Fußball hat nichts mit Bundesliga zu tun

Den folgenden Artikel hat uns Sebastian im Rahmen des Schreibwettbewerbs “Mein erstes Mal mit der alten Dame” zugeschickt. Vielen Dank dafür! Alle bisherigen und auch die kommenden Berichte findet ihr hier.

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Fußball hat was mit Bundesliga zu tun. Das war völlig klar. Bayern, Dortmund, Gladbach oder Bremen. Vielleicht HSV oder Köln, aber auf jeden Fall Bundesliga. Auch im Süden Niedersachsens. Der VfL Osnabrück war was für Erwachsene, die konnten schließlich auch mal irren. Auf dem Schulhof meiner Grundschule zählte nur Bundesliga. Schalke war vielleicht noch drin, da sich, warum auch immer, in unserer Gegend viele Erwachsene zu Schalke geirrt hatten. Aber Hertha ging überhaupt nicht. Das konnte ich doch niemandem verkaufen, Hertha, was ist das überhaupt, das hat doch nichts mit Fußball zu tun, wie konnte mir das nur passieren?

Die Mädchen aus meiner Klasse waren damals schon ihrer Zeit voraus und verteilten Fragebögen für die Jungs, quasi Factsheets für den möglichen Gang zu zweit. Lieblingstier, Lieblingsfarbe, Lieblingsstar, Lieblingslehrerin, Lieblingsverein. Das war eine Falle! Damit nicht genug. Unser Schulhof war nicht gerade als Hort der Demokratie bekannt, insbesondere in Fußballfragen. Der stärkste Junge auf dem Schulhof war Gladbach, nicht das da-hat-kürzlich-noch-Marko-Marin-gekickt-Gladbach sondern das da-hat-ein-Loddar-Maddäus-regiert-Gladbach! Die Sache mit Hertha würde nicht gut für mich ausgehen. Wie konnte mir das nur passieren???

Ehrlich gesagt, ich weiß es bis heute nicht. Meine Tante muss irgendwie Schuld sein, die wohnte damals in Berlin. Irgendein Zufall, irgendein Sportplatz, irgendein Spiel gegen die Reinickendorfer Füchse oder so. Mein Herz war verloren, aber meine Schulhof-Reputation stand vorm GAU. Hertha, Oberliga, das war so weit weg vom Fußball wie ich von der weiterführenden Schule. Ich war verloren. Es blieb mir nichts übrig, ich erkannte die Zeichen der Zeit, spuckte in den Spiegel, nahm den Fragebogen, schrieb mit zitternder Hand Borussia Dortmund und schwieg.
Über den Aufstieg in die 2. Liga freute ich mich noch heimlich, schließlich steckte ich scheinbar mit Dortmund im Abstiegskampf. Lieber nichts riskieren, 2. Liga, das hatte nichts mit Fußball zu tun. Doch dann war es soweit. Meine Grundschulzeit neigte sich dem Ende und es kam, wie ich wusste, dass es kommen musste. Die alte Dame stieg dicht hinter dem großen Favoriten Wattenscheid 09 ungefährdet in den Fußball auf. Die Zeit der Lügen und des schlechten Gewissens war vorbei, ich war endlich Bundesliga. Das Tor zur Meisterschaft stand sperrangelweit offen. Walter Junghans die Berliner Mauer zwischen den Pfosten, Jan-Halvor Halvorsen als Fels in der Brandung, Theo Gries für die magischen Momente und vorne drin der alternde Star Uwe Rahn in seinem 3. Frühling. Der Plan war perfekt. Nichts konnte uns jetzt noch aufhalten!

Fast nichts. Naja. St. Pauli am 1. Spieltag. Und Stuttgart am Zweiten. Und Karlsruhe am Dritten. Irgendwie war Fußball doch komplizierter, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich musste eingreifen! Mein Vater war als Bayern-Fan ein alter Fußball-Hase. Siegessicher fuhr er mit mir zu meinem echten ersten Mal. 17.11.1990. Das Olympiastadion war mit 35000 Zuschauern gerade mal halbvoll, doch mein Hertha-Herz platzte aus allen Nähten. In einem offenen Schlagabtausch rangen die Bayern uns ein unverdientes 0:0 ab. Mit hängenden Köpfen verließen sie den Platz, während die Blau-Weißen trotz der verlorenen Punkte wie so oft die Gewinner waren. Zumindest in meinen Augen.

Weihnachten waren wir zwar aus unerklärlichen Gründen Letzter, doch als ich das Trikot unterm Baum liegen sah, wusste ich, dass noch was drin war. Und wie! Es folgten ein unvergleichliches 11-Spiele-Phrasenfeuerwerk des Peter N., ein knappes 3:7 im Rückspiel gegen Bayern, die erste Interims-Amtszeit von „Kuller“ Heine und eine weitere vorübergehende Auszeit vom Fußball.

Also vom Erstligafußball. Denn Fußball hatte nichts mehr mit Bundesliga zu tun, Fußball hat was mit Hertha zu tun.

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Alle Geschichten des Schreibwettbewerbs sind hier aufgelistet.

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    Mein Name ist Enno: im Jahre 1982 geborener Berliner, Exil-Herthaner in Bielefeld. Seit 2006 schreibe ich im Internet über Hertha BSC. (→mehr)

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7 Kommentare

  1. Konstantin
    Erstellt am 19. Januar 2010 um 10:44 | Permanent-Link

    Ich hab meinen Favoriten bis jetzt gefunden! Toller Artikel!

  2. Enno
    Erstellt am 19. Januar 2010 um 10:49 | Permanent-Link

    Das ist wirklich ein gutes Motto, an das wir uns erinnern sollten, falls beim Kampf um den Klassenerhalt doch noch etwas schief gehen sollte. Zweite Liga? Egal! Es ist Hertha!

    • DM101
      Erstellt am 19. Januar 2010 um 19:34 | Permanent-Link

      > … falls beim Kampf um den Klassenerhalt
      > doch noch etwas schief gehen sollte. …
      Du Spalter! ;-)

      PS: Klasse Artikel!

      • Enno
        Erstellt am 19. Januar 2010 um 20:22 | Permanent-Link

        Na, ich gehe natürlich nicht davon aus. Da mir bisher jedoch nicht der Status des Fußballgotts verliehen wurde, muss man leider mit allen Unabwägbarkeiten rechnen.

  3. Erstellt am 19. Januar 2010 um 23:48 | Permanent-Link

    Herrlich!!

  4. Erstellt am 20. Januar 2010 um 20:13 | Permanent-Link

    Irgendwie werde ich hier zum Freund der letzten Absätze. Gut, hier ist es der vorletzte, den ich ganz besonders gelungen finde, aber auch der Rest der Geschichte gefällt mir ausgezeichnet! Ich mag diese kleinen Einsprengsel von Selbstironie.

  5. Erstellt am 20. Januar 2010 um 20:19 | Permanent-Link

    Klasse :)

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