja erst nach der Winterpause der Fall sein wird). Und: Die Richtung scheint klar. Mit Kachunga, Allagui, Ben Sahar, Ndjeng, auch mit der Vertragsverlängerung von Ben-Hatira und mit Abstrichen auch der von Peer Kluge, hat Hertha technisch versierte Spieler in seinen Reihen. Ironie des Schicksals, dass Raffael mit diesem Offensiv-Angebot vermutlich deutlich besser zurechtkommen würde, als mit dem, was ihm in den vergangenen beiden Jahren vor die Nase gesetzt wurde.

Es ist nun an Jos Luhukay aus diesen vorne so dribbelstarken und wuseligen, hinten sehr kantigen und im Mittelfeld sehr, ja, polyvalenten Spielern eine Mannschaft zu formen. Er selbst sagt, dass Hertha „ab Herbst unschlagbar“ sei. Das ist eine Ansage, die in Berlin (aber eigentlich auch fast überall woanders) ganz schnell nach hinten losgehen kann, wenn sie nicht eintrifft. Aber ich habe in der Zeit, in der ich mich von allem, was mit Hertha zu tun hat, abgewendet habe, auch den Pessimismus abgelegt, der mich durch die letzten Jahren begleitet hat. Ich glaube, dass Hertha mit dieser Mannschaft ein gehöriges Wort mitreden wird im Aufstiegsrennen und ich behaupte, dass die Voraussetzungen was die Besetzung der Mannschaft angeht, besser sind, als vor zwei Jahren.

Jetzt wird es nur Zeit, dass es endlich wieder los geht.

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    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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2 Kommentare

  1. herthawolf
    Am 21. Juli 2012 um 09:27 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Klingt alles sehr viel versprechend. Trotzdem sollte man sich mit Äußerungen wie „Ab Oktober sind wir unschlagbar“ zurückhalten, da man sich sonst in der Trainer-Branche schnell als „Daumist“ profiliert.
    Ich gehe jedenfalls zum 1. Herthaspiel mit einer israelischen Fahne und werde mal kucken, was passiert.
    Seit Ende der achtziger Jahre, als Hertha ein reiner Faschotreff war, zugegebenermaßen schon eine ganze Menge (man bedenke nur die Schwulenfahne, die im Oberring weht), aber vielleicht noch nicht genug.

  2. Enno Enno
    Am 22. Juli 2012 um 13:38 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Klar, der Aufstieg ist Pflicht. Und das sollte auch machbar sein mit dem Kader, keine Frage.

    Ich glaube kaum, dass es eine Vertragsklausel bei Allagui bezüglich des Africa-Cups geben kann oder auch nur geben könnte. Es besteht ja die Freistellungspflicht seitens der Clubs und ich gehe mal davon aus, dass sich einzelne Vertragsparteien über die Regeln des Weltverbands nicht hinweg setzen können.

    Wagner war bei Duisburg doch ganz gut, oder? Ich glaube, er ist ein gute Zweitliga-Spieler, wenn man ein System um ihn herum aufbaut. Ob Luhukay das machen wird? Ich glaube eher nicht.

    Sahar ist vermutlich eine Wundertüte. Lassen wir uns überraschen!