Erlebnisergebnis

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

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Am Ende ist es völlig egal, wie der Sieg gegen den SC Freiburg zustande kam. Entscheidend ist nicht unbedingt das Ergebnis, sondern das Erlebnis. Ein Erlebnisergebnis. Diese oft (auch von mir) so kritisch beäugte Mannschaft da unten auf dem Rasen übereinandergestapelt jubeln zu sehen, mitzujubeln, sich den Erlösungsschrei im Olympiastadion immer und immer wieder anzuhören und -zuschauen, allein dafür bin ich Hertha jetzt einfach schonmal dankbar.

Wir waren beim Thema Erwartungen und in dem Moment, als diese Ecke in der 92. Minute in den Hertha-Strafraum flog, den Kopf des Freiburger Spielers traf und ins Netz ging, da schienen meine (eigentlich nicht vorhandenen) Erwartungen erfüllt. Gegen Freiburg würde es vermutlich ein 1:1-Unentschieden geben, hatte ich vorher gesagt. Ich hatte befürchtet, dass Hertha sich wie gegen Regensburg in der ersten Halbzeit den Schneid abkaufen lassen würde. Doch Pal Dardai schien seine Truppe darauf vorbereitet zu haben.

Trotz 40 Grad im Saunagarten Olympiastadion arbeiteten ausnahmslos alle mit nach hinten, wenn sich die Freiburger mal nach vorne trauten. Dass der von Christian Streich trainierte SC in Berlin mit einer Fünfer-Kette antreten würde, war allerdings nicht unbedingt vorauszusehen. Die Freiburger stellten alle Räume zu, Hertha spielte in der ersten Hälfte viel zu ungenau und vor allem zu behäbig, um gefährlich zu werden. Stattdessen stichelten die Gäste hier und da und Hertha hatte bei einer Szene kurz vor der Pause sogar Glück, dass Peter Pekarik noch den Fuß in den Schuss von Grifo bekam.

Geschenkt, denn in der zweiten Halbzeit stand eine andere Hertha auf dem Platz. Eine, die man in der ersten Halbzeit vermisst hatte. Genki Haraguchi zum Beispiel hatte sich in den ersten 45 Minuten so häufig in einen Gegenspieler verrannt, dass es niemanden gewundert hätte, wenn Dardai ihn schon zur Pause für Neuzugang Alexander Esswein ausgetauscht hätte. Doch mit dem Wiederanpfiff war Haraguchi plötzlich der Spieler, den Michael Preetz und Pal Dardai schon sehr lange in ihm sehen, der das auf dem Platz aber nur selten gezeigt hat. Sein Torschuss war der Auftakt für eine Hochphase der Hertha, die im wunderschön herausgespielten 1:0 durch Vladimir Darida mündete. Verdiente Führung.

Was folgte, schieben wir einfach mal auf das Wetter. Allerdings hat Hertha schon in der vergangenen Saison nach einer Führung gerne mal zwei Gänge zurückgeschaltet. Die Mannschaft entschied sich für Verwaltung statt Ausbau, obwohl Pal Dardai nach dem Spiel sagte, seine Mannschaft habe verpasst, das zweite Tor zu machen. An eine echte weitere Torchance kann ich mich nicht erinnern. Beide Teams schleppten sich in der Hitze dahin, schienen sich auf das 1:0 geeinigt zu haben. Doch dann, fünf Minuten Nachspielzeit auf der Uhr, nahm der Wahnsinn seinen Lauf.

Und auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussah, tut es ganz generell sehr gut, wenn man sieht, dass auf der Hertha-Bank plötzlich echte Optionen wie Esswein, Schieber, Kalou, Stocker, Allan und – ja – Hegeler sitzen. Der kam erst in der 90. Minute, war beim 1:1 zumindest in der Nähe (das gilt aber auch noch für ein, zwei andere), aber eben auch beim 2:1. Es lohnt sich deshalb, Pal Dardais Antwort auf die erste Frage auf der Pressekonferenz nach dem Spiel zu achten. Stichwort Hegeler…

Es ist schon merkwürdig, was so ein Erlebnis in der 95. Minute bewirken kann. Zumindest bei mir. Die Jungs da so feiern zu sehen, das macht erstens Lust auf mehr und zeigt zweitens, dass es tatsächlich stimmt in dieser Mannschaft. Daran hatte ich zuletzt ehrlich gesagt leise Zweifel.

Fakt ist: Hertha hat – völlig egal wie – die ersten drei Punkte schonmal eingefahren. Man weiß ja, wie das mit der Stimmung ist in Berlin (und ja, auch bei mir). Wenn es zu Hause gegen den Aufsteiger aus Freiburg „nur“ zu einem Punkt gereicht hätte, wären die Zweifel wieder groß gewesen.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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Ein Kommentar

  1. Felix Felix
    Am 30. August 2016 um 18:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Das kann ich nur so unterschreiben Daniel! Wirklich ein toller Sieg der Moral, der dann am Ende dabei herausgekommen ist.

    Eine interessante Hintergrundinformation zum Journalisten Peters mit der Hegeler-Frage: Er ist blind und erlebt die Spiele über den Audio-Kommentar für sehbehinderte. Damit möchte ich ihm seine Kompetenz als Fragesteller aber nicht abwerten. Ich habe es nur vor Kurzem erst erfahren. Hier ist ein schöner Artikel über ihn: http://www.zeit.de/sport/2013-10/fussball-blind-journalist-hertha