Genug geredet, genug spekuliert

Und los geht’s! Eine Woche nach dem für Berliner Verhältnisse souveränen Weiterkommen in Neumünster beginnt für die Herthaner am Samstag in Frankfurt das nächste Kapitel des Abenteuers Bundesliga. Ich freue mich drauf wie ein Apple-Fanboy auf die nächste Keynote und hoffe einfach mal, dass das kein schlechtes Zeichen ist. Denn ich habe viele Geschichten von Vorfreude im Zusammenhang mit Hertha zu erzählen, die zu einem großen Teil schlecht ausgehen.

Rückblick auf Neumünster

Aber gestattet mir noch einen kurzen Blick zurück auf das DFB-Pokal-Wochenende: Als ich in den vergangenen Tagen durch die Berliner Presselandschaft spaziert bin, grüßten mich sehr erwartbare Textabschnitte von den Sportseiten. Natürlich sollen Journalisten nicht die Meinung der Offiziellen von Hertha BSC einfach so übernehmen, aber man hätte ja zumindest mal so tun können, als ob man sich ernsthaft damit auseinandergesetzt hätte, was Jos Luhukay nach dem Spiel gesagt hat. Stattdessen lese ich in den Berichten zum DFB-Pokal Sätze wie

„Doch der schlappe Auftritt lässt Zweifel aufkommen, ob Hertha in dieser Form beim Bundesligastart am kommenden Samstag bestehen kann.“ Aus dem Tagesspiegel

„Bis zum Bundesliga-Auftakt gegen Frankfurt hat Coach Luhukay viel zu tun.“ Aus der Berliner Morgenpost

Ganz ehrlich: Das ist – vor allem was den Satz im Tagesspiegel angeht – pure Panikmache. Den aus der Morgenpost verbuchen wir mal in der Kategorie „Phrase, die immer irgendwie stimmt“. Denn was ist denn passiert? Hertha hat sich mit einem Viertligisten sehr schwer getan. Das gleiche kann man an diesem Wochenende auch über viele andere Erst- und Zweitligisten sagen. Schalke zum Beispiel. Die schwammen bei einem Fünftligisten und gewannen schließlich gerade so mit 2:0. Borussia Dortmund benötigte beim Viertligisten Wilhelmshaven 70 Minuten für den ersten Treffer. Gladbach, Nürnberg, Braunschweig, Bremen – alle draußen. Mainz mit viel Glück und dem 2:1 kurz vor Schluss, Freiburg erst in der Verlängerung weiter. Würde man bei diesen Teams daran zweifeln, dass sie in der Bundesliga bestehen können?

Ich denke nicht.

Deshalb verbuche ich Herthas Weiterkommen in der ersten Runde auch als großen Erfolg. Denn was bringt es, sich jetzt mit Selbstzweifeln zu beschäftigen, wenn die Vorzeichen des ersten Spieltags ganz andere sind, als im Pokal. Zweite und dritte Liga sind schon mitten im Spielbetrieb, die Viertligisten haben sich wochenlang nur auf dieses eine Spiel vorbereitet, ihr Highlight der Saison. Es lohnt sich, in den kommenden Wochen mal einen Blick auf diese Teams in ihren Ligen zu wagen. Die wenigsten können die Spannung des DFB-Pokals und ihr dort abgerufenes Leistungsniveau halten.

Und die Bundesligisten? Treffen nun auf Teams, die auf dem gleichen Vorbereitungsstand sind. Kaum jemand wird sofort bei 100 Prozent sein. Deshalb sind alle Befürchtungen oder Schlüsse, die man aus diesem Pokalauftritt in Neumünster ziehen könnte, schlicht unbrauchbar. Natürlich hätte sich eine Pokalniederlage aufs Selbstvertrauen niedergeschlagen. Deshalb ist ein Sieg – und sei er noch so knapp zustanden gekommen – sehr viel wert. In der Bundesliga kommt es vor allem auf mutige Aktionen an. Auf Selbstvertrauen. Hertha darf dieses gegen Eintracht Frankfurt vor sich her tragen.

Negativ-Erlebnis kann auch erden

Jos Luhukay hat deshalb auch recht, wenn er sagt, dass es viele Teams gibt, die gerne mit Hertha tauschen würden. Anderseits: Was ein Negativ-Erlebnis im ersten Pokalspiel für den Verlauf der Saison aussagt, das hat die vergangenen Saison eindrucksvoll bewiesen. Gar nichts. Hertha verlor in Worms mit 1:2 und spielte danach die beste Zweitliga-Saison aller Zeiten.

Die beste Erstliga-Saison aller Zeiten darf man deshalb von Jos Luhukay und seinem Team nicht erwarten. Das Ziel lautet Platz 15 oder besser. Jeder, der etwas anderes als Ziel ausgibt, sollte aufwachen. Ich habe das in einem kleinen Interview auch schon bei den Kollegen von Eintrachtpower gesagt. Trotzdem – ihr kennt mich, ein bisschen Pessimismus habe ich immer im Gepäck – könnte der Spielplan noch zum Problem werden. Hertha hat ein sehr wohlwollendes Startprogramm erwischt mit Auswärtsspielen in Nürnberg, Wolfsburg und Freiburg sowie Heimspielen gegen Frankfurt, Hamburg und Stuttgart. Das ist jetzt nicht gerade etwas, wovor man sich groß erschrecken muss.

Allerdings, das hat die Vergangenheit gezeigt: Jos Luhukays Teams kommen schlecht aus den Startlöchern. Diese Probleme darf sich Hertha in diesem Jahr eigentlich nicht erlauben. Die Mannschaft sollte vom Start weg voll da sein und Punkte sammeln, bevor es im Herbst und Winter dann zu den Duellen mit den Topteams aus München, Dortmund, Leverkusen und Schalke kommt. Damit Hertha sich dort Niederlagen erlauben kann, auch wenn natürlich auch diese Spiele gewonnen werden dürfen.

Was wird aus Ronny?

Mit welchem Team Jos Luhukay diese Siege einfahren will, ist mir immer noch nicht vollends klar geworden. Klar, die Defensive steht erst einmal, auch wenn ich noch nicht weiß, wer für Hajime Hosogai rausrotiert, wenn der erstmal komplett fit ist. Aber ich bin zum Beispiel trotz seiner durchwachsenen Vorbereitung fest davon überzeugt, dass Hertha einen wie Ronny und vor allem seine Standards benötigt, um auch Spiele zu gewinnen (oder zumindest Punkte zu holen), die sonst nicht zu gewinnen sind. Ich hoffe, dass das Anzählen von Luhukay bei Ronny gefruchtet hat. Alexander Baumjohann ist zwar schnell, trickreich und wendig – aber ein Spiel alleine entscheiden? Am Ende macht in der Bundesliga immer auch die individuelle Qualität der Spieler den Unterschied. Und da ist Ronny in einigen Kategorien (Standards, Pässe in die Tiefe) eben weltklasse. Solch eine Qualität muss man eigentlich verwenden, wenn man sie für teuer Geld im Kader hat.

Aber gut, es ist so langsam auch genug geredet und spekuliert worden. Samstag, 15.30 Uhr, Berliner Olympiastadion: Es wird endlich wieder gezockt.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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