Gegen ein Monster namens Schalke

Den folgenden Artikel hat uns Rayson im Rahmen des Schreibwettbewerbs “Mein erstes Mal mit der alten Dame” zugeschickt. Vielen Dank dafür! Alle bisherigen und auch die kommenden Berichte findet ihr hier.

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Und es begab sich, dass ein Knabe, nennen wir ihn Rayson, berufen wurde von seinen Ahnen, dem Großvater Willi und dessen Kollegen Fritze, sich dem allein seligmachenden Kult der Herthaner anzuschließen. Und Rayson folgte Willi und Fritze in das sagenumwobene Olympiastadion, wo schon viele Glaubensgenossen auf sie warteten. Und siehe, die Hertha gewann gegen ein Monster namens Schalke 04 mit 3:0 (25.03.1972). Eins der Tore schoss ein gewisser Herr Beer, mit dem Rayson in Zukunft noch weitere Bekanntschaft machen sollte. Er war aber überwältigt von den vielen Glaubensbekenntnissen um ihn herum, und er beschloss, in die Fußstapfen seines Großvaters zu treten, obwohl seine Eltern ihn fortgeführt hatten vom allein seligmachenden Leben in Berlin und er ihnen ins Tal der Tränen nach Hannover folgte. Im folgenden hatte er keinen Grund, an seiner Religion zu zweifeln. Im Stadion seiner Lieblingsmannschaft trat ausgerechnet Hannover 96 an (17.10.73), und siehe, das Ergebnis war angetan, ihn in seinem Glauben zu bestätigen: 4:2 gewann sein Verein, da konnte ein gewisser Herr Reimann in der zweiten Halbzeit noch so viele Tore schießen, ein uns nicht ganz unbekannter Herr Beer machte sie immer wieder wett, so dass der 2:0-Vorsprung aus der ersten Hälfte hielt.

Aber den Rayson verschlug es nun endgültig in die Fremde, seine Besuche in Berlin wurden seltener, und er nahm sich vor, sich mit Gleichgesinnten der Sekte von Hannover 96 anzuschließen. Und die Fußballgötter sahen, dass dieser Frevel nicht ungesühnt bleiben konnte. Sie schickten am 04.10.1975 nicht nur die Hertha nach Hannover an den Ort, der noch Niedersachsenstadion hieß, bevor man ihn dem Gott Mammon opferte, sondern auch noch Opa Willi. Rayson hatte sich zwar mit den Insignien seiner neuen Sekte geschmückt, aber die Fußballgötter gaben ein Zeichen ihrer Macht: Schon nach zwanzig Minuten führte die Hertha mit 3:0. Und zwei der Tore schoss wieder einmal der Herr Beer, ein anderes steuerte ein gewisser Herr Kostedde bei. Nun regte sich das Gewissen des Rayson, doch als er das grinsende Gesicht seines Großvaters sah, wurde sein Herz verstockt, und er nahm das erste Tor der Gastgeber zum Anlass, an seinem Irrglauben festzuhalten. Als dann nach der Pause sogar noch der zweite Treffer für die Sekte fiel, drohte seine Seele endgültig wieder schwarz zu werden.

Doch die Fußballgötter in ihrer unendlichen Gnade und die Herren Beer und Kostedde mit ihrem Torhunger führten ihn wieder auf den rechten Weg: Die Hertha gewann 6:2 und ein reuiger Sünder kehrte auf ewig zu ihr zurück. Noch am selben Tag zerstörte er die Zeichen des Irrglaubens und errichtete mit den alten Berliner Devotionalien, die er weiter aufbewahrt hatte (so vollständig war seine Abkehr wohl doch nie), in seiner Behausung einen Schrein für den einzig wahren Klub, für Hertha BSC. Und weder Skandale der alten Dame noch ihre zwischenzeitlichen Abstiege in die finstersten Tiefen der Ligahölle konnten ihn in Versuchung führen, er blieb fortan treu bis an das Ende seiner Tage.

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Mit Kommentaren zu diesem Beitrag könnt ihr Lose für das Gewinnspiel sammeln. Oder schreibt selbst einen Artikel über eurer erstes Mal mit der alten Dame und nehmt am Schreibwettbewerb teil. Wir bedanken uns bei unserem Sponsor SportsInOutlook.

Alle Geschichten des Schreibwettbewerbs sind hier aufgelistet.

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  • Wer hat das geschrieben?

    Hallo, ich bin Felix und gehöre wie die meisten Herthafans in meinem Alter, zur 98er Generation, die 2010 den ersten Abstieg miterlebt hat. (→mehr)

    Ich würde mich freuen, deine Meinung zum Artikel zu erfahren. Schreib doch einen Kommentar und diskutiere mit!

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9 Kommentare

  1. spreemaradona
    Am 15. Januar 2010 um 09:44 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Amen.

  2. Thomas
    Am 15. Januar 2010 um 10:32 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Na, jetzt komm ich aber schwer ins Wanken. Bisher war Roberts Beitrag ja mein absoluter Favorit („In’s Olympi“). Sein Abschnitt mit dem Skinhead – das war mal so richtig was zum Lachen. Verglichen damit ist zwar Raysons Beitrag nur zum Schmunzeln, dafür aber irgendwie unglaublich schön. Ungläubige dürfen ‚Danke‘ sagen. Wer stattdessen lieber ‚Amen‘ sagt, mag zwar genauso dankbar sein – nur glaub‘ ich nicht so recht daran, dass ihm der Beitrag auch so gut gefiel wie mir.

    Raysons Beitrag wirkt authentisch. Gefühlsbekenntnisse gibt’s auch, doch werden sie nicht zu dick aufgetragen, sondern gekonnt mit Ironie gefiltert. Ein ausgesprochen schöner Beitrag. Großes Lob.

    • spreemaradona
      Am 15. Januar 2010 um 11:33 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Mensch Thomas, freut mich dass da draussen noch Rächer der Entrechteten unterwegs sind.
      Übrigens ist dieser Beitrag bisher mein Favorit, auch wenn das in der (würzigen) Kürze eventuell nicht rüberkam. Nochma ’n dicket ZORRY dafür, mein Jutester.

      • Thomas
        Am 15. Januar 2010 um 13:45 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Ein Rächer der Enrechteten? Um das zu toppen gibt’s nur eins: du musst mich „Gutmensch“ nennen. (Lass es aber lieber bleiben…)

        • spreemaradona
          Am 15. Januar 2010 um 14:42 Uhr veröffentlicht | Permalink

          Weil sonst?

          • Thomas
            Am 15. Januar 2010 um 16:10 Uhr veröffentlicht | Permalink

            Ach was. Fühlst du dich eingeschüchtert? Na dann aber ein drei Mal dickes ZORRY – und jetzt ist gut.

  3. Enno Enno
    Am 15. Januar 2010 um 13:34 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Mann, da wird es insgesamt ziemlich schwierig, sich zwischen den vielen guten Beiträgen zu entscheiden. Dieser gefällt mir auf jeden Fall auch sehr gut!

  4. Sebastian
    Am 15. Januar 2010 um 16:53 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Toll! Schön auch, dass der gute Erwin Erwähnung findet. Wer erinntert sich nicht gern an den legendären Trainer der Sportfreunde Oesede! Der rechte Weg hatte es nicht leicht mit ihm…

  5. Am 15. Januar 2010 um 20:02 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Auch von mir – Amen.

    Und ein HALLELUJA hinterher.

    Schön geschrieben und herrlich amüsant.