Ein Spiel für Torhüter

Michael Rensing ließ den Kopf sinken. Aus Erschöpfung wohlgemerkt, denn das Ergebnis sprach für ihn immer noch die Sprache des Sieges. Der Torwart des 1. FC Köln hatte gerade mit einem dieser Klappmesser-Reflexe den Ausgleich verhindert. Er konnte es wohl selbst nicht fassen, wie er hinter den Schuss von Hertha-Spielmacher Raffael noch seine Handschuhe bekommen hatte. Das Abstiegsduell, es war ein Spiel für die Torhüter. Zumindest danach wäre ein Unentschieden allerdings das gerechtere Resultat gewesen.

Michael Rensing hatte einen gigantischen Anteil daran, dass sein FC einen Schritt aus dem Abstiegsdschungel gemacht hatte. Einen Schritt so gigantisch, wie die Fußstapfen in die Rensing vor ein paar Jahren als Nachfolger von Oliver Kahn im Tor des FC Bayern treten sollte. Es ist das einzige, das ihn – den Gewinner des Spiels – und sein Gegenüber im Tor von Hertha BSC, Thomas Kraft, am Samstagnachmittag gegen 17.20 Uhr noch verbindet.

Vorher hatten beide eine herausragende Partie gezeigt. Egal, wie es die Feldspieler vor ihnen auf dem Rasen auch versuchten, ob per Kopf, Fernschuss oder Direktabnahme, Rensing und Kraft bekamen ihre Pranken immer noch irgendwie hinter den Ball. Sie waren die einsamen Helden eines Spiels, dass der 1. FC Köln in der ersten Halbzeit über weite Strecken beherrschte. Martin Lanig und Sascha Riether fütterten die Lücken im Berliner Mittelfeld immer wieder mit Bällen, als wären es hungrige Mäuler. Eine Sättigung trat erst nach circa einer halben Stunde ein, als Köln merklich daran zu knabbern hatte, dass die Bälle nie bis hinter die Torlinie durchkamen.

Die Mannschaft von Otto Rehhagel hatte da noch nicht wirklich gezeigt, dass sie gewillt war, den mikroskopisch kleinen Aufwärtstrend nach dem 1:0-Erfolg gegen Werder Bremen zu bestätigen. Immer wieder kamen die Berliner zu spät in die Zweikämpfe und verloren bei eigenem Ballbesitz zu schnell die Nerven. Dabei war der FC vor und auch nach der Partie nicht unbedingt dafür bekannt, in der Defensive besonders geordnet zu stehen: 46 Gegentore in 24 Spielen, fast zwei pro Spiel, die zweitschlechteste Abwehr der Liga (nur Freiburgs Verbund ist noch löchriger) – da sollte Hertha doch mit seinen spielerisch zumindest veranlagten Offensivkräften durchbrechen können?

Nun, sie hatten ihre Szenen und strahlten damit ab und an auch Gefahr aus. Wirklich gefährlich wurde es aber erst nach der besagten halben Stunde (in der Köln mehrfach an Kraft oder dem eigenen Unvermögen scheiterte) als Hubnik von Bastians bedient Rensing zu seiner ersten Großtat zwang (31.). Die zweite musste er kurz vor der Pause abrufen: Diesmal hatte Kobiashvili geflankt und Lasogga in der Luft gestanden, dessen Kopfball Rensing aber parieren konnte (42.). Zu diesem Zeitpunkt stand es aber schon 1:0 für die Kölner, die – man könnte es clever nennen – fünf Minuten nach Hubniks Großchance in Führung gingen. Clemens traf nach Vorbereitung von Brecko (36.), ein Treffer der allerdings den großen Makel hatte, dass er nicht hätte gegeben werden dürfen. In der Entstehung hatte Lukas Podolski deutlich im Abseits gestanden und zunächst Roman Hubnik irritiert. Kurz danach hatte er Christoph Janker gebunden, der deshalb den Torschützen nicht decken konnte.

Entweder war es die Wut um den unberechtigten (wohl aber nicht unverdienten) Gegentreffer oder die Halbzeitansprache von Otto Rehhagel, die bei den Herthanern einen Schalter umlegte. Vielleicht konnten die Kölner das Tempo aus Halbzeit eins auch einfach nicht weiter gehen. In jedem Fall legte Hertha an Spielanteilen zu, war nun deutlich häufiger am Ball – hatte allerdings kaum ernsthafte Chancen. Im Gegenteil, wieder war es Thomas Kraft, der Hertha mit seinen unmenschlichen Reflexen im Spiel hielt – zudem scheiterte Kölns Novakovic aber auch mehrfach an seiner eigenen Chancenverwertung.

Nachdem Jajalo nach etwas mehr als einer Stunde mit Rot vom Platz musste (66.) – eine überharte Entscheidung von Schiedsrichter Winkmann – lag der Punktgewinn für Hertha auf dem Servierteller. Als dann nach einer Rudelbildung im Anschluss an ein angebliches Foul von Kobiashvili an einem Kölner (Schwalbe!…hust…) sowohl der Hertha-Kapitän als auch mit Lukas Podolski Kölns Bester vorzeitig in die Kabine geschickt wurden (76.), war auch noch genug Platz vorhanden. Den brauchen Herthas Offensivkünstler bekanntlich momentan, um sich überhaupt Chancen herauszuspielen. Vor allem Adrian Ramos besticht im Moment mehr dadurch, dass er bei der Ballannahme versprungenen Bällen hinterherrennt, als eine Gefahr für die gegnerische Defensive darzustellen.

Trotzdem übernahm Hertha jetzt die Initiative und schickte sich an, die freien Räume so gut es ging zu nutzen. Raffael testete Rensing wie eingangs beschrieben und dann hatte Änis Ben-Hatira die große Chance, sich in ganz Köln noch ein bisschen beliebter zu machen. Im Hinspiel hatte der vom HSV gekommene Neuzugang frühzeitig mit zwei beherzten und technisch beschlagenen Dribblings mit Anschlussflanke für die beiden Treffer von Pierre-Michel Lasogga gesorgt. Nun tat sich die gesamte Breite des Kölner Tores vor ihm auf, sogar Michael Rensing duckte sich ab – vielleicht in Ehrfurcht vor Ben-Hatiras Haarpracht. Aber Ben-Hatira würde bei seinen Anlagen und der in seiner Jugend antrainierten Instinkte nicht bei Hertha spielen, wenn er einfach Dinge den schwierigen vorziehen würde (siehe Kevin-Prince oder Jerome Boateng). Also visierte er statt der Mitte des Tores lieber die linke obere Ecke an. Er traf immerhin das Netz – wenn auch auf der falschen Seite des Pfostens.

Deshalb blieb es beim 1:0-Erfolg für den 1. FC Köln, der im Anschluss daran seinen Sportdirektor entließ. Das muss man nicht verstehen und Berlin hat genügend eigene Probleme, um sich darum Gedanken zu machen. Das größte ist, das kann man nach acht gespielten Rückrundenspielen so sagen: Die Offensive. Hertha hat in diesen acht Spielen zwei Tore erzielt. Chancen waren in der Regel vorhanden – genutzt wurden sie nicht. Vergeben dagegen zum Teil kläglich.

Woran es nicht liegt, ist Herthas Torhüter. Der ging nach dem Spiel mal wieder mit gesenktem Kopf vom Platz, bevor er das Gesicht verzog und den rechten Arm immer wieder in die Luft warf. Als wollte er die Zeit zurückdrehen um auch beim Gegentor noch die Hand hinter den Ball zu bekommen. Damit er sich auch zumindest ein bisschen so sehr freuen können würde, wie sein alter Kollege vom FC Bayern. Vielleicht sollte Thomas Kraft in der kommenden Trainingswoche einfach einmal aussetzen. Denn wenn Kraft im Training so hält, wie an den Bundesliga-Spieltagen, ist es kein Wunder, dass die Mannschaft vor dem Tor regelmäßig so kläglich versagt.

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    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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3 Kommentare

  1. Leo
    Am 12. März 2012 um 09:20 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Statistisch scheint ja das Torverhältnis eher Rückschlüsse auf das Saisonergebnis zuzulassen, als der Punktestand. Nimmt man das Rückrundenverhältnis von-13 (Hinrunde noch -2), wird Hertha wohl absteigen. Es müsste schon eine Riesenportin Glück dabei sein, wenn es nicht dazu kommt. Ein Sechser mit Zusatzzahl.
    Ärger ist bei mir der Resignation gewichen.
    Ich habe mich schon auf Liga zwei eingestellt. Kann ja auch ganz lustig sein ab und zu, wenn das Wetter gut ist und natürlich nur bei Spielen in Berlin mit billigen Karten, und ernst nehmen darf man die Sache natürlich auch kein bisschen mehr, eher als Kuriosum.

  2. Joel
    Am 12. März 2012 um 11:17 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich bin für die Variante mit dem Glück. Vielleicht unverdient aufgrund der desolaten Vorstellungen, aber mit ner Menge Glück dann doch noch in der erste Liga verbleiben.
    Montagsspiele sind doch eher ein graus und ich denke das die finanzielle Situation dann dazu führt das man Minibrötchen backen müsste und den sofortigen Aufstieg eher nicht mehr realisiert bekommt.

    Schade das es nicht zur HZ 0:0 stand.
    Das irreguläre Tor der Kölner ist sicher wie schon beschrieben unberrechtigt, aber nicht unverdient. Allerdings sagt auch keiner was, wenn die 10 Chancen vergeben und wir mit nur einer Chance dann 1:0 führen ;-)
    Das wäre dann effizient, hmmm da kommen jetzt zwei Hammer-Spiele auf uns zu. Bayern dürfte nur mit Mega-Glück ein Unentschieden abgerungen werden und Mainz muss auch über die eigenen Füße stolpern damit was zählbares für die Hertha bei rumkommt. Augenblicklich geht es nur über Mauern mauern mauern mauern mauern und lang und weit. Aber wenns um die Defensive geht haben wir mit dem Trainer eigentlich den Experten.

  3. Peter
    Am 26. April 2012 um 10:30 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Na da standen sich ja auch die beiden ehemaligen Bayern-Kicker gegenüber ;) Rensing ist jetzt im Gespräch bei Werder! Was aber macht Kraft wenn wir absteigen? Bleibt er oder denkt er noch immer das er son ein super Keeper ist? ICh bin gespannt