„Fußball. Fußball. Fußball.“

Pal Dardai hämmerte mit der Faust in seine eigene Hand. Mit jedem Einschlag rief er breit grinsend „Fußball“. Dreimal ging das so. „Fußball. Fußball. Fußball.“ Sein Blick erinnerte dabei an einen Familienvater, dessen Sohn dank seiner Hilfe doch noch die Abiturprüfung geschafft hatte. Vielleicht mithilfe eines geheimen Spickers. Eine Mischung aus Stolz und Lausbubenstreich. „Ich hab’s euch doch gesagt.“

Pal Dardais Lächeln. (Foto: NIGEL TREBLIN/AFP/Getty Images)

Pal Dardais Lächeln. (Foto: NIGEL TREBLIN/AFP/Getty Images)

Der Ungar hat es nicht nur geschafft, aus einem völlig verunsicherten Haufen von mal mehr, mal weniger talentierten Fußballprofis eine Mannschaft zu formen, die nicht für möglich gehaltenen Erfolg hat. Sondern er hat diesem Haufen auch noch „Fußball“ beigebracht. Menschen, die diesen Sport nur selten verfolgen, dürfte das zurecht verwirren. Wieso sollte man einer professionellen Fußballmannschaft „Fußball“ beibringen müssen? Denn das ist ja das Schöne an diesem Sport: Die Regeln sind (noch) einfach zu verstehen, selbst Fünfjährige bekommen es hin, sich zwischen zwei Toren und sonst nur mit einem Ball zu messen. Doch schon Johan Cruyff wusste: „Fußball zu spielen ist einfach. Aber es ist das schwerste, einfach Fußball zu spielen.“

Pal Dardai will von seiner Mannschaft einfachen Fußball sehen. Er hat ihnen dafür einen Werkzeugkasten mit Spielzügen und Laufwegen an die Hand gegeben, die nicht kompliziert, aber effektiv sind. Außerdem gibt er für jeden Gegner noch ein oder zwei Extra-Werkzeuge mit dazu. Gegen Schalke war das am Freitag vor allem nach dem 2:0 recht gut zu erkennen. Da hatte Dardai den Schalker Außenverteidiger Junior Caicara als kopfballschwächsten Spieler in der Viererabwehrkette ausgemacht. Also spielten die Herthaner ihren Ballbesitz solange aus bis Schalke soweit vorgerückt war, dass Rune Jarstein den Ball in Richtung Caicara schlagen und ihn in einen Kopfballzweikampf mit Salomon Kalou oder Vedad Ibisevic zwingen konnte. Die Folge: Hertha kam zu mehreren guten Angriffen, schaffte es allerdings nicht, daraus Kapital zu schlagen.

Sechs Mal musste Caicara in der zweiten Hälfte zum Kopfball gehen. Vier Duelle verlor der Brasilianer. Screenshot: http://www.fourfourtwo.com/statszone

Sechs Mal musste Caicara in der zweiten Hälfte zum Kopfball gehen. Vier Duelle verlor der Brasilianer. Screenshot: http://www.fourfourtwo.com/statszone

Das war, wenn man so will, das einzige, was man seiner Mannschaft nach dem 2:o gegen Schalke vorwerfen konnte: Dass das Spiel nicht 4:0 ausgegangen war. Alleine Tolga Cigerci hätte ja locker drei Tore erzielen können, eines sogar müssen. Cigerci ist – wie Niklas Stark übrigens auch – eine dieser eigentlich völlig irrealen Geschichten in dieser Hertha-Saison, von der man noch nicht weiß, wo sie diesen in den letzten Jahren so gescholtenen Klub hinführen wird. Cigerci hat vor allem in der Hinrunde der Saison 2013/14 gezeigt, wozu er im Stande ist. Stichwort: Einfach (und damit erfolgreich) Fußball spielen. Doch immer wieder verletzte sich der hochtalentierte 23(!!!)-Jährige. Jetzt war er fit, durfte aber nicht ran. Er hätte ungeduldig werden, sich über die Presse melden und mit einem Wechsel drohen können. Doch Cigerci machte das, was einer wie Pal Dardai von seinen Profis erwartet: Abliefern, wenn sie gebraucht werden.

Cigerci war gegen Schalke überall. Er spielte bei 60 Pässen nur fünf Fehlpässe und verfehlte seine Mitspieler damit kurioserweise fast genauso häufig wie das gegnerische Tor (4). Seine Präsenz war bis in den Oberring des Olympiastadions und die Sofas vor den Fernsehern zu spüren. Er ersetzte Fabian Lustenberger nicht nur, sondern sorgte dafür, dass Pal Dardai ihn unmöglich aus der Mannschaft nehmen kann. Zusammen mit Vladimir Darida und Per Skjelbred könnte da eine neue und vor allem kreative Achse entstanden sein, die – wenn sie verletzungsfrei bleibt – nochmal eine neue Stärke des aktuellen Hertha-Jahrgangs hervorbringen könnte.

Apropos Stärke: Dazu gehört es auch, dass Hertha mit einer Ausnahme (Auswärtsspiel in Stuttgart) alle Verletzungsausfälle problemlos kompensiert hat. Dass Sebastian Langkamp in der Halbzeitpause bei Sky sagte, er könne im Moment nur Lauftraining absolvieren, es werde also noch eine Weile dauern, hätte in anderen Jahren für Schweißausbrüche sorgen können. Eine knappe halbe Stunde später stieg sein Stellvertreter Niklas Stark in den Berliner Nachthimmel auf und bugsierte den Ball per Kopf in den Winkel des Schalker Tores. Viel wichtiger war aber, was Stark in der Viererkette leistete. Zwar hat er hier und da noch einen Stellungsfehler drin (siehe Kopfball Huntelaar in Halbzeit eins), aber im für die Offensive wichtigen Aufbauspiel steht er Langkamp in fast nichts nach.

Ich könnte noch zwei Stunden weitermachen. Rune Jarstein strahlt eine Sicherheit aus, die ich im Hertha-Tor überhaupt noch nie erlebt habe. Vladimir Darida, Salomon Kalou, Mitchell Weiser, Marvin Plattenhardt, John Anthony Brooks, Vedad Ibisevic und und und. Bei diesen Namen kommt man aktuell aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus.

Wo das noch hinführt? Völlig egal. Acht Punkte beträgt der Vorsprung auf Platz sieben derzeit. Klar, dass nach dem Sieg gegen Schalke und das Erreichen der 45-Punkte-Marke sofort alle ein neues Ziel von Pal Dardai hören wollten. Dabei hat dieser Fußball-Trainer nur ein Ziel, das er in jedem Spiel mit seiner Mannschaft erreichen will:

„Fußball. Fußball. Fußball.“

Unsere Statistik-Quelle ist übrigens die 4-4-2-Stats-Zone.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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