Es gibt nur zwei Mannschaften an der Spree

Den folgenden Artikel hat uns Herthawolf, aktuell zu Hause in Neustadt (Dosse) im Rahmen des Schreibwettbewerbs “Mein erstes Mal mit der alten Dame” zugeschickt. Vielen Dank dafür! Alle bisherigen und auch die kommenden Berichte findet ihr hier.

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Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich in Potsdam. Als ich 9 Jahre alt war, stieg Hertha aus der Bundesliga ab. Diese Saison habe ich als erste bewusst durch die Sportschau und am Radio miterlebt. Mein Vater muss mich mit der Fußballleidenschaft angesteckt haben. Ich erinnere mich noch, dass er mir sogar von seiner Kur aus Tschechien von Hertha schrieb: „Hertha hat ja vielleicht noch eine kleine Chance, aber Braunschweig wird wohl endgültig absteigen.“

Natürlich war ich von Anfang an für Hertha. Schließlich war mein Lieblingsverein im Osten der 1. FC Union Berlin, und da war man automatisch eben Herthaner. „Es gibt nur zwei Mannschaften an der Spree – 1. FCU und Hertha BSC!“

Schon von kleinauf litt ich natürlich darunter, dass Hertha ganz in meiner Nähe spielte, aber wegen der Mauer eben doch unerreichbar war. Dann gab es die eine Saison, in der Hertha auch gleich wieder abstieg (war das 83/84??).Ein paar Spieltage vor Schluss wurde der Herthatrainer Georg Gawliczek mit trüber Miene in der Tagesschau gezeigt: „Es müsste schon ein kleines Wunder passieren..oder ein großes Wunder…ich kann Ihnen wirklich nicht mehr sagen.“ Das sprach Bände.

Es bedeutete als Herthafan, sich auf 2. Liga, wenn nicht sogar noch schlimmer (zwei Jahre lang…) einzustellen.
Große Hoffnungen verband ich mit der Saison 1990/91 – Hertha war aufgestiegen, und ich habe sie Anfang Dezember 1989 das erste Mal im Olympiastadion spielen sehen – nicht, wie so viele direkt zwei Tage nach der Maueröffnung gegen Wattenscheid, sondern es war glaube ich gegen Darmstadt 98, und ich glaube es war ein ziemlicher Grottenkick, und wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, gewann Hertha 1:0. Fans, neben denen ich saß, fragten mich wegen meiner Kleidung: „Kommste außm Osten? Köpenick oder so?“ Und ich sagte: „Südwesten! Potsdam!“

Die Saison 1990/91 war schwer, weil schon ziemlich früh klar war, dass Hertha gegen den Abstieg spielen würde.,
Und so kam es denn auch. Ich war damals Ordner, um mir etwas Geld zum Studium dazuzuverdienen, flog allerdings in der 1. Zweitligasaison bald raus, weil mir schriftlich bedeutet wurde: „Sie schienen sich mehr als bezahlter Zuschauer zu sehen denn als Ordnungskraft“ (Hertha hatte gegen St. Pauli 0:2 zurückgelegen.und gewann noch 3:2.

Viele kannten Hertha damals gar nicht. Wenn ich in der Mensa erzählte: „Ich war Sonnabend wieder bei Hertha“ und abwinkte, wurde ich mitunter gefragt: „Warum suchste Dir nich mal ne andere Freundin?“ Wen denn? Mit Union war doch damals genauso wenig los. Die stiegen auf, dann ein paar Tage wieder ab wegen der gefälschten Bankbürgschaft…Doch es sollten ja durchaus Saisons kommen, in denen meine beiden Lieblingsvereine mir viel Freude bereiteten.

Ich weiß, viele – besonders die Jüngeren – können mit diesem Zusammenhalt nichts mehr anfangen (obwohl Hertha und Union ja als Profiteams noch nie in einer Liga gegeneinander gespielt haben); wahrscheinlich ein Zeichen gelungener deutscher Einheit, dass eine Fanfreundschaft aus Mauerzeiten nach dem Mauerfall bröckelte – mir is dit ejal! Sowohl ich als auch alle drei Kinder sind Mitglieder in beiden Vereinen. Es gibt nur zwei Vereine an der Spree – 1. FCU und Hertha BSC.

Endlose Zweitligasaisons, in denen Hertha manchmal sogar bis kurz vor Schluss um den Aufstieg mitspielen konnte (bis dann der Tagesspiegel nach dem 0:5 gegen Bayer Uerdingen titelte: „Kapitel Aufstieg mit unüberhörbarem Knall geschlossen!“). Vielleicht macht mir daher die aktuelle Situation nicht so sehr Angst wie manchen jüngeren Fans, die die finsteren Zweitligazeiten nur noch vom Hörensagen kennen.

Dann kam 1997 endlich der Aufstieg, ein Jahr später qualifizierte sich Hertha sogar für die Championsleague. Die Saion 98/99 wird mir für immer im Gedächtnis bleiben, auch, weil ich im Zusammenhang mit dem Auswärtsspiel am 25. Oktober wenig später meine Frau kennen gelernt habe (aber das ist eine komplizierte Geschichte, die den Rahmen dieses blogs sprengen würde).

Tja, man hat sich an die Bundesliga gewöhnt, und bis auf die Saison 2003/04 haben wir auch noch nie sooo richtig Abspiegskampf erlebt. Nun also los! Statistisch gesehen hat es noch nie einen Verein gegeben, der mit 6 Punkten nach der Vorrunde am Ende nicht abgestiegen ist, aber solange rechnerisch alles noch drin ist.

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    Mein Name ist Enno: im Jahre 1982 geborener Berliner, Exil-Herthaner in Bielefeld und Bremen. Seit 2006 schreibe ich im Internet über Hertha BSC. (→mehr)

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3 Kommentare

  1. Am 20. Januar 2010 um 08:11 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Da hab ich doch wirklich lange geglaubt, ich wäre der einzige gewesen, der sich als Ossi 90/91 bei der Hertha als Ordner verdingt hatte. Mich haben sie aber ohne Begründung rausgeschmissen. :D Sehr schöner Text, hat mir gefallen. Die Sympathie für Union kann ich natürlich nachvollziehen – nen richtiges Derby wird das nicht mehr…

  2. Am 20. Januar 2010 um 17:00 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich mag Union auch, obwohl ich sowohl jung als auch ein sehr frischer Fan bin. Das mag aber wiederum daran liegen, dass ich ein Fan von Berlin (als Stadt) bin und dadurch mit allen Berliner Vereinen sympathisiere (Eisbären, Füchse, ALBA…). Außerdem halte ich nicht viel von Feindschaften (weder im Sport noch sonstwo). Schon gar nicht in der selben Stadt – sind doch alles Berliner :-)

  3. herthawolf
    Am 17. Mai 2010 um 07:47 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Schon etwas schade, dass meine beiden Lieblingsmannschaften nun doch zum ersten Mal gegeneinander um Punkte in der 2. Liga antreten müssen – eine Liga höher hätte ich besser gefunden :-)).
    Viel schlimmer aber ist, dass es viel zu wenige (aus biologischen Gründen, ich bin 40 Jahre alt) gibt, die sich an diese beispiellose Fanfreundschaft so erinnern, dass sie sich auch von den neuen Zeiten nicht vermiesen werden, zumal auch von Medien immer so getan wird, als sei man seit kurz nach dem Mauerfall emotional getrennte Wege gegangen (etwa mit Verweis darauf, dass das „Rückspiel“ Hertha gegen Union in der Alten Försterei damals eben nicht mehr 50000 Zuschauer sehen wollten, sondern nur noch 4000. Ich erinnere mich jedenfalls noch gut an 1993, als Union für einige Tage in der 2. Liga war und im SFB-Fernsehen in der Sportpalast-Sendung (damals noch mit Zuschauern im Hintergrund) minutenlang „Hertha und Union“ skandiert wurde. Erst 2000 beim Ausstiegsspiel von Union in Osnabrück habe ich zum ersten Mal „Nur zu Hertha gehn wir nich“ gehört; etwa in dieser Zeit habe ich auch erstmals bei einem Herthaauswärtsspiel einen kopfschüttelnd-mitleidigen Kommentar zu meinem Unionschal gehört.
    Schuldfragen am Bröckeln dieses Zusammenhalts wären ein eigenes Thema.