Ein Prince wie jeder andere

Der Prince ließ Julian Draxler den Vortritt. Obwohl es für den Berliner schwerere Übungen gibt, als einen Freistoß aus 25 Metern im Tor unterzubringen. Früher hätte er sich die Kugel nicht von einem Jungspund wegnehmen lassen, aber früher war Kevin-Prince Boateng auch noch der Bad Boy von der Panke und angewiesen auf solche Aktionen. Heute ist Boateng ein erwachsener Mann, Vater eines Kindes, ausgeglichen,
nicht mehr zu haben für solche Geschichten, die nur der Fußball schreibt. Draxler schoss über das Tor.

Die Gelsenkirchener brauchten die Künste von Boateng an diesem Samstag in Berlin nicht. Ihnen reichte eine Ecke, um dem Spiel die Richtung zu geben, die ihnen zumindest gegen schwächere oder gleichwertige Gegner liegt. Den Gegner machen lassen und auf die individuellen Stärken der eigenen Offensivkräfte verlassen. Letzteres kam zwar kaum noch zur Geltung, weil Hertha in der zweiten Halbzeit gefühlte 80 Prozent Ballbesitz hatte. Aber weil Herthas Offensive an diesem Sonntag die wenigen Chancen, die Schalke zuließ, nicht nutzte oder an Hildebrand scheiterte und auch die Standards nicht zum Erfolg führten, nahm Gelsenkirchen alle drei Punkte mit ins Ruhrgebiet. So bitter es ist: Am Samstag gewann das Team mit dem routinierteren Torwart.

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Es war Herthas zweite Pleite in Folge. Eine, die zu den erwartbareren gehörte. Gut, unter Markus Babbel wäre natürlich die große Kulisse schuld gewesen. Aber mal ernsthaft: Bayern, Dortmund, Leverkusen, Schalke, selbst Gladbach eigentlich – das sind nicht die Teams, gegen die Hertha punkten muss. In Hoffenheim wäre einer nett, dann gegen Leverkusen wird es schon wieder schwer. Wenn sich Luhukays Team bis dahin
das Selbstvertrauen bewahrt, ist alles gut.

Denn bevor es am letzten Spieltag zum BVB geht, heißen die Gegner Augsburg, Braunschweig und Bremen. Nach jetzigem Stand sind da neun Punkte im Bereich des Möglichen, zumindest möglicher als gegen Schalke.

Voraussetzung dafür ist, dass es bis zur Winterpause eine klare Absprache zwischen Thomas Kraft und seinen Vorderleuten gibt: Er bleibt bei allen Standards auf der Linie. Das verhindert solche völlig übermotivierten Ausflüge wie beim 0:1, wo er nun wirklich garnichts zu suchen hat. Und unter den Spielern weiß jeder Bescheid, dass sie immer mit dem Gegenspieler mitzugehen haben. Man merkt Kraft die Unsicherheit beim Herauslaufen in jeder Situation an. Torwart-Trainer Richard Golz sollte da in der Winterpause intensiv drauf eingehen – mitten in der Hinrunde ergibt das nur
Probleme.

Probleme, die ein Aufsteiger, der so viel Aufwand betreibt, wie Hertha, nicht gebrauchen kann. Änis Ben-Hatira war gestern sichtlich (und später auch auf Facebook) genervt. Sein Homie aus vergangenen Tagen wäre es wohl früher auch gewesen. Doch obwohl Kevin-Prince drei Minuten vor dem Ende beim immer noch engen Spielstand von 0:1 ausgewechselt wurde, applaudierte er artig den mitgereisten Gelsenkirchener Fans und schritt nicht im Geringsten wie ein Prinz sondern wie einer aus einem Kader von 23 Spielern von dannen. Für diese Geschichten ist er eben wirklich nicht mehr zu haben.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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