Ein gigantischer Filmriss

Den folgenden Artikel hat uns Kathy im Rahmen des Schreibwettbewerbs “Mein erstes Mal mit der alten Dame” zugeschickt. Vielen Dank dafür! Alle bisherigen und auch die kommenden Berichte findet ihr hier.

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Ein richtiges erstes Mal mit der Alten Dame gab es bei mir nicht. Es war ein eher schleichender, wenn auch relativ schnell schleichender, ja man könnte fast sagen rennender Prozess, aber eben nicht dieses eine, denkwürdiges Ereignis.

Ich denke, ich muss damit anfangen, wie ich überhaupt zum Fußball gekommen bin. Alles fing mit einer schweren Krankheit in meiner frühesten Kindheit an: Mein Vater steckte mich mit dem gefürchteten schwatzgelben Fieber an. Meine Selbstheilungskräfte setzten aber relativ schnell ein und ich entwickelte glücklicherweise eine lebenslange Immunität dagegen. Danach hatte sich das mit dem Fußball erst einmal wieder erledigt.

Die nächste Infektion folgte erst Jahre später, als ich bei Schulausflügen meine ersten beiden Stadionbesuche unternahm. Ich muss etwa elf, zwölf Jahre alt gewesen sein, als es zuerst nach Leverkusen, dann nach Köln ging. Jeweils gegen Wolfsburg. Dabei wurde ich von einer schweren VfL-Infektion heimgesucht, und zwar aus zweierlei Gründen: Erstens feuerten alle anderen die Heimmannschaften an, zweitens wurden die Gäste jedes Mal vernichtend geschlagen. Kurz: Boykott und Mitleid.

Mit der Pubertät ließ dann meine Anfälligkeit für ballsportartige Leiden nach und wurde durch mehr geschlechtsspezifische, aber ebenso gefährliche Seuchen wie die Backstreet Boys oder Bravo Girl abgelöst. Nur zu besonderen Anlässen (Welt- und Europameisterschaften, auch das ein oder andere Champions League- oder Pokalfinale) brach das Fußballfieber wieder kurzzeitig aus. Dieses Auf und Ab dauerte bis in mein 20. Lebensjahr hinein an.

Dann lebte ich ein Jahr lang in England und es gab zwei ausschlaggebende Erlebnisse, die mich dem „beautiful game“ wieder näher brachten: Zum einen wurde ich zu einem Rugby-Premiership-Spiel der Northampton Saints eingeladen und während ich da saß und mich fragte, was um alles in der Welt die da auf dem Spielfeld treiben, zog ich unwillkürlich den Vergleich zum Fußball und stellte fest, dass Rugby scheiße, Fußball dagegen super ist. Diese Meinung konnte ich natürlich nicht für mich behalten und so gipfelte es in einer hitzigen Diskussion zwischen mir und den Rugby-Fans, bei der ich natürlich aus Mangel an Sachverstand und schließlich aus Angst vor den großen, kahlköpfigen Männern den Kürzeren zog. Kurz darauf schaute ich mir im Kino „Zidane“ an (ein bisschen Werbung an dieser Stelle: Ein großartiger Film) und war vollends begeistert.

Als ich dann pünktlich zu Saisonbeginn 2007 zurück nach Deutschland kam, hatten meine Freunde sich und mich aus einer Bierlaune heraus bei einem von einem Radiosender ausgerufenen Bundesliga-Kneipen-Tippwettbewerb angemeldet und so kam es, dass ich jeden Samstagnachmittag in unserer Stammkneipe saß und mir die Premiere-Konferenz anschaute, was innerhalb weniger Monate zur Tradition wurde. Ich hasste bereits meine erste Winterpause und hatte mich unwiderruflich bis über beide Ohren verliebt. In die Alte Dame.

Aber warum Hertha? Das frage ich mich bis heute oft. Es ist wie ein totaler Blackout nach einer durchzechten Nacht, nur dass es mir danach nicht schlecht ging. Ganz im Gegenteil. Aber ich habe keine Ahnung, wie es passiert ist. Besonders viel Anlass, Hertha-Fan zu werden, hatte man ja in der Hinrunde 2007/08 nicht. Das erste Spiel, an das ich mich ganz bewusst erinnere, war ein 1:3 gegen Hansa. Autsch. Vielleicht war es wie damals beim VfL? Boykott und Mitleid?

Vielleicht. Aber ich glaube, es waren viele kleine Dinge, die mich zur Hertha hinzogen. Zunächst einmal konnte ich einige Vereine von vornherein kategorisch ausschließen. Push-Faktoren sozusagen. Dortmund, Wolfsburg, Schalke, Bayern gingen aus unterschiedlichsten Gründen einfach mal gar nicht.

Dann gab es Dinge, die mir an der Alten Dame besonders gefielen: Der überaus charmante Trainer, die ansehnlichen Trikots, das bildschöne Stadion und eine Reihe von Spielern, die ich vom ersten Moment an einfach großartig fand (vor allem Pantelic, Drobny und Simunic); ein unfassbar liebenswertes Interview mit Dardai machte ihn damals für mich zum sympathischsten Menschen der Welt. Ein weiterer Grund könnte sein, dass ich schon immer aus meiner sauerländischen Provinz raus wollte, um in einer Großstadt zu leben. Da wird natürlich Berlin unweigerlich zum Thema.

Was nun wirklich den Ausschlag gegeben hat, vermag ich nicht zu bestimmen, wahrscheinlich war es ein wenig von allem. Aber Liebe kann man nun mal nicht rational erklären. Sie erwischt einen einfach und dann gibt es kein Zurück. Ich wollte sie um kein Geld der Welt wieder hergeben, auch wenn ich mich an das erste Mal wie bei einem gigantischen Filmriss nicht mehr erinnern konnte. Denn die nächsten Dates, bei denen wir uns dann richtig kennen lernten, haben mich vollends davon überzeugt, dass meine neue Liebe genau die Richtige ist. Wir konnten uns zwar nicht oft treffen, aber wenn sie es irgendwie einrichten konnte, machte sie, nur für mich, die lange Reise in den Westen, damit wir uns wenigstens für ein paar Stunden sehen konnten.

In diesem Jahr geht die Liebesgeschichte in die nächste Runde. Nachdem die Fernbeziehung zu meiner Alten Dame im letzten Jahr studienbedingt auch eine noch größere Distanz als Westfalen – Berlin, nämlich Garmisch-Partenkirchen – Berlin, schadlos überstanden hat und sogar noch intensiver wurde, werde ich für ein Semester in der Heimatstadt meiner Auserwählten weilen, um ihr in diesen schweren Zeiten beizustehen.
Ich freu mich drauf.
Fortsetzung folgt.

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Alle Geschichten des Schreibwettbewerbs sind hier aufgelistet.

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  • Wer hat das geschrieben?

    Hallo, ich bin Felix und gehöre wie die meisten Herthafans in meinem Alter, zur 98er Generation, die 2010 den ersten Abstieg miterlebt hat. (→mehr)

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7 Kommentare

  1. Kein Zugezogener
    Am 14. Januar 2010 um 08:49 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Selten so wenig Inhalt und so viel Tristesse komplett durchgelesen. Dass muss am zu frühen Aufstehen liegen. Dem Schreiber mein beiläufiges Beileid.

  2. Tanja*
    Am 14. Januar 2010 um 10:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Also mir gefällt Deine Geschichte, mir hat es Spaß gemacht sie zu lesen :) Schön, dass Du ein Semester hier verbringen kannst, herzlich Willkommen sag ich da einfach mal.

  3. Süven
    Am 14. Januar 2010 um 17:02 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Fand ich auch garnicht trist! Und Dardai hat in TV-Interviews eine wirklich sehr freundliche Ausstrahlung.

  4. Felix Felix
    Am 14. Januar 2010 um 17:33 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Dass er jeden abend zwei Gläster Rotwein trinkt, finde ich auch sehr sympathisch.

    Hier ein recht nettes Interview mit ihm: http://www.tagesspiegel.de/sport/Hertha-BSC-Pal-Dardai-Uefa-Cup;art15527,2642617

  5. Tanja*
    Am 14. Januar 2010 um 18:44 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Und das Pal vor jeder Saison von der einschlägigen Presse „totgesagt“ wird und es seit Jahren dennoch immer wieder in die Stammelf geschafft hat ist zusätzlich sympatisch ich liebe diesen alten Haudegen und Kämpfer jedenfalls :) Er würde (nein er tut es wenn er fit ist) sich für Hertha zerreissen und ich bin froh, dass er dem Verein auch nach seiner aktiven Laufbahn erhalten bleibt, an welcher Stelle auch immer, er ist wertvoll für Hertha BSC. Danke Pal!!!! :o)

  6. Sebastian
    Am 15. Januar 2010 um 17:19 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Aus Niederlagen steigen die großen Fans empor ;)

  7. Kathy
    Am 16. Januar 2010 um 20:50 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ja, Pal ist nach wie vor ein Gott für mich. Ich hätte mir so sehr für ihn gewünscht, dass er zum Ende seiner Karriere noch mal mit Ungarn zur WM gefahren wäre…

    Danke übrigens für die Rückmeldungen! Ich freue mich, dass es nicht alle vollkommen grausam fanden. ;-)