Fahrstuhl ist für’n Arsch

Am Anfang ist da die Vorfreude. Freitagabend, Wochenende vor der Tür, Arbeitswoche hinter sich. Fußball, Bundesliga, Hertha! Den Freitag noch irgendwie rumbekommen, Samstag lange schlafen, den Fernseher an, jetzt geht’s los!

Der Gegner heißt 1860 München, das 70.000 Zuschauer fassende Stadion erinnert an bessere Zeiten, die sowohl Hertha als auch die 60er schon erlebt haben. Die Vergangenheit guckt gleich mehrfach vorbei. Im Tor der Münchner, mit Gabor Kiraly. In der Defensive, mit Malik Fathi. Und im Angriff, mit Rob Friend. Drei Hertha-Generationen wenn man so will. Aber die Vergangenheit ist vergangen, nur noch eine Erinnerung oder mehrere. Jetzt ist Zweite Liga, Samstagmittag, 25.000 Zuschauer.

Und trotzdem freut man sich drauf. Weil man dabei sein will, überprüfen will, wie sich die Jungs machen auf dem Weg zurück in Liga Eins. Weil man Ronny schießen, Ramos rennen und Lustenberger zweikämpfen sehen will. Bestätigt Allagui seinen Aufwärtstrend? Wie geht die Mannschaft mit den Ausfällen in der Defensive um? Tragende Säulen fehlten ja mit Peter Niemeyer, Peer Kluge und John Anthony Brooks. Das wäre so, als würde bei Borussia Dortmund nicht nur Mats Hummels und Neven Subotic ausfallen, sondern auch Sven Bender. Oder bei den Bayern neben Dante und Jerome Boateng auch Bastian Schweinsteiger.

Hertha verkraftet es gut, verlagert das Spiel in die Hälfte der 60er und wer zu spät einschaltet und die Personalsituation nicht auf dem Zettel hat, der könnte zu dem Schluss kommen, dass da unten Herthas Stammelf spielt. Tut sie aber nicht. Und das wird sich später noch zeigen. Zunächst aber zeigt Hertha gute Ansätze, über links mit Nico Schulz, über rechts mit Sami Allagui, in der Mitte mit Adrian Ramos. Nur Ronny wirkt zu Beginn so ein bisschen so, als würde ihn das alles nichts angehen. Freistöße schlägt der Brasilianer unmotiviert und ohne jede Flugkurve auf gegnerische Abwehrspieler. Zweikämpfe verliert er in Serie. Es ist eines der schwächsten Spiele, die Ronny für Hertha in dieser Saison gemacht hat.

Folgerichtig fehlen die klaren Chancen und die Ideen auch den letzten Pass exakt zum Abnehmer zu bringen – und eben nicht nur grob in die Richtung. Herthas Abhängigkeit von Ronny wird immer dann deutlich, wenn er nicht spielt oder so wie gegen 1860. Dabei hatte man ja eigentlich gehofft, dass Jos Luhukay den Verein von einer zentralen Figur emanzipieren würde. Wie er es in Augsburg geschafft hatte. Ohne echten Spielmacher, im Kollektiv. Doch Ronny hat seinem Chef in dieser Saison viel zu oft die Punkte gesichert, als dass er ihn jetzt fallen lassen würde. Es ist ja auch das Vertrauen, dass der Brasilianer spürt und das ihn zu diesen Leistungen angestachelt hat. Aber es sind solche Auftritte wie in München, die die Hertha-Führung zu recht zögern lassen, Ronny mit einem höher dotierten Vertrag auszustatten.

Defensiv steht Hertha hervorragend. Gegen 1860 wackelt die Abwehr lediglich zweimal, weil Levan Kobiashvili nicht seinen besten Tag hat. In Liga Zwei kann man sich solche Blackouts mal erlauben und fährt mit einem Punkt nach Hause. In Liga Eins verliert man das Spiel dann 0:1.

Für die Zukunft muss es Coach Luhukay gelingen, entweder Spieler für Hertha zu gewinnen, die einen wie Ronny ersetzen können. Oder er muss dem Kollektiv Spielzüge einimpfen, die einen zentralen Spieler vergessen lassen. Das könnte durch ein 4-3-3-System klappen oder auch mit einem funktionierenden 4-4-2. Egal. Aber offensiv muss deutlich mehr passieren, als das derzeit oder vielmehr seit der Rückrunde der Fall ist.

Ansonsten ist dieses 0:0-Ergebnis bei 1860 vollkommen in Ordnung. Die Münchner sind eine der besseren Mannschaften dieser Zweiten Liga und werden noch anderen Teams Probleme bereiten. Das gilt übrigens auch für Herthas kommenden Gegner, den VfL Bochum. Irgendwann wird dort der Knoten platzen, weil sich der Weg mit vielen jungen Spielern am Ende durchsetzen wird. Hertha tut gut daran, das noch ein wenig hinauszuzögern.

Aber nochmal zurück zur Vorfreude, die man am Ende der Woche auf die Hertha-Spiele aufbaut. Denn richtig viel bleibt nach einem 0:0 bei 1860 München davon nicht übrig. Es ist immer noch Samstag, die Erste Liga spielt auf dem gleichen Fernseher, auf dem eben noch die Herthaner versuchten, nicht zu verlieren.

Es ist für mich im Moment wirklich schwierig, echte Begeisterung für das Spiel meines Vereins zu empfinden. Dafür kann die Mannschaft nicht wirklich viel. Die Tabelle spricht für sie. Die Wertschätzung der Liga ebenfalls. Es liegt einfach an diesem Zwischenstatus. Kaum noch jemand zweifelt am Aufstieg, die Vorfreude auf den Moment, an dem es endgültig so weit ist, ist dagegen groß. Wenn der Moment dann da ist, freut man sich kurz und ist schon wieder im Wartestand: auf den Saisonstart in der Ersten Liga. Und da geht dann alles wieder von vorne los. Kaum mal ein Moment absoluter Zufriedenheit, sondern immer die Angst oder viel mehr die Befürchtung: Reicht es vielleicht wieder nicht?

Das geht nun seit dem ersten Abstieg so und ich verstehe langsam jeden Fan des VfL Bochum. Fahrstuhl ist für’n Arsch.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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8 Kommentare

  1. Andrea Petermann
    Am 17. März 2013 um 17:15 Uhr veröffentlicht | Permalink

    ..Gabor Kiraly? Es gibt ihn tatsächlich noch, das Vorbild der Berliner Torwarte (und die schicke graue Hose, hat Gabor die noch?).Das waren noch Zeiten…..

    • Daniel
      Am 18. März 2013 um 11:09 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Natürlich :) Haare sind zwar deutlich weniger geworden, aber Hose trägt er nach wie vor: KLICK

    • Am 18. März 2013 um 12:50 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Das waren noch Zeiten…..

      Oh ja… *schwelg* Und wie lange die Reporter brauchten, bis sie nicht mehr „Kirali“ sagten :-)

  2. Am 18. März 2013 um 13:03 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Was soll man sagen? Realistische Einschätzung. Wenn die Knete so sehr fehlt wie bei der Hertha, kann man sich nur unter zwei Voraussetzungen dauerhaft „oben“ behaupten (wobei ich nicht weiß, ob beide gleichzeitig erfüllt sein müssen oder die besonders starke Ausprägung nur einer davon reicht): Erstklassige Nachwuchsausbildung und ein auf allen Ebenen perfekt einstudiertes Spielsystem.

    Und selbst dann muss man damit rechnen, dass beständig Stücke aus diesem Gesamtkunstwerk herausgebrochen werden, weil Spieler und Trainer die „neuen Herausforderungen“ suchen (sprich: Rum und Ähre und Mäuse en masse).

    Das mit dem Super-Scouting dürfte schwierig werden, weil die Konkurrenz da sehr groß ist und nicht mehr viele Nischen übrig bleiben (weiß jemand, wie man in der Mongolei so kickt?). Bleibt die Nachwuchsausbildung, und da sollte in Berlin doch eigentlich genug Talent vorhanden sein – natürlich nicht immer mit einfachem Hintergrund, aber das ist eben auch die Chance.

    Dem JLu z.B. traue ich zu, dass er das mit der Spielphilosophie auf Dauer hinkriegen könnte, aber wenn man eben schnell wieder in den Abstiegsstrudel gerät, dürfte sich das mit den langfristigen Planungen auch ebenso schnell wieder erledigen. Dann regiert irgendwie gesetzmäßig die operative Hektik, so ähnlich wie beim Schachspieler, der vor lauter Zeitnot keine Gelegenheit zum Aufgeben findet.

    Hertha müsste nach Mainz und Freiburg gucken, wie es gemacht wird, aber leider ist das Umfeld eher wie Hamburg, Köln oder (o Schreck!) Gelsenkirchen…

    • dns
      Am 21. März 2013 um 17:01 Uhr veröffentlicht | Permalink

      weiß jemand, wie man in der Mongolei so kickt?

      Ja, Zweikämpfe werden mit Elementen wie Hammerlock und Halbnelson ausgeführt, der Torhüter darf zu Verhinderung eines Tores Pfeil und Bogen verwenden. Die Winterpause dauert 8 Monate.
      :)

  3. schade..
    Am 4. April 2013 um 20:21 Uhr veröffentlicht | Permalink

    früher wars hier tatsächlich erstklassig..danke für die zeit, bye bye

    • Joel
      Am 8. April 2013 um 14:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Ja hat leider ganz schön nachgelassen.

      • Daniel
        Am 9. April 2013 um 08:35 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Tja Leute, da geht’s mir wie euch. Ich würde auch gerne regelmäßig meine Beiträge hier reinfeuern, an Diskussionsgrundlagen mangelt es ja auch nicht.

        Allein: Mir fehlt die Zeit.

        Mir blutet auch das Hertha-Blog-Herz, wenn ich an frühere Zeiten denke. Da geht es mir manchmal wie mit Hertha selbst.