Gastbeitrag: Eine Idee vom Hertha-Fußball

Ich weiß, dass ihr schon wieder auf den nächsten Artikel wartet und so langsam droht die Geduld mit uns zu verlieren. Ich für meinen Teil habe derzeit eine ziemliche Schreibblockade und schaffe es derzeit nichtmals die Tagespresse über Hertha zu verfolgen. Das Spiel gegen Gladbach habe ich jedoch intensiv verfolgt und ziemlich gestaunt wie gut sich Hertha in der ersten Halbzeit präsentierte. Der Versuch sich gleich von Anfang darum zu bemühen das Spiel zu gestalten hat sich in meinen Augen ausgezahlt. Interessanterweise schien mir die Mannschaft zu Beginn des zweiten Durchgangs etwas offensiver eingestellt, was sich dann auch sogleich rächte. Zwar gab es einige gute Ansätze, aber Gladbachs Aktionen wirkten einfach konsequenter während das Außenverteidigerduo Lell/Kobi viel zu offensiv stand und somit die Räume schaffte. Nach dem Führungstreffer war mir ziemlich schnell klar, dass da nichts mehr gehen kann. Favre ließ den Schalter umlegen und wer sich an 2008/2009 erinnert, der weiß wie so was meist endet. Trotz der Niederlage bin ich einigermaßen zufrieden mit der Mannschaftsleistung und denke, dass man gegen diese Gladbacher derzeit als Aufsteiger nicht drei Punkte einplanen kann. Soweit erst mal mein kleines Zwischenfazit.

Im Blog Spielverlagerung findet sich noch eine ausführliche Taktikanalyse zum Spiel.

Unser Leser „Rayson“ hat uns gestern einen Gastbeitrag zugesendet, der nun hier veröffentlicht wird:

Ich war nach den ersten zwanzig Minuten Hertha-Fußball gegen Mönchengladbach richtig begeisert. So ungefähr stellt man sich das als Hertha-Fan vor, wenn im Olympiastation gespielt wird. Aber typische Hertha-Nörgler-Fresse, die ich nunmal bin, sagte ich nach dem Tor von Ramos zu meiner Freundin: „Die spielen zu gut. Das kann nicht gut gehen…“

Jetzt könnte ich mit dem Triumph des Rechthabens diesen Beitrag abschließen. Aber abgesehen davon, dass außer meiner Liebsten niemand Zeuge dieses historisch denkwürdigen Satzes war: Der Punkt ist ein anderer. Seit Markus Babbel Trainer bei Hertha ist, vermisse ich eins: Die Idee vom Hertha-Fußball. Ok, ich hätte auch sagen können, seit Funkel Trainer war, aber da konnte niemand etwas vermissen, weil auch nichts zu erwarten war. Ich will es anders anfangen. Als Favre eingestellt wurde, war ich begeistert. Endlich
wurde nicht nur ein Typ eingekauft, sondern auch eine Idee. Favre hat eine Vorstellung, wie Fußball aussehen muss, und er brachte sie Hertha bei. Nun kann man diese Art, Fußball zu spielen, mögen oder nicht, aber letztlich halten sich ästhetische Argumente nur so lange, wie auch der Erfolg mitspielt. Und so unansehnlich war das, was Monsieur spielen ließ, nun wieder auch nicht. Selbstverständlich muss sich ein Verein bei einem solchen Konzept dann auch mal von der konkreten Person des Trainers emanzipieren können. Wichtig wäre
dann aber, dass die Idee des Fußballs weiter bestehen bleibt. Nun ist Hertha von Barcelona Lichtjahre entfernt (und selbst ein „noch“ wäre hier vermessen gewesen), aber deswegen darf man sich trotzdem an das Prinzip anlehnen: Eine Idee finden, sie von der Jugend an transportieren und bei der ersten Mannschaft pflegen und weiterentwickeln. Vereine, die keinen Scheich oder Oligarchen als Sponsor haben und auch nicht Real Madrid oder Bayern München heißen, also nicht einfach alle Qualität auf dem Markt wegkaufen können, haben eigentlich auch keine andere Chance auf eine dauerhaft erfolgversprechende Entwicklung.

Nun hat Favre wohl tatsächlich einige Schwächen gehabt, gerade in der Auswahl des Personals (einem Raffael und einem Ramos stehen einige gehörige Flops gegenüber), und interessanterweise hatte er bei Gladbach auch keine Chance, diese zur Geltung zu bringen, so dass nur seine Idee vom Fußball übrig blieb. Und die hat am letzten Samstag, Reus hin, Reus her, letztlich den Ausschlag gegeben. Borussia Mönchengladbach hat, insbesondere in der zweiten Halbzeit, einfach als Mannschaft besser funktioniert. Und das ist man von diesem Team mittlerweile eigentlich auch schon gewohnt. Genug andere Gegner können ein Lied davon singen.

Das heißt in der Konsequenz jetzt nicht, dass wir Favre zurückholen müssen. Es heißt aber, dass wir uns endlich Gedanken darüber machen müssen, wie eine Hertha-Mannschaft spielt. Der Eindruck, der bis jetzt unter Babbel entstanden ist, sieht so aus: Da ist eine Mannschaft, die durchaus willig ist, die auch vom Trainer ganz gut auf den jeweiligen Gegner eingestellt wird, die aber zu
sehr davon abhängt, wie wichtige Spieler am jeweiligen Tag gerade drauf sind. Weil sie eben genau davon, von der Qualität einzelner Spieler, fast ausschließlich lebt. Sind die beiden Sechser Ottel und Niemeyer in Hochform, ist die tendenziell anfällige Abwehr (Mijatovic, Franz) nicht zu sehr gefordert, und fühlen sich Raffael und Ramos inspiriert, ist auch vorne viel drin, weil ein Lasogga in Topform nicht viele Chancen braucht. Um dieses Optimum aus allen Spielern immer wieder herauszukitzeln, legt der Trainer sehr viel Wert auf Personalpolitik und auf internen Konkurrenzkampf. Das kann kurzfristig eine erfolgversprechende Strategie sein, ähnelt für meinem
Geschmack aber zu sehr der Methode Magath, um dauerhaften Erfolg sicherzustellen. Und mit Erfolg meine ich nicht Meisterschaft oder Champions League, sondern gesicherte Bundesliga-Existenz mit dem einen oder anderen Ausreißer nach oben.

Ich lese gerade im Internet auf bild.de (nehmen wir es also cum grano salis), dass Babbel bei den Vertragsverhandlungen etwas zickt. Wenn der Verein dies als Chance sähe, endlich mal grundsätzlich zu werden und von Babbel mehr zu verlangen als kurzfristigen Erfolg, wäre das nur zu begrüßen. Aber wie sicher kann man sich da bei einem Trainer sein, der mit Haus und Hof demonstrativ in
München verweilt? Klar: Der kurzfristige Erfolg in Form des Klassenerhalts steht über allem. Wenn Babbel das mit seiner Methode schafft, wäre jedes weitere Motzen undankbar. Aber darüber hinaus braucht es eben mehr, wie uns nicht nur alle Absteiger im zweiten Jahr berichten können. Und als Anhänger meiner zweitliebsten Mannschaft, dem KSC, weiß ich, wovon ich da rede…

Vielen Dank an Rayson für diese nette Geste! Ohne Leute wie dich macht das alles hier keinen Sinn mehr.

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  • Wer hat das geschrieben?

    Hallo, ich bin Felix und gehöre wie die meisten Herthafans in meinem Alter, zur 98er Generation, die 2010 den ersten Abstieg miterlebt hat. (→mehr)

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2 Kommentare

  1. herthawolf
    Am 7. November 2011 um 22:18 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Lieber Felix,
    eine bestechende Analyse. Hertha bleibt sich treu. Seit sie gegen Mainz 1:2 zu Hause verloren haben und ich damals (muss so Februar 2007 gewesen sein) im „kicker“ als Fazit des Spiels den Satz las: „Hertha ruhte sich auf der 1:0-Führung aus“, ist das ein m. E. oft zu beobachtendes Phänomen. Man muss sich nur die Schläfrigkeit ankucken, mit der Reus 2x unbedrängt einschießen (beim 1:2) oder einkullern (beim 1:1) konnte. Ich denke an das Hinspiel gegen Union im September 2010, wo Hertha nach Niemeyers Führungstreffer in der 2. Minute den Angriff so gut wie einstellte und ca. 80 Minuten förmlich um den Ausgleichstreffer bettelte. Wirklich schade, ich hatte vor meinem geistigen Auge schon Platz 6 gesehen (wir sind Aufsteiger, man unterschätzt uns – so kann das ruhig weitergehen…), aber nun muss eben auswärts wieder was gerissen werden.

    • Joel
      Am 21. November 2011 um 15:10 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Wir werden diese Saison nicht die Überraschungsmannschaft der Hinrunde, das hat auch Vorteile ;-) Mahnendes Beispiel ist Frankfurt aus letzter Saison Hinrunde hui Rückrunde pfui. Daher nett wenn wir es schaffen noch gegen Schalke und LEV punkte zu holen, gerne auch in Form von Dreiern, aber gegen Klautern und Hoppenheim werden wir dann wieder Punkte verschenken… Hauptsache wir bleiben inner Liga… Nächstes Jahr dann…. aber Hallo.

      Achja aber bitte Pokalfinale gewinnen, dann spielen wir schon nächstes Jahr international… :-) hui mir wird gerade schwindelig