Grund zur Sorge?

Das Derbywochenende ist vorüber und alle sind irgendwie glücklich (Außer die Schalker, für die ich mir eine gewisse Häme nicht verkneifen kann. Meine Häme hat allerdings weniger mit Schalke an sich zu tun hat als mit der Genugtuung, dass das Schicksal immer wieder gnadenlos zuschlägt. Es wird spannend sein, ob es in Gelsenkirchen um den Abstiegskampf geht und falls ja, ob die Mannschaft früher auf diese Aufgabe umstellen kann als Hertha vergangenes Jahr konnte.). Sonst sind irgendwie alle glücklich.

Hertha hat trotz einer schlechten Vorstellung immerhin nicht verloren. So kann man es sehen. Ich konnte gar nicht sehen, weshalb ich das nicht beurteilen möchte. Das einzige, was ich vom Spiel mitbekommen habe, beschränkt sich auf die flüchtige Begegnung eines Unioners (mit Schal und Trikot) um elf Uhr Abends auf dem Hamburger Hauptbahnhof. Von ihm erfuhr ich das Ergebnis, das ich für zu wenig befand. Er stimmte zu. Ich war neutral angezogen und korrigierte: „Für Hertha!“ Der Unioner winkte nur noch ab. Weitere Zweitmeinungen gibt es hier, hier und hier.

Was mir aber ganz unabhängig von der Partie zu fragen gibt, ist die Situation um Raffael. Zu Beginn der Saison erkrankt und noch nicht bei hundert Prozent, hat er es bisher nicht geschafft, sich seinen Stammplatz in der Mannschaft zurück zu erobern. Selbst wenn Domo einen schlechten Tag hat, muss zuerst Raffael weichen. Das gibt zu denken:

Raffael ist eigentlich ein Typ, der anders zu motivieren ist, zumindest konnte das in der Abstiegssaison so erscheinen: Er lässt sich nicht unter Druck setzen, er lässt sich aber in die Verantwortung nehmen. Man muss ihn überzeugen, aber auch (positiv) privilegieren. Babbel aber privilegiert ihn negativ. Ich bin jedenfalls gespannt, ob der Coach und sein bester Spieler diese kleine Privatfehde, die es nun ja bald ist, wieder in den Griff kriegen. (Marxelinho)

Nach außen gibt sich Raffael (zumindest bis vergangene Woche) friedlich. Ob das so bleibt, müssen wir abwarten. Ich kann es mir allerdings kaum vorstellen, dass Raffael in dieser Situation noch lange die Füße still halten wird. Die Frage ist dann, wie Babbel damit umgehen wird. Mein Vertrauen in seine Moderationsfähigkeiten sind bislang sehr gering. Offenkundig weiß Babbel, welche markigen Worte er gegenüber dem Berliner Boulevard (und auch den anderen Zeitungen) wählen muss, um knackige Schlagzeilen zu produzieren.

Ich habe dabei allerdings nicht den Eindruck, dass Babbel selbst Herr der Inszenierung ist. denn genauso gut wäre denkbar, dass er das erzählt, was gehört werden möchte. In diesem Zusammenhang rege ich mich noch heute über die populistische Bloßstellung der Mannschaft zu Saisonbeginn auf, als Babbel öffentlich über die Laktatwerte meckerte. Der Eindruck des opportunistischen Populismus verstärkt sich in meiner Wahrnehmung, wenn Babbel nun zurück rudert, und die von seinem Kapitän (wohl nicht ohne Absprache) in die Welt gesetzte Selbstbeschreibung der Hertha als „FC Bayern der zweiten Liga“ nicht mehr hören kann.

Dieses Hin-und-Her ist nicht nur unsouverän, sondern weckt den Eindruck eines strategielosen Opportunismus. Um auf Raffael zurück zu kommen, sehe ich hier eine gefährliche Verbindung von Teambuilding und Öffentlichkeitsarbeit. Ich habe die öffentliche Kritik an den Laktat-Werten und die folgenden Äußerungen so verstanden, dass hier die Privilegien der Stars beschnitten werden sollten. Um die Fans hinter das Team zu bringen, wurde die Aktion medienwirksam ausgeschlachtet.

Wenn man aber befürchten muss, dass Babbel nicht (mehr) der Herr des Geschehens ist, darf man fragen, ob er im Falle Raffaels ausschließlich nach sportlichen Kriterien entscheidet oder ob er stattdessen in einer Spirale der medialen Selbstinszenierung steckt, die es ihm quasi verbietet, einen angemessenen Umgang mit seinem besten Spieler im Team zu finden. Sollte letzteres tatsächlich der Fall sein, sollte man sich Sorgen machen, wenn nicht bald Michael Preetz auf die Bühne tritt. Es wäre letztlich die Aufgabe des Managers, hier für Ordnung zu sorgen.

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  • Wer hat das geschrieben?

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9 Kommentare

  1. Chuk
    Am 20. September 2010 um 12:56 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Mmmhhh, … kann deine Gedanken nachvollziehen, finde aber dennoch, dass du alles sehr negativ betrachtest. Sicher hat Babbel im Spiel gegen Union und auch sonst nicht alles richtig gemacht (nobody is perfect), aber nur das Negative in den Vordergrund zu stellen finde ich nicht gerechtfertigt.
    Raffa raus und nicht Domo ist sicher streitbar, aber unser Brasilianer ist nicht so der Kämpfer und spielerisch war in der AF nicht viel zu machen.
    Was ich Babbel zu Gute halte, ist der Einsatz von jungen Spielern – es scheint wirklich so, als ob jeder bei ihm eine realistische Chance bekommen würde (ganz im Gegensatz zur letzten Saison unter FF).
    Ich fande auch, dass das Unentschieden gegen Union zu wenig war, aber Hertha war auch ziemlich schlecht, deshalb geht das schon in Ordnung.
    So ist der Fußball halt. Und wenn jetzt gegen den KSC und eventuell gegen die erstarkten Cottbusser gewonnen wird, dann sind wir wieder im Soll. Und das letzte Wochenende hat auch gezeigt, dass die anderen auch straucheln (Bsp. Duisburg). Also den Kopf nicht in den Sand stecken. Die Saison ist noch lang!

  2. Am 20. September 2010 um 13:19 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Was mich beunruhigt, ist, dass die Mannschaft anscheinend wieder den Minimalismusfußball spielt, den man aus Favres Zeiten kennt.
    Soweit ist die Mannschaft aber besonders in der Abwehr noch nicht und die 2. Liga hat nen ganz anderes Kaliber als das Oberhaus. Hier zählt vor allem der Kampf und nicht nur nach einen oder zwei Toren sich hinten reinzustellen und den Gegner kommen zu lassen.
    Außerdem ist die Mannschaft auch nicht in der Lage, sich 90 Minuten lang zu konzentrieren (sah man gegen Bielefeld). Wenn es gegen die besseren Team in Liga 2 rangeht, kann da ganz fatal werden…

  3. Konstantin
    Am 20. September 2010 um 13:25 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich mache mir ehrlich gesagt ein paar mehr Sorgen um das Gefüge innerhalb der Mannschaft. Nach dem Tor Peter Niemeyers ließ der den auf sich zukommenden jubelnden Ramos eiskalt abblitzen, fast so als wollte er sagen „Von Dir will ich gar keine Anerkennung haben“. Außerdem war beim Spiel gegen Union wieder die alte Hertha-Mentalität „Wir sind die geilsten und führen schon wieder nach nur 2 Minuten und brauchen uns deshalb jetzt nicht mehr anstrengen“ gut zu beobachten. Ich hoffe, dass das nicht wieder in Muster der letzten Saison abdriftet!!
    Insofern ist es vielleicht gar nicht schlecht, wenn der Einheizer Babbel weiterhin seinen Dienst verrichtet und niemandem eine Stammplatzgarantie einräumt. Auch ein Michael Ballack muss sich seinen Platz zurück erkämpfen, wenn er wieder Kapitän der Nationalmannschaft sein will…

    • Joel
      Am 20. September 2010 um 16:33 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Nach dem Tor Peter Niemeyers ließ der den auf sich zukommenden jubelnden Ramos eiskalt abblitzen, fast so als wollte er sagen “Von Dir will ich gar keine Anerkennung haben”.

      Ich habe mir nochmal eine Wiederholung des Jubels von Niemeyer angeguckt, da konnte ich nur feststellen das Ramos hinter ihm her jubelte (also nicht auf ihn zu rannte). Aber ich würde da auch nicht zu viel hineininterpretieren.
      Wichtig ist das Raffa und Ramos + ein paar andere Spieler die Passwege kennen und nutzen, so dass wir wieder mehr und eindrucksvoller Situationen bis zum Ende spielen können.
      Bin noch etwas irritiert über die Aussage von Babble das man Zeit bräuchte, die Mechanismen noch nicht voll da sind und der Abstieg noch in der Mannschaft stecke. Also zum einen ist der Kader frühzeitig zusammengestellt worden, da sollte schon vieles greifen (der bisherige Erfolg scheint ihn ja eigentlich zu bestätigen, ja ja ist nicht alles Gold was glänzt). Aber der Abstieg stecke noch in der Mannschaft? Bei wem ernsthaft? Aerts, Mijatovic, Lell, Niemeyer und Friend sind doch erst jetzt dabei. Und Kobi sowie Hubnik waren doch nur halbjährig (Hubi sogar weniger wegen seines Knies) im Abstiegskampf. Wer hat das noch im Kopf? Raffa und Ramos?
      Hoffe einfach mal das die Jungs aus dem Spiel gegen Union gelernt haben weiter druckvoll zu spielen, den Gegner früher stellen. Es gab ein paar Situtation im Spiel gegen Union, da hätte es locker für Hertha klingeln können und am Ende hätte man sagen können, na was hat doch gelangt…
      Bin mir aber ziemlich sicher das Babble die richtigen Worte in der Kabine und auf dem Trainingsplatz findet. Und hoffe auch auf das Glück was man dafür braucht….

      Ha Ho He wir schlagen den KSC …

      P.S. Endlich mal Fan-Freundschaft die ins Stadion kommt, aber die Punkte bleiben hier!!! (Bei Punkte hört die Freundschaft auf;-)

  4. Daniel
    Am 20. September 2010 um 13:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Tja, ich war auch enttäuscht am Freitag. Hab das Spiel allerdings auch nicht gesehen, sondern mich mit der LigaTotal-Zusammenfassung getröstet. Meiner Ansicht nach hätte Aerts – bzw. ein Zweitliga-Torwart – den Schuss halten müssen. Aber schießen lassen muss man den Kolk beim Gegentor natürlich nicht.

    Ich finde es immer schwierig, Trainer-Reaktionen zu bewerten, weil man nicht weiß, wie kommunikativ Babbel in Richtung Mannschaft ist. Die Reaktionen der Spieler zeigen aber zumindest, dass sie verstanden haben, worum es ging. Was man aber extrem gemerkt hat, ist, dass die Spieler die Einstellung von Kapitän Mijatovic zu sehr angenommen haben (in etwa: „Wir wissen, dass es für die Fans ein wichtiges Spiel ist, für uns ist es aber nur ein weiteres um 3 Punkte.“). Hertha hat sich offenbar nicht gewehrt, sondern so ein bisschen belustigt über den Dingen gestanden. Nach dem Motto: Guck mal, wie die sich abrackern müssen, um uns hier in Bedrängnis zu bringen. Das frühe 1:0 war in dem Zusammenhang das schlechteste was passieren konnte. Es unterstützte wieder diese Haltung: Wir brauchen eigentlich gar nichts machen, das läuft hier von alleine.

    Was die Auswechslung von Raffael angeht…ich weiß auch nicht genau, was Babbel mit ihm vorhat. Zuckerbrot und Peitsche haben Brasilianer noch nie gerne gemocht. Die muss man streicheln. Und auch wenn Raffa bisher immer den Mund gehalten hat, dürfte jedem klar sein, dass es in ihm brodelt. Leider fürchte ich, dass er eine bockige Haltung annehmen wird, hoffe aber natürlich, dass er vernünftig weiter arbeitet und seine Chance beim nächsten Mal nutzt.

  5. Am 20. September 2010 um 13:53 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Meiner Ansicht nach hätte Aerts – bzw. ein Zweitliga-Torwart – den Schuss halten müssen.

    Habe ich auch zuerst gedacht. In einer der Wiederholungen konnte man aber sehen, dass er kurz vorher einen Schritt in die andere Richtung gemacht hat, er also buchstäblich auf dem falschen Fuß erwischt wurde. Wenn einer so frei zum Schuss kommt und sich die Ecke aussuchen kann, braucht der Torwart auch Glück.

  6. Daniel
    Am 20. September 2010 um 14:16 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich weiß, den Schritt hab ich gesehen. Aber er hatte genug Zeit sich auf den Schuss vorzubereiten und ihn in der sogenannten „offenen Stellung“ zu erwarten. Vielleicht ist er auch weggerutscht, Fakt ist aber: Er ist im Grunde genommen nur nach rechts umgefallen, ohne dadurch Zentimeter in Richtung Ball zu gewinnen.

    • herthawolf
      Am 20. September 2010 um 21:40 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Jetzt hört doch mal uff, über den Aerts zu meckern! Der Ausgleich war mehr als verdient, und außerdem hat Lell Mosquera umgesäbelt in der 1. Halbzeit – auch der „kicker“ sagt, der Schiri hätte Elfer geben müssen. Wird Zeit, dass morgen wird – wenn jetzt vor jedem Spiel so eine hysterische Diskussion losgetreten und jeder Spieler durchgehechelt wird – och, nö…

  7. XXX
    Am 20. September 2010 um 14:33 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Grund zur Sorge?
    Nee.

3 Trackbacks

  • Von Friede, Freude, Spitzenreiter! | Hertha BSC Blog am 22. September 2010 um 09:50 Uhr veröffentlicht

    […] sexy macht. Und Erfolg macht gute Laune. Denn spätestens seit gestern ist eine vermeintliche Privat-Fehde zwischen Raffael und Babbel definitv als Unsinn abzutun. Nach dem Blitztor von Ramos nach nur 16 Sekunden trafen Rukavytsya […]

  • Von Funkel in die Wüste schicken – Aber wie, Herr Babbel? | Hertha BSC Blog am 13. November 2010 um 12:51 Uhr veröffentlicht

    […] wenn ich meine Zweifel daran äußere, dass Babbel als Trainer hierfür die Kompetenzen besitzt. Seine Öffentlichkeitsarbeit halte ich für bedenklich. Dies zeigte auch seine seltsame Schiri-Schelte. Und ich stimme Marxelinhos Schlussfolgerung zu, […]

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