Groß, größer, Rob Friend

July 20, 2010 - 06201478 date 20 07 2010 Copyright imago Bernd King Rob Friend Hertha at Ball Hertha BSC Berlin Training Berlin 20 7 2010 men Football ger 1 BL 2010 2011 Berlin Training Single Vdig xsk 2010 horizontal premiumd.
Hertha wird kräftig umgebaut. Eine im doppelten Wortsinne zentrale Personalie des Umbaus ist die Besetzung des Sturms. Hier wurde von Borussia Mönchengladbach der Kanadier Rob Friend verpflichtet. Kurz darauf erreichten uns Gladbacher Glückwünsche. Da musste man schon zweimal lesen. Schließlich vermutete ich erste einmal eine ordentliche Portion Häme.

Doch ganz im Gegenteil! Daniel, Autor der Seite büchsenwurf.de, meinte das ernst. Also fragte ich ihn, ob er uns das nicht mal erklären könne, das mit den Glückwünschen zur Verpflichtung von Rob Friend. Schließlich kennt Daniel den Kanadier nicht nur durch die Beobachtung vieler, vieler Heimspiele sondern auch durch Interviews, die er mit ihm selbst geführt hat.

Die folgenden Absätze zur Spielweise, zu Defiziten und zum Charakter habe ich basierend auf den Einschätzungen von Daniel zusammengestellt. Für die Einschätzungen möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken.

Spielweise:

Wenn man die Gelegenheit hat, ihn persönlich zu treffen, besticht er zuerst durch sein imposantes Erscheinungsbild – der Kerl ist ein Riese. Seinen Körper weiß er geschickt im Strafraum einzusetzen und hilft aufgrund seiner Kopfballstärke häufig bei gegnerischen Freistößen im eigenen 16er aus. Seine Spielweise ist enorm kräftezehrend, wodurch Robs Effizienz im hohen Maße von seiner Physis abhängt.

Den vorherigen Satz kann man relativ leicht belegen, wenn man einfach mal einen Blick auf den Zeitraum nach seiner Fersenverletzung (im Jahr nach dem Wiederaufstieg) wirft: Unser damaliger Trainer sah sich bedingt durch fehlende Offensivalternativen gezwungen, Rob einzuwechseln, obwohl dieser noch nicht gänzlich bei 100% – wie man so schön sagt – angekommen war. Das Ergebnis war wohl eines seiner schlechtesten Spieler für Borussia Mönchengladbach.

Ist er jedoch fit, jagt er allen Lebewesen nach, die gerade in Ballbesitzt sind und nicht zu seiner Mannschaft gehören. Läuft das Spiel einmal an ihm vorbei, lässt er sich nach hinten fallen und wird somit als Schaltpunkt zwischen Mittelfeld und Sturm extrem wertvoll. Vergleichbar mit Toni Polster lässt er sich mit dem Rücken zum Gegner anspielen, drückt den Po raus und legt auf die hofftenlich nachrückenden Spieler ab.

Defizite:

Die besagte Kopfballstärke bringt jedoch auch ein Problem mit sich: Da Friend mühelos eine Etage höher springt als der durchschnittliche Bundesligaspieler, reicht es für seine Gegenspieler meist aus, einen Katzenbuckel zu formen und schon wird ein Offensivfoul gepfiffen. Dies verärgert ihn häufig derart, dass nicht selten freundliche Gesten gen Schiedsrichter entsandt werden – eine unnötige Art Karten zu sammeln. Auch wenn man ihn häufig als hüftsteif verunglimpft hat, so trifft dies nicht zu. Videobeweis:

YouTube Preview Image

Charakter:

Aber auch seine Mitspieler sind in der Lage, ihn zu verägern, sofern diese nicht ein vergleichbares Engagement an den Tag legen, wie er. Rob will immer Gewinnen und stellt sich gänzlich in den Dienst der Mannschaft. Lassen seine Nebenmänner einen Ballverlust zu leicht über sich ergehen, kann es schoneinmal sein, dass sie von Friend zurecht gewiesen werden. (Diese Wortgefechte werden von der Bild und anderen >>Fachzeitschriften<< nur zu gerne medienwirksam als Streit verkauft).

Bei Rob Friend kann man sich einer Sache ganz sicher sein: Er gibt stets Vollgas, sobald er einen Ball sieht. Für ihn spielt es keine Rolle, ob es ein Trainings-, Freundschafts- oder Bundesligaspiel ist. Wird er von seinem Umfeld respektiert respektive gebraucht, zahlt er es mit guten Leistugen mehrfach zurück – nicht umsonst hat er den Wechsel zur Hertha forciert. Er möchte spüren, dass er gebraucht wird, er will die Nummer eins im Sturm sein, die mit massenhaft Flanken gefüttert wird.

Fazit:

Summa summarum erhaltet Ihr mit Rob einen klasse Stürmer, der seine Fähigkeit, das Runde ins Eckige zu befördern, sowohl in der 1. Als auch in der 2. Bundesliga nachgewiesen hat. Bei Borussia Mönchengladbach benötigte er zunächst etwas Eingewöhnung bzw. das Glück eines abgefälschten Balles, ehe seine Leistungskurve explodierte.

Soweit die Einschätzung des Gladbachers Daniel.

July 20, 2010 - 06201477 date 20 07 2010 Copyright imago Bernd King Rob Friend Hertha at a Breast Stopper Hertha BSC Berlin Training Berlin 20 7 2010 men Football ger 1 BL 2010 2011 Berlin Training Single Vdig xsk 2010 horizontal premiumd.
Darüber hinaus hat Rob Friend in den ersten zwei Wochen nach dem Wechsel einen kleinen Interview-Marathon hingelegt. Er sprach mit der Bild, Fohlen-Hautnah, Bundesliga.de und natürlich mit hertha.de. Dazu kommen noch zwei kurze Ausschnitte von herthaTV:

YouTube Preview Image YouTube Preview Image

Taktik und Spielsystem

Mal davon abgesehen, dass Rob Friend wirklich ein Riese ist und die Verpflichtung von Körpergröße offensichtlich zur allgemeinen Transferstrategie von Babbel und Preetz gehört, muss man den Transfer von Rob Friend in einen taktischen Rahmen interpretieren und vor allem danach fragen, was für ein Spielstil unsere Hertha in der kommenden Saison zeigen wird.

Rob Friend verkörpert wohl exakt das, wofür das Wort Sturmtank erfunden wurde (warum man allerdings nicht bei „Carsten Jancker“ blieb, ist mir bis heute ein Rätsel). Um ein etwas moderneres Wort für Rob Friend zu nennen, könnte man ihn vielleicht auch als Wandspieler bezeichnen, Modell: Toni, Klose, Gomez, Hanke, Klimowicz, Kuranyi und eben Rob Friend.

Aber auch der Wandspieler ist eigentlich ein Modell, das im modernen Fußball ausgedient hat. Es geht mir dabei nicht um das Schema, das man auf eine Taktiktafel zeichnen könnte (Stichwort 4-2-3-1, das auch Babbel spielen lassen möchte). Man schaue sich mal bei der WM die Spanier, das deutsche Team, die Niederländer oder auch die Urugayer an, die dieses System äußerst erfolgreich gespielt haben. Wichtig ist dabei jedoch, dass es um die Positionsauffassung im taktischen System geht.

Bei der WM spielte eigentlich niemand mehr dauerhaft im Strafraum. Geschweige denn, dass es einen Sturmtank gegeben hätte. Moderner Fußball erfordert hohe Variabilität in der Positionsauffassung, variables Stellungsspiel und vielfache Sprints in den Strafraum (und aus dem Strafraum heraus). Klassische Sturmtanks oder Wandspieler braucht es dafür eigentlich nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob Rob Friend diese Flexibilität mit bringt. Wahrscheinlicher ist sogar, dass er diese auch nicht mit bringen soll.

Ich gehe davon aus, dass Babbel ein eher statisches 4-2-3-1 spielen lassen wird. Damit muss man sich in der zweiten Liga wohl zufrieden geben. Rob Friend wird hier den Fixpunkt im Angriff liefern. Deshalb ist seine Verpflichtung auch von zentraler Bedeutung im doppelten Wortsinn. Es müssen also Flanken am Fließband geschlagen werden. Nur von wem? Das ist nun die entscheidende Frage, die Marxelinho gerade erst gestellt hat. Nach der Verletzung von Ebert, dem ich auf diesem Wege gute Besserung wünschen möchte, ist die Frage nur noch größer und drängender geworden.

This entry was posted in Hertha BSC and tagged , , , , , . Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.
  • Wer hat das geschrieben?

    Mein Name ist Enno: im Jahre 1982 geborener Berliner, Exil-Herthaner in Bielefeld und Bremen. Seit 2006 schreibe ich im Internet über Hertha BSC. (→mehr)

    Ich würde mich freuen, deine Meinung zum Artikel zu erfahren. Schreib doch einen Kommentar und diskutiere mit!

    Und bleib auf dem Laufenden: Abonniere neue Beiträge des Hertha BSC Blogs (RSS-Feed / E-Mail)

7 Kommentare

  1. Oliver
    Am 23. Juli 2010 um 17:32 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich bin nachwievor dagegen, alles so sehr an Rob Friend festzumachen. Ich glaube, daß Babbel intelligent genug ist, sich bei jedem der Transfers etwas zu denken und sich seine eigene „moderne“ Hertha-Taktik zurechtgelegt hat. Wir wissen immer noch nicht, wer wirklich alles spielt, vielleicht bringt das Spiel morgen etwas Aufklärung. Außer Deutschland hat bei der WM keiner wirklich begeistert, so daß nicht immer in einer gerade modernen Taktik das Allheilmittel für jede Mannschaft liegt. Babbel weiß, daß er nicht genau wie Löw spielen lassen kann, und manches unmoderne Mittel ist auf einmal wieder ganz wirksam, wenn ein „Abwehrtank“ wie Puyol vor dem Tor auftaucht. Die deutsche Mannschaft konnte gegen Spanien genau das nicht, was sie gebraucht hätte, was einem Jogi Löw und auch einem Lucien Favre nicht mehr modern erscheint, und was Hertha auch in der letzten Saison gefehlt hat: Etwas erzwingen können, wenn es irgendwie nicht läuft.
    Die Deutschen hätten „körperlicher“ spielen müssen gegen Spanien und das hätten sie auch eleganter und weniger brutal gelöst als van Bommel und de Jong.
    Ich merke, daß es trotzdem Spaß macht, Deutschland und Hertha zu vergleichen und ich glaube daran, daß wir auch „schönes Spiel“ von unser Hertha zu sehen bekommen.

  2. Sebastian
    Am 23. Juli 2010 um 20:57 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Tolle Analyse! Jetzt weiß ich auch, warum ich diesem Transfer die ganze Zeit mit einem guten Bauchgefühl gegenüber stand :).

  3. Enno Enno
    Am 26. Juli 2010 um 07:35 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Der Boulevard hat jedenfalls schon mal den „Torlos-Friend“ erfunden und das Duell zwischen Lasogga, nur weil Friend in den Testspielen bisher nicht getroffen hat. Klar, das ist nur der Boulevard, aber lächerlich ist es trotzdem…

  4. Am 26. Juli 2010 um 12:56 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hallo Enno,

    ich bin auch gerade auf den Bericht der Bild gestoßen. Leider, leider erscheint es Rob bei Euch nicht anders zu ergehen als bei uns.

  5. Mueggi
    Am 27. Juli 2010 um 12:06 Uhr veröffentlicht | Permalink

    2 Dinge sollte man bei der Diskusion ums System nicht vergessen. Das System funktioniert nur mit einem präsenten Stürmer vorn in der Mitte. Das hat man bei Deutschland gesehen, in Ansätzen bei Argentinien und auch bei Spanien.

    Bei den letzteren sogar am besten. In den Spielen wo Torres mitgespielt hat, egal ob er selbst nun gut war oder nicht, hat ihr System viel besser funtioniert, weil die Außenstürmer so viel mehr von seiner Präsenz profitieren konnten. David Villa war demnach in meinen Augen virl stärker, als er die Räume, die Torres ihm verschafft hat durch schnelles hineinstoßen nutzen konnte. Als Villa als alleinige Spitze gespielt hat, hat er in meinen Augen deutlich mehr in der Luft gehangen.

    Auch wunderbar zu sehen, ein Thomas Müller hätte ohne ein Klose vorn drinnen nicht so brillieren können. Klose hat regelmässig 1-2 Spieler fest auf sich gebunden, nur so war es Müller möglich überhaupt so oft frei in die Räume stoßen zu können. In dem Spiel in dem Cacau dort spielte, war dies nicht so der Fall, ganz einfach aus dem Grund, dass Cacau eine andere Art von Stürmer ist. Der lässt sich selber viel Fallen und fehlt dann an ‚Gegenspielermagnet‘ in der Spitze, wodurch die Verteidigung dann viel mehr auf die Außen auch schauen können.

    Was heißt das jetzt für die Hertha? Ein Spieler die Friend vorne drinnen reißt automatisch Räume für die offensiven Außen. Man kann einen Friend vorn nicht allein lassen, das geht nicht, ergo stellst du immer einen Mann ran, egal ob im Raum oder in direkter Manndeckung. Das bedeutet dann, dass die restlichen 3 offensiven mehr Platz haben. Mit Ramos z.B. würde das nicht gehen, der ist, ähnlich wie oben bei Cacau schon beschrieben, eher ein spielender Stürmer, der aus der Tiefe kommt. Und genau von dieser Konstellation wird am Ende auch Friend profitieren. Einfach schon deswegen, weil er, wenn die Außen aufs Tor ziehen, ihn immer im Bereich zwischen 5 Meter-Raum und Elfmeterpunkt finden werden und wenn er dann frei steht, hat man ein perfektes Passziel.

    Der Einkauf eines solchen Spielers macht also durchaus sehr viel Sinn, ob es Friend am Ende ist, der auch sich selbst dafür einbringt ist abzuwarten, für das Sytem ist es auf jedenfall passend.

    • Enno Enno
      Am 27. Juli 2010 um 12:10 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Das Zusammenspiel ist ein wichtiges Argument. Gerade wenn Friend die Lücken aufreißt, die andere dann nutzen und er selbst dann vielleicht gar nicht so häufig zu Torabschluss kommt, muss man ihn vor den falschen Verurteilungen als „Chancentod“ oder ineffektiven Stürmer schützen.

  6. Mueggi
    Am 27. Juli 2010 um 23:19 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Nun gut, er scheint sich ja in den Testspielen bisher selbst vor dem Tor, sagen wir mal, noch nicht alzu geschickt angestellt zu haben. Aber gut, lieber in den Testspielen nciht treffen udn in der BL dann eine Bude nach der anderen machen. Aber ich bleibe eigentlich dabei, vom Typ her ist er schon richtig, was man auch in sofern in den Testspielen sieht, die Außenstürmer gehen ja ganz gut ab, vllt. schon ein Zeugnis davon, dass Friend mit seiner Präsenz in der Mitte Platz in den Außen schafft.

Ein Trackback

  • Von Marco Djuricin | Hertha BSC Blog am 21. August 2010 um 12:54 Uhr veröffentlicht

    […] Djuricin konnte aber auch deshalb glänzen, weil ein anderer ihm schon frühzeitig Platz machte. Rob Friend wollte es offensichtlich allen zeigen. Gleich in seiner ersten Offensivaktion setzte er übermütig […]