Heimserie (von zwei Spielen) gerissen

Als im Berliner Olympiastadion zum letzten Mal die Gäste jubelten, standen in Herthas Startaufstellung noch Spieler wie Christian Lell, Andreas Ottl oder Tunay Torun. Während Hertha durch das 1:2 gegen den 1. FC Kaiserslautern keinen Zweifel daran ließ, dem trotz des Sieges abgestiegenen FCK in Bälde in Richtung Zweite Liga zu folgen, schien der 1. FC Köln einen wichtigen Schritt in die andere Richtung gemacht zu haben. 1:1 gegen Stuttgart, zwei Punkte Vorsprung auf den Abstiegsplatz – beim FC machte sich Trainer Frank Schaefer ernsthafte Hoffnungen auf den Relegationsplatz. Ja, dieser 21. April 2012 ist lange her.

Reine Statistik

491 Tage später gelingt es wieder einem Auswärtsteam alle drei Punkte aus der Hauptstadt zu entführen. Das klingt opulent, nach gigantischer Serie, nach unglaublicher Heimstärke. Und doch lagen eigentlich nur zwei Erstliga-Spiele dazwischen. Das gegen Frankfurt und das gegen den HSV. Die Relegation als Zwischenwettbewerb nicht mitgezählt. Zweite Liga? Wer will sich damit noch beschäftigen?

Trotzdem hätte Hertha es nach dieser Leistung verdient gehabt, die 500 voll zu machen. Was hätte die Marketing-Abteilung da für T-Shirts drucken können? Stattdessen wird sich Hertha in dieser Woche verschärft dem Torabschluss widmen müssen. Denn trotz aller Überlegenheit, trotz der reifen Spielanlage, trotz aller Chancen – das 0:1 gegen Stuttgart ließ – zumindest bei mir als apokalyptisch veranlagtem Fan – Erinnerungen wachwerden. Im ersten Abstiegsjahr unter Friedhelm Funkel war Hertha in der Rückrunde sehr oft die bessere Mannschaft gewesen und verlor die Spiele trotzdem – weil leere Tore nicht getroffen, Torhüter angeschossen oder Eins-gegen-Eins-Situationen kläglich vergeben wurden.

Luhu knows

Natürlich ist die Situation überhaupt nicht vergleichbar. Nach zwei Niederlagen, die beide irgendwie auf unglückliche Art und Weise verloren gingen, gibt es keinen Grund, irgendetwas zu hinterfragen. „Luhu knows“, das wird in dieser Saison so lange gelten, bis das letzte Spiel gespielt ist. Aber es fiel schon auf, dass Hertha gestern ein echter Strafraumstürmer gut getan hätte. Einer, der das Ding mit dem Genital über die Linie drückt, wenn es sein muss. Oder der den gegnerischen Keeper mit ins Tor hämmert. Der. Das. Teil. Einfach. Reinwichst!

Überrascht war sicherlich nicht nur ich über die Startaufstellung. Ronnys Nominierung war ja trotz einiger Zweifel noch zu erwartet gewesen, aber dass Luhukay direkt seine zwei Neuzugänge in die Startelf schmeißt, hätte ich nicht gedacht. Per Skjelbred hat seine Chance genutzt, der Norweger spielte, als hätte er nie auf der Bank gesessen, ballsicher, mit Ideen, technisch stark. Tolga Cigerci hat mir dagegen nicht gefallen, zu viele Bälle sind ihm versprungen, von der versprochenen Ballsicherheit war wenig zu erkennen, er braucht noch Zeit. Und Ronny?

Ronny kommt – im Winter

Ich liebe diesen Fußballer, aber Ronny muss sich an diese Bundesliga erst noch gewöhnen. In der Zweiten Liga hätte es mit Sicherheit noch diesen einen Freistoß gegeben, den der Brasilianer dann zum 1:1 genutzt hätte. Aber: das ist eben der Unterschied. So blöd sind die Gegner nicht mehr. Die wichtigere Lektion für Ronny: Dass man den Ball in der Bundesliga lieber einmal früher abspielt, als sich zum fünfzehnten Mal damit in ein Laufduell zu begeben. Weil die Erstliga-Gegenspieler sich nicht abschütteln lassen. Sie sind wie lästige Fliegen, sie hören nicht irgendwann auf, ihn zu bearbeiten (wie es in der zweiten Liga und gegen Frankfurt der Fall war). Aber Luhukay bekommt das mit Ronny hin. Meine Prognose: Nach der Winterpause wird seine Leistung explodieren.

In den kommenden vier Spielen täte die Mannschaft nun – ob mit oder ohne Ronny – gut daran, sich ein kleines Polster anzufressen, bevor Ende Oktober die harte Phase mit Spielen in München, gegen Schalke, in Hoffenheim und gegen Leverkusen ansteht. Eine Bestätigung der bundesligareifen Leistung gegen Stuttgart (das allein vom Spielermaterial unter die ersten 7 gehört und dort unter dem neuen Trainer auch einlaufen wird) könnte gegen Freiburg, Mainz, Hannover und vielleicht auch Mönchengladbach reichen.

Aber nur, wenn Hertha nicht wieder vergisst, das Tor zu treffen.

This entry was posted in Hertha BSC and tagged , , , , , , . Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.
  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

    Ich würde mich freuen, deine Meinung zum Artikel zu erfahren. Schreib doch einen Kommentar und diskutiere mit!

    Und bleib auf dem Laufenden: Abonniere neue Beiträge des Hertha BSC Blogs (RSS-Feed / E-Mail)

3 Kommentare

  1. boRp
    Am 14. September 2013 um 10:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich hoffe ja noch drauf, dass wir wieder ab Oktober eine Mannschaft haben werden, die sehr schwer zu schlagen ist. Luhukay-Teams waren noch nie Frühstarter (MGB entlassen, FCA in der Rückrunde die Punkte geholt)…

    Wenn am Ende weiterhin soviele Siege wie Niederlagen stehen, ist Hertha weiter erstklassig (einer für die Mathematiker…), und da sehe ich optimistisch in die Zukunft. Stuttgart wollte gestern – so hatte es für mich den Anschein – mauern. Und trotzdem hat unser Team 19mal aufs Tor geschossen.

    Es ist zum Glück noch keine Rückrunde, da muss Scheiße auch mal passieren dürfen. Wie sich Hertha immer wieder ins finale Drittel gespielt hat, war gut. Seitenwechsel und Augen für den Pass nach außen werden jetzt halt Trainingsinhalt…

  2. Andreas
    Am 15. September 2013 um 20:06 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Im ersten Abstiegsjahr unter Friedhelm Funkel war Hertha in der Rückrunde sehr oft die bessere Mannschaft gewesen und verlor die Spiele trotzdem…

    Na da war ich wohl nicht der einzige Hertha-Fan der beim Stuttgart-Spiel ein déja-vu hatte. Ich erinnnere mich insbesondere noch an den Spruch von Jupp Heynckes (damals bei Aspirin Leverkusen) der sinngemäß sagte, das er noch nie so einen spielstarken Absteiger gesehen hatte…

  3. Am 18. September 2013 um 00:03 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Muss ich jetzt befürchten, dass du nicht mehr bis drei zählen kannst? Es gab da noch den 5.5. wo man so kurz nach 5 gedacht hatte, dass alles gerade gerückt werden würde. Ich hatte Otto R. damals für einen echten Genießer gehalten, der die 500 000 auf den allerletzten Drücker machen wollte – dann stellte sich aber sehr schmerzlich raus, dass er doch nur Rentner war.