Fataler Wechsel des Spielgeräts

Nun ging auch das letzte Spiel dieser bitter-schwarzen Hinrunde beim FC Bayern aus München verloren. Wahlweise erhielt Hertha eine „Klatsche“, wurde „deklassiert“ oder „vom Platz gefegt“. Egal wie man es sprachlich ausdrücken will, Hertha war erbärmlich und verlor mit fünf zu zwei Toren.

Man kann sich diese Niederlage natürlich schön schreiben. Marxelinho rechnet vor, wie es geht: Die zweite Halbzeit hat Hertha nummerisch ausgeglichen gestaltet und mit 2:2 beendet. Gegen diesen FC Bayern! Aber machen wir uns nichts vor! Wir werden alle Hoffnungen auf die Rückrunde verlegen müssen. Denn die zweite Halbzeit waren die Münchner mental schon längst auf der Weihnachtsfeier unterwegs, verteilten großzügig zwei Geschenke und ließen mehrere Einladungen zum Toreschießen großkotzigspurig aus.

Hertha spielte gestern in der Viererkette nominell mit vier gelernten Innenverteidigern. Das klingt nach Abwehrbollwerk. Tatsächlich zeigt sich hier schonungslos die ganze Verlegenheit des Mannschaftsgefüges. Für die Rückrunde scheint es eine ernsthafte Option zu sein, Friedrich wieder auf der rechten, „ungeliebten“ (!) Position auflaufen zu lassen. Davor könnte Piszczek absichern. Friedriczek hat meistenteils gut funktioniert gegen die Münchner. Von Olic war nicht viel zu sehen.

Die linke Seite der Hertha war dagegen ein 90-minütiger Offenbarungseid. Das hatte weniger mit Robbens individueller Klasse als mit der mangelnden, besser: nicht vorhandenen Defensivarbeit des Duos Nicucinovic zu tun. Es ist wirklich unglaublich, wie weit beide von ihren Gegenspielern weg standen und Flanken am Fließband zuließen! Leider gab es in der Hinrunde keine Alternativen (Stein!). Beide dürften die Rückrunde folgerichtig von der Bank aus erleben. Kringe spielt für Nicu, Kobiashvili (die Leihe bis Saisonende, plus Zweijahresvertrag bei Klassenerhalt ist gerade als fix gemeldet) für Pejcinovic. Das neue Duo Kringshivili dürfte in allen Belangen besser sein als Nicucinovic.

In der Mitte der Viererkette spielte Steve von Bergen neben Janker und lieferten sich ein Duell um die größeren Nachlässigkeiten. Ergebnis: Unentschieden. Einer von beiden, wahrscheinlich Janker dürfte in der Rückrunde von dem neuen, bisher unbekannten Innenverteidiger ersetzt werden. Davor sichert dann Lustenberger zusammen mit Cicero oder Kacar das defensive Mittelfeld. Das defensive Spiel der Hertha dürfte damit auf halbwegs soliden Beinen stehen, deren Köpfe dann hoffentlich noch einen Funken Selbstvertrauen haben, mit dem sie die Rückrunde angehen. Gestern war das Spiel nach 19 Minuten gelaufen und das zentrale Mittelfeld hoffnungslos überfordert.

Und wer soll die Tore schießen? Vorne geisterten Raffael und Ramos umher und hofften auf gescheite Zuspiele. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt und gegen Nachlässige Gegner wie den FC Bayern in der zweiten Halbzeit sind einige Tore möglich. Aber wer wird das in der Rückrunde auf diese Weise zulassen? Gegen fehlende Zuspiele wird auch Gekas machtlos sein. Allzuviel Hoffnung auf die Rückrunde sollten wir daher nicht haben.

Kommen wir abschließend zum Knackpunkt des gestrigen Spiels, der Hertha das Genick gebrochen hat. Nein, ich rede nicht vom ersten Tor durch van Buyten. Auch das Abseits-Tor von Gomez darf nicht als spielentscheidende Szene gewertet werden. Schon vorher, nach ungefähr 15 Minuten war die Partie bereits endgültig entschieden. Und zwar durch einen einfachen, aber sehr folgenreichen Wechsel, den der Schiedsrichter veranlasst hatte.

Es schneite ja nach wie vor ein wenig. Und so entschied der Spielleiter, das weiße Spielgerät gegen ein farbiges Modell tauschen zu lassen. Die Balljungen, von denen in der Halbzeitpause drei wegen Unterkühlung behandelt werden mussten, lieferten fortan rote Bälle. Knallrot waren sie und passten perfekt zu den knallroten Trikots des Ball-Besitz-Dominanz-durch-van-Gaal-Fußball-FC-Bayern. Es war wie verhext. Der Ball klebte förmlich an den Füßen der rot beleibten Spieler, sie verschmolzen gar zu einer dynamischen Symbiose und waren durch nichts – außer dem Torschuss – voneinander zu trennen.

Es dauerte nur ein paar Minuten, bis die Berliner Spieler ihr Schicksal erkannten und sich ihm ohne Widerstand fügten. Die Tore waren dann nur eine konsequente Folge des entscheidenden Wechsel um die fünfzehnte Minute. Warum wird eigentlich jedes Jahr über die die neuen Modelle des Spielgeräts und seine unberechenbare Flugbahn debattiert? Wirklich wichtig wäre es, die Folgen eines Spielballwechsels mitten im Spiel endlich an die Öffentlichkeit zu tragen! Am meisten wundert mich, dass Funkel sich dieser Ablenkungstaktik noch nicht bedient hat, wo er doch sonst so kreative Ausreden parat hat…

This entry was posted in Hertha BSC and tagged , , , , . Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.
  • Wer hat das geschrieben?

    Mein Name ist Enno: im Jahre 1982 geborener Berliner, Exil-Herthaner in Bielefeld und Bremen. Seit 2006 schreibe ich im Internet über Hertha BSC. (→mehr)

    Ich würde mich freuen, deine Meinung zum Artikel zu erfahren. Schreib doch einen Kommentar und diskutiere mit!

    Und bleib auf dem Laufenden: Abonniere neue Beiträge des Hertha BSC Blogs (RSS-Feed / E-Mail)

9 Kommentare

  1. Felix Felix
    Am 20. Dezember 2009 um 13:10 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wow Enno du bist echt fix. :)

    Also ich fand den Spielverlauf sehr wohl unglücklich. Hertha hat sehr ordentlich gespielt – bis zur 15. Minute. Bis zur 30. haben sie nur noch ok gespielt und danach dem Spielstand entsprechend. Da kann ich der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Hertha wurde nicht ausseinander genommen, sondern Bayern hatte einfach mal wieder das Glück aus zwei Chancen ein Tor zu machen und dann ein klares Abseitstor zu erzielen. Der Kommentator sprach von „hauchzart (das ist das Lieblingwort des Kommentators – Namen vergessen) im Abseits, aber im Zeifel natürlich für den Angreifer.“ Meines Wissens zählt das Körperteil, mit dem ein Angreifer ein Tor erzielen kann und somit auch der Kopf. Gomez ist nach vorne gebeugt und dadurch eindeutig vor Von Bergen. Wo ist da der Zweifel? Dieseer Kommentator sprach dann von einem nicht Bundesligatauglichen Abwehrverhalten. Meinetwegen, aber was war das bitteschön für ein Abwehrverhalten der Bayern beim 2. Hertha-Tor? Bundesligatauglich? Wenn Hertha schlecht aussieht, ist das nicht bundesligatauglich, aber Bayern ist natürlich in absolut jeder Situation das Maß der Dinge. In der Zusammenfassung wurde bei der abgepfiffenen Großchance von Gomez (Drobny hat die Hand drauf, Gomez schiesst dann daneben) überhaupt nicht erwähnt, dass ein Stürmerfoul begangen wurde. Das ist mal wieder die typische Bayernpropaganda des Fernsehsenders mit Sitz in München, über die es sich eigentlich überhaupt nicht mehr aufzuregen lohnt. Es ändert ohnehin nichts mehr am Resultat.

    Schon klar, im Laufe des Spiels hat sich Bayern den Sieg nachträglich verdient, aber nach 33 Minuten drei zu null war keineswegs folgerichtig. Das ist einfach die Effektivität, die Hertha in der letzten Saison ausgezeichnet hat mit dem Unterschied, dass die Bayern auf das nächste Tor/die nächsten Tore gehen. Dann wirds halt vom Ergebnis her blutig, aber ich fand Herthas Spiel Vergleich zu Hoffenheim, Freiburg und Nürnberg keineswegs „katastrophal“.

    Zu viel Blau-Weiße Brille?

    • Sebastian
      Am 20. Dezember 2009 um 13:48 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Bochum hat gegen Bayern 5:1 verloren, holt sich die Punkte aber gegen andere Teams. Wir nicht. Das ist der Unterschied. Meine Brille ist schwarz…

  2. Am 20. Dezember 2009 um 13:58 Uhr veröffentlicht | Permalink

    „Friedriczek“, „Nicucinovic“, „Kringshivili“ – sehr schön :-)

    • Felix Felix
      Am 20. Dezember 2009 um 14:13 Uhr veröffentlicht | Permalink

      marxelinho :)

      • Am 20. Dezember 2009 um 14:16 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Stimmt.

      • Anonymous
        Am 20. Dezember 2009 um 16:02 Uhr veröffentlicht | Permalink

        sorry haben die nasen bei hertha verpasst ging ablösefrei zu sao paulo hätt mich auch gefreut

  3. Am 20. Dezember 2009 um 19:49 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ach, nicht unterkriegen lassen. Natürlich sieht das nicht rosig aus, aber 99/00 hat Frankfurt auch mal 10 Punkte aufholen müssen nach der Hinrunde. Der Mut verlässt euch jawohl nicht oder? :)

  4. Am 21. Dezember 2009 um 01:22 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich fand das Spiel unserer Mannschaft auch nicht so schlecht, wie es alle machen wollen. Aber was nützt es? Nix. Es war zu erwarten. Bayern-Fans wollten mir heute erklären, dass ja noch nicht alles verloren ist. Ich kann da an nix mehr glauben.

  5. Daniel
    Am 21. Dezember 2009 um 14:23 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich kann nur EIN LETZTES MAL (auch wenn ich das bei Twitter schon zweimal gesagt habe) darauf hinweisen, dass dieses „hauchzarte Abseits“ bei Raffaels nicht gegebenem 2:0 gegen Leverkusen „eine klare Abseitsstellung“ war. Über Kuranyis 1:0 gegen uns muss ich ja kein Wort mehr verlieren. So unglücklich das ist, so steigt man halt ab.

    Wir sollten uns alle an Weihnachten und Neujahr kurz eine Minuten nehmen, um ein paar gute Worte für unseren Verein einzulegen. Wenn das Glück nicht zurückkommt – und das Pech auf mindestens zwei andere Vereine übergeht – dann war es das mit Erstligafußball.

3 Trackbacks

  • Von DailySoccer 20/12/2009 | Spielfeldrand - Das Magazin am 20. Dezember 2009 um 19:03 Uhr veröffentlicht

    […] Fataler Wechsel des Spielgeräts Wir werden alle Hoffnungen auf die Rückrunde verlegen müssen. Denn die zweite Halbzeit waren die Münchner mental schon längst auf der Weihnachtsfeier unterwegs, verteilten großzügig zwei Geschenke und ließen mehrere Einladungen zum Toreschießen großkotzigspurig aus. […]

  • Von Roman Hubnik kommt | Hertha BSC Blog am 21. Dezember 2009 um 17:52 Uhr veröffentlicht

    […] dafür sorgen könnte, dass solche läppischen Gegentore wie das Führungstor von van Buyten am letzten Samstag in Zukunft vermieden werden könnten. Hubnik ist noch relativ jung, hat aber bereits 4 Spiele für […]

  • Von Letzte Chance – mal wieder | Hertha BSC Blog am 19. April 2010 um 22:26 Uhr veröffentlicht

    […] vorbereitet. Als Hertha-Anhänger kennt man das dieses Jahr schon zur Genüge. Hertha war nach der Hinrunde tot, nach der Niederlage gegen Nürnberg und gefühlt noch einige weitere Male. Und trotzdem hat […]