Ein unbeschwerter Tag im August

Erinnert sich noch jemand an diese unbeschwerten Tage im Olympiastadion, an denen man keine Gedanken daran verschwenden musste, ob eine Niederlage im ersten Pflichtspiel negative Auswirkungen haben könnte? Als dieses Konstrukt “Abstieg” noch gar nicht existierte? Als es immer nur um positives Denken ging? Ein Sieg zum Saisonstart wäre schon toll, habe ich damals oft gedacht. Nicht, weil ich negative Auswirkungen bei einer Niederlage befürchtetet. Sondern weil es Hertha dann vielleicht endlich einmal schaffen würde, sich direkt von Anfang an oben festzusetzen. Sehr oft kam Hertha schwach aus den Startlöchern und startete dann irgendwann eine Serie. Aber nach einer Startniederlage oder einem Unentschieden war es für mich nie eine Frage, dass Hertha ihre Siege noch einfahren würde.

Es war eine schöne Zeit Ende des letzten und zu Beginn dieses Jahrtausends.

Heute kann Hertha sogar mit einem herausragenden 6:1-Sieg gegen Eintracht Frankfurt in die Saison starten und ich denke: Wahnsinn, aber auch dafür gibt es nur drei Punkte. Und von denen braucht Hertha in dieser Saison jetzt noch 37. Schlimm oder? Das sind so die Momente in denen ich Menschen bewundere, die sich mit unvollständigen Informationen zufrieden geben. Die Dinge “nicht wissen wollen”, weil sie ihnen den Spaß verderben. Meine Begeisterung für das Wrestling zum Beispiel verschwand, als ich erfuhr, nach welchen Kriterien dort die Sieger ausgewählt werden. Ähnlich, aber was die Begeisterung angeht natürlich überhaupt nicht vergleichbar, ist es bei Hertha seit die Finanznöte bekannt sind und Hertha zweimal abstieg.

Trotzdem: Das Spiel heute hat mich an diese unbeschwerte Zeit erinnert. Und allein dafür möchte ich an dieser Stelle einfach mal Danke sagen.

An Sami Allagui für seinen Sprint mit dem Ball vor dem 1:0 – das war Wille, Training, Können, einfach alles auf einmal. An Alexander Baumjohann für den direkten Pass in der Tiefe vor dem 4:1 – filigran und unerwartet. An Adrian Ramos für das so wunderbar einfach aussehende 4:1 – den Ball hat er im letzten Abstiegsjahr Richtung Auswärtsfankurve gepölt. An Änis Ben-Hatira für seinen so oft auch von mir als unvollendet bezeichneten aber heute in Perfektion vollendeten Einsatz – in dieser Verfassung habe ich keine Zweifel an seiner Stammspieler-Qualität. An Hajime Hosogai für seine hasenhaften Sprints über den halben Platz – und die Übersicht im Spielaufbau. An Fabian Lustenberger fürs Aufräumen des von Hosogai Übriggelassenen – so wichtig und doch so undankbar. An Johannes van den Bergh, der mir alle im Pokalspiel aufgekommenen Zweifel nahm – Einsatz, Zweikämpfe, Passspiel, alles plötzlich da. An Marcel Ndjeng für die vielen gelungenen Aktionen und Standards – so langsam überzeugt er mich doch noch. An John Anthony Brooks für seine unfassbare Ruhe in jeder nur möglichen Situation – wie macht er das bloß? An Sebastian Langkamp fürs Eingewöhnen, ich bin mir aber sicher, da geht noch mehr Sicherheit. An Thomas Kraft für seine an Lucky Luke erinnernde Reaktion vor dem Elfmeter und das perfekte Herauslaufen kurz nach dem 3:1 – herausragend.

Und natürlich: An Jos Luhukay, der dem Team einen Plan mit auf den Weg gab, der nicht nur lautete: Warten wir mal ab, was der Gegner so macht (nicht wahr, Herr Babbel?)

Danke!

Für diesen wundervollen Nachmittag im August, der mir die Erinnerung an die unbeschwerten Tage zurückgebracht hat. Den Rest lassen wir heute einfach mal Rest sein.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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2 Kommentare

  1. welfriedenfueralle
    Erstellt am 12. August 2013 um 20:31 | Permanent-Link

    Danke für diesen Beitrag. Mehr -auf den Punkt gebracht- geht nicht. Klasse. Weiter so!

  2. Rayson
    Erstellt am 12. August 2013 um 21:11 | Permanent-Link

    Kann da auch nur zustimmen. Als über 800 km entfernt und durch natürlich Hindernisse (Schwarzwald, Bodensee) zusätzlich von der besten Stadt der Welt getrennt lebender Herthaner leiste ich mir mit meiner Liebsten den Luxus, immer zur Saisoneröffnung einen Kurzurlaub in Berlin einzuschieben. Und diesmal hat sich die Reise wirklich gelohnt.

    Am besten hat mir die Stimmung gefallen, nach dem 1:0. Plötzlich war sie da, diese Zuversicht, plötzlich glaubten alle daran, dass es etwas werden könnte an diesem Nachmittag. Doch so etwas? Der kleine Steppke, der das Halbzeit-Spielchen gewann, wurde ja noch etwas belächelt für seine 4:1-Prognose…

    Und schön war auch, dass die Frankfurter Schmähgesänge verstummten, während die diesmal wieder grandiose Ostkurve sich ganz dem Anfeuern und Feiern des eigenen Teams widmen konnte.

    Natürlich hast du Recht, wenn du mit deinen Einzelwürdigungen letztlich die ganze Mannschaft als solche lobst – denn es war ja gerade dieses zum Teil schwerelos anmutende Zusammenspiel, das uns alle so berauscht hat. Aber ich möchte dennoch zwei herausheben: Hajime Hosogai hat einen Sechser gegeben, wie man ihn auch in der Bundesliga nicht häufig sieht. Ich saß in Halbzeit zwei parallel zu seiner Position und konnte so perfekt seine Mischung aus Antizipation, Überblick, Technik, Antritt und Kampf bewundern. Und der zweite wäre natürlich der Trainer. Wo es nicht direkt “seine” Spieler sind, die da auf dem Platz stehen, sind es wenigstens seine Spielertypen. Und er versteht es, diese zu einer (seiner) Idee vom Spiel (wie habe ich die seit Babbel vermisst) zu kombinieren.

    All das ist nur der Moment. Fußball kann grausam sein. Ein bisschen Pech hier, ein schlechter Tag da, und schon entsteht eine Negativspirale, die zu den obigen schönen Worten nur noch wenig Anlass bietet.

    Aber wir haben es wenigstens ein Mal gesehen. Wie es sein kann, wenn alles passt. Und das ist doch schon mal was. Mehr, als man vielleicht hoffen konnte.

    Und das ist dann die weitere schöne Nachricht des Tages: Was ich nach dem Spiel in Berlin zu hören bekam, war von Großkotzigkeit weit entfernt. Es war mehr die große Freude, die sich nach etwas ganz und gar unerwartetem Schönen einzustellen pflegt. Auch die Fans, die auf dem Nachhause-Weg waren, zeigten sich weniger laut siegestrunken als still glücklich. Mit den Frankfurtern hatte man eher Mitleid, kannte man doch solche Situationen aus eigenem Erleben zur Genüge.

    P.S.: Ich kann mich dank der Gnade der frühen Geburt noch an Zeiten erinnern, da man zum Saisonbeginn das Wort “Abstieg” nur mit anderen Vereinen in Verbindung bringen konnte..

    P.P.S.: Das zweite 4:1 da oben im Text, das von Ramos, das war dann doch das 5:1 ;-)

Ein Trackback

  1. [...] United] In deinem Artikel “Ein unbeschwerter Tag” sprichst du davon wie gut es wäre, wenn die Hertha es “vielleicht endlich einmal [...]

  • Hey, was geht ab?

    Drei Berliner kommentieren ihre Erlebnisse als Herthaner in Dortmund, Bielefeld/Bremen und Berlin. Polyvalent, kritisch - Hertha! Folglich kommen wir über das geschriebene Wort ins Spiel. Ein Thema, drei Perspektiven und nur manchmal einer Meinung. Mehr...
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