Eingefrorenes Bier

Wenn ein eingefleischter Unioner am Samstag bei klirrender Kälte ins Olympiastadion geht muss es um Hertha schon sehr schlecht stehen. Sebastian von Textilvergehen war da und hier ist sein Bericht:

„Hinsetzen! Hinsetzen! Hinsetzen!“ schallt es von hinten. Gerade wurde das Spiel angepfiffen und genau eine Viertelstunde vorher die Zuschauer gebeten, sich auf ihre Plätze zu begeben. Die Jungs, die vorher noch eifrig mit ihrer Fahne wedelten, sitzen brav auf ihrem Plastiksitz und harren der Dinge.

Borussia Mönchendgladbach zu Gast im Olympiastadion. Drei Punkte müssen her. Vor dem Stadion werden Aufholjäger-Shirts verkauft. Von Elektrisierung allerdings wenig zu spüren. Der innere Motor möchte einfach nicht anspringen bei diesen niedrigen Temperaturen. Aber mit Anpfiff ist der ganze Ärger über laute Musik, laute Stadionsprecher und laute Werbung dahin, die die Vorfreude auf das Spiel gar nicht erst haben aufkommen lassen. Jetzt wird geklatscht. Jetzt wird gesungen. Und das alles im Stehen. Und zwar bevor der Motor komplett einfriert.

Ganz oben am Oberring angekommen. Hier meckert keiner mehr, wenn die Zuschauer stehen. Denn da pfeift nur noch der Wind. Und unten versucht die Mannschaft, den Gladbacher Riegel zu knacken, ohne allerdings sich im Gegenzug völlig zu entblößen. Schreien. „Lauf Lutscher!“ – „Zur Grundlinie!“ – „Nun hilf ihm doch mal auf außen!“ Torchancen entstehen. Torchancen werden vergeben. Zufällig herausgespielt. Hier und da eine starke Einzelaktion. Allerdings kaum der Versuch, das Spiel auseinanderzuziehen.

Dingdong. Tor in Bremen. Dingdong. Tor in Nürnberg. Dingdong. Tor in Bochum. Eckballverhältnis wird präsentiert von Schlagmichtot. Dingdong. Swooosh. Die Schussgeschwindigkeit präsentiert von Kackmichzu. Was passiert eigentlich auf dem Feld? Elfmeter. Drobny hält. Der positive Schwung verpufft. Halbzeit. In der Zwischenzeit ist das Bier eingefroren. Schollen treiben auf der Oberfläche. Die Flüssigkeit ist mit Kristallen durchsetzt.

In der zweiten Hälfte beim Spiel auf die Ostkurve wird das Dilemma offenbar. Einige schöne Pässe kommen ob nicht abgestimmter Laufwege nicht an. Und ab Höhe Strafraum wird Richtung Tor abgebogen, anstatt über die Grundlinie den Ball in den Rücken der Abwehr zu spielen. Gladbach will nicht mehr als einen Punkt holen und Hertha fehlt die Idee eines eigenen Spiels.

Und immer wieder dingdong und swooosh. Konzentration auf das Spiel ist schwierig. Zwischendurch werden die Schalker mit Liebesgrüßen bedacht. Warum Schalke? Es geht um Hertha. Und da unten steht Gladbach. Jubel bei Bremer Toren gegen Bayern. Eigentlich momentan in einer anderen Welt. Abstiegskampf – Fehlanzeige. Konzentration aller auf ein Ziel – leider Fehlanzeige. Zu solchen Spielen müsste eigentlich das ganze Stadion die Ostkurve sein. Passend dazu eine Szene in der übervollen S-Bahn danach: Blau-weiße Massen stürzen hinein, hüpfen und schlagen gegen die Scheiben. Sie singen. Zwei Herthaner planen ihre Reise nach Lissabon. Plötzlich schreit der eine: “Könnt ihr mal ruhig sein alle!” Um sich danach etwas ruhiger aber verachtungsvoll über die “Erfolgsfans” aufzuregen. Auf Platz 18. Der Abstiegskampf ist wirklich noch nicht überall angekommen.

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  • Wer hat das geschrieben?

    Hallo, ich bin Felix und gehöre wie die meisten Herthafans in meinem Alter, zur 98er Generation, die 2010 den ersten Abstieg miterlebt hat. (→mehr)

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5 Kommentare

  1. Am 25. Januar 2010 um 16:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Der Herm war auch da, hat aber was anderes getrunken.

  2. Enno Enno
    Am 25. Januar 2010 um 17:50 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Vielen Dank für die eindrückliche Fremdbeschreibung. „Dingdong! — Swoosh!“

  3. Sport Guider
    Am 26. Januar 2010 um 22:26 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Mein Mitleid sei dir gewiss… Auf Sky haben Sie glaub alle 2Minuten gesagt, dass das Olympiastadion heute das kälteste ist und doch ham sie immer wieder andere Leute gefunden, die oben ohne da waren…

    • Am 27. Januar 2010 um 08:12 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Diese Verrückten (also oben ohne) hab ich zum Glück auch nur später im Fernsehen gesehen. Sonst hätte ich gleich noch mehr gefroren.

      • Am 27. Januar 2010 um 11:34 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Vielleicht mal noch einige Statements zu dem Spiel und Hertha im Allgemeinen:

        – oben ohne: Der einzige, der seinen nackten Revuekörper in unserem Block präsentierte, wurde mit dem Anpfiff von den Ordnern hinauskomplimentiert. Und ehrlich: Ich verstehe das bei diesen Temperaturen sehr gut.

        – Bindung: Das Vorurteil, bei Hertha würde prinzipiell keine Stimmung herrschen, lasse ich nicht gelten. Es ist eine Mischung aus vielen Dingen: Stadionbeschallung und Filmdarbietungen, die es schwer machen, sich in Stimmung zu singen. Am Morgen vor dem Spiel war ich regelrecht aufgeregt. Fünf Minuten vor Anpfiff genervt von RBB Hertha TV, Deutsche Bahn Hertha TV, Miss BZ im Aufholjägershirt und marktschreierischen Formatradiostadionsprechern. Dazu kommt diese merkwürdige Einteilung, dass nur in einem Teil des Stadions Stimmung herrscht (Ostkurve) und im anderen Teil sich die Zuschauer daran stören, wenn man singt und steht. Und letzten Endes ist das schon eine mächtige Distanz, die zwischen Spielern und Zuschauern überbrückt werden will.

        – Preise: Also wenn eine Karte im Oberring irgendwo in der Ecke 20 Euro kostet, muss ich mich nicht wundern, wenn nicht allzu viele kommen. Wenn dazu Karten per Zeitung, Radio und Supermarkt ohne Ende rausgeworfen werden, fühle ich mich als normaler Zuschauer, gelinde gesagt, verarscht. Die Leute, die die Karten geschenkt bekommen, kommen sowieso nie wieder. Also eher die Preise senken und dafür mehr Commitment von den Zuschern zum Verein erhalten.

        – Stadionheft: Zwei Euro für knapp 100 Seiten ist ein guter Handel. Aber wo ist der Content? Neujahrsempfang in einer Edeldiskothek? Und so weiter. Mir kommen da persönlich zu wenig andere Töne als die der Presse/PR-Abteilung zu Wort. Selbst die meisten Vereinsaktionen sind eher von oben nach unten initiiert. Und ich bin der festen Überzeugung, dass es genug Engagement von Herthafans gibt, dass beleuchtet gehört anstatt irgendwelche Partnerschaften eines Spielers mit dem Hertha-Bambinoklub (sorry, weiß den korrekten Namen nicht mehr) abzufeiern. Alles in allem: zu glatt für ein schönes Stadionheft.

        Wenn ich mir die Fans so in der Bahn und vor dem Stadion angesehen habe, würde ich meinen, dass es Zeit wird, dass die Fans den Verein daran erinnern, dass sie nicht nur Melkkühe sind, denen man yet another Fanutensil andrehen kann, sondern, dass die Fans die Identität des Vereins ausmachen. Es muss ja nicht jeder in der Ostkurve stehen, um mit ganzem Herzen dabei zu sein.

Ein Trackback

  • Von eingeNETzt 26/01/2010 | Spielfeldrand - Das Magazin am 26. Januar 2010 um 16:36 Uhr veröffentlicht

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