Hertha Harakiri

Otto Rehhagel und sein Trainerteam wollten etwas riskieren. Zwei Stürmer standen bei Anpfiff des Spiels gegen den 1. FC Kaiserslautern auf dem Platz. Plus Raffael, der auf der Sechserposition auflief. Das Ziel war vor dem Spiel klar: Ein Sieg musste her, um noch mehr Druck auf den 1. FC Köln zu machen oder sogar vorbeizuziehen. Wie gesagt, zwei Stürmer.

Doch irgendwie schien jemand vergessen zu haben, den beiden äußeren Mittelfeldspielern zu erklären, dass eine Systemumstellung vorgesehen war. Nikita Rukavytsya und Tunay Torun spielten so, als wäre immer noch 4-2-3-1 angesagt, also als wären sie Außenstürmer. Das Resultat: Vier Stürmer auf dem Platz. Plus Raffael. Und bei Ballverlusten in der Offensive eine Harakiri-Situation in der Defensive.

Schon vor dem 1:0 hatte der 1. FC Kaiserslautern mehrere Überzahlsituationen in der Hertha-Hälfte, nutzte sie aber so, wie in den 31 Spielen zuvor: gar nicht. Ohne es zu wollen, wogen die roten Teufel die Herthaner dadurch in einer trügerischen Sicherheit. Bis dann schließlich das erste und zweite Tor fiel.

Dabei war es ja nicht so, dass Hertha keine Möglichkeiten gehabt hätte, um in Führung zu gehen. Drei oder viermal kamen die Blau-Weißen über die Außenbahn – mit Vorliebe über die rechte. Aber weder Christian Lell, noch Tunay Torun und auch nicht Nikita Rukavytsya brachten eine verwertbare Hereingabe zustande.

Deshalb waren die Auswechslungen zur zweiten Halbzeit auch völlig berechtigt. Rehhagel stellte um auf das altbekannte System, es gab ein paar Wechsel, die ich jetzt schon wieder vergessen habe, weil sie überhaupt nichts gebracht haben und dann fiel sogar noch ein Tor. Allerdings nicht, wie es verdient gewesen wäre, für Kaiserslautern, sondern für Hertha. Ein letztes Lebenszeichen sozusagen, Niemeyer nach einer Ecke.

Der Rest war ein lustiges Spielchen zwischen den konternden Teufeln und Thomas Kraft, das der Hertha-Keeper mit viel Können und ein bisschen mehr Glück für sich entschied. Außerdem die Erkenntnis, dass diese Mannschaft nicht in der Lage ist, selbst Druck auszuüben, ohne, dass alle Defensivaufgaben vergessen werden.

Das ist dann vielleicht sogar die beste Nachricht des Tages (ja, ich habe tatsächlich noch eine gefunden), dass Hertha in den letzten beiden Spielen vermutlich nicht mehr das Spiel machen werden muss. Auf Schalke wird es qualitativ nicht reichen, schon gar nicht, nachdem nun auch noch Peter Niemeyer ausfällt – dank der gelb-roten Karte des wie immer hochgeradig empfindlichen Imperators (Bilanz: drei gelbe Karten, zwei davon wegen Pikiertheit, nachdem sich Hertha-Spieler über Entscheidungen echauffiert hatten). Am letzten Spieltag kommt dann mit Hoffenheim eine individuell starke Mannschaft, die aus Spaß an der Freude nach vorne spielen wird.

Hoffnung auf den Klassenerhalt – es ist die gleiche Leier seit Wochen – hat man als Fan natürlich trotz allem noch. Weil es da ja diese Ausreißer nach oben gab. In Mainz und in Leverkusen. Und weil Köln den Kahn, auf dem Hertha momentan unterwegs ist, einfach nicht weiter wegstoßen will vom rettenden Ufer. Vielleicht ist es nächste Woche ja endlich soweit. Denn egal wie es kommt bin ich mittlerweile einfach nur froh, wenn diese schreckliche Saison endlich vorbei ist.

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    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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9 Kommentare

  1. tztz
    Am 21. April 2012 um 22:13 Uhr veröffentlicht | Permalink

    was nützt jetzt so ne spielanalyse noch? :( war alles grotte und besser wirds wohl nicht mehr… vielliecht irgendwann einmal…

    • Daniel
      Am 21. April 2012 um 22:23 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Tja, was nützt es? Ich nenne es Trauma-Verarbeitung.

  2. dns
    Am 22. April 2012 um 10:35 Uhr veröffentlicht | Permalink

    nun, sie nützt denen, die das spiel nicht verfolgen konnten, einen Eindruck vom Spiel zu bekommen.

  3. Anonymous
    Am 22. April 2012 um 10:46 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Nach dem Anschlusstreffer hatte man ja schnell wieder das Spiel in Leverkusen auf dem Schirm. Aber es gab diesmal kein wirkliches Signal vom Platz, nur ein kleines Feuerchen kurz nach dem Treffer. Thomas Kraft war allein mit seiner (kämpferischen) Einstellung. Es kam nicht eine vernünftige Flanke und selbst wenn man sich dann mal in den Strafraum gespielt hatte, kam ja auch nix. Da muss man ehrlich sein, sich einfach eingestehen das es mit der Mannschaft in Saisonhälfte Zwei halt nicht für die 1.Bundesliga reicht. Gerade gegen die direkte Konkurenz (Köln, Augsburg, Freiburg, K’lautern) erreichte die Truppe nie das Niveau um wirklich zu punkten. Man muss sich wohl daran gewöhnen das unsere Hertha zu einer „Fahrstuhlmannschaft“ verkommen ist.
    Die Frage ist, was in der Winterpause passiert sein muss, um eine intakte Truppe – die einem wirklich Spaß bereitet hat- in dieses Tal zu steuern.
    Trotzdem: WIR stehen wieder auf!!!!!

  4. Am 22. April 2012 um 10:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Da sitzt die geballte Fußballkompetenz auf der Hertha-Bank, die sich vom Boulevard die Aufstellung diktieren lässt, wo doch alle taktischen Umstellungen in der Saison gezeicht haben, dass Hertha – wenn überhaupt – nur ein 4-2-3-1 spielen kann.
    Ich vermute, diese Saison wird geschichtsträchtig werden, weil es noch nie so wenig Punkte brauchen wird, um die Klasse zu halten, respektive die Relegation zu erreichen. Umso bitterer, dass Hertha dennoch direkt absteigen wird…

    • Oliver
      Am 24. April 2012 um 16:36 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Vor allem auch, wenn man sieht, daß Gladbach am Ende für den vierten Champions-League-Platz wahrscheinlich 56 Punkte reichen würden und für wie wenig der siebente Platz weggehen wird. Bei all den Mannschaften, die da um die Euro-League-Plätze rumgemurkst haben, hätte Hertha mit dabei sein können, wäre das mit Babbel nicht passiert und mit einer durchaus möglichen Hinrundenpunktzahl von 26 Punkten. In der Rückrunde nicht ganz so viel und fertig wäre der Euro-League -Platz gewesen. Dazu wäre die Mannschaft fähig gewesen, auch wenn sie unter Babbel ziemlich unansehlichen Fußball gespielt hat, zum Abstiegskampf war sie es anscheinend nicht.

  5. Am 23. April 2012 um 17:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Auch wenn ich mit der Diagnose allein da stehe: Ich sehe nur Verunsicherung. Es ist nicht der Einsatz, der fehlt. Und vielleicht noch nicht mal die Qualität. Das Problem heißt „Planlosigkeit“.

    Dazu beigetragen haben nicht zuletzt die Trainerwechsel. Mir sind die detaillierteren Umstände der Skibbe-Entlassung nicht bekannt, aber wenn mitten in der zweiten Halbserie neue Trainer kommen und alles anders machen wollen, muss dieses „anders“ schon unmittelbar messbare Ergebnisse auf dem Trainingsplatz und dann im Spiel bringen. Instruktiv fand ich das Interview mit einem Spieler des SC Freiburg. Der sagte sinngemäß, dass mit der Vorbereitung in der Winterpause alles immer besser funktioniert hätte, zuerst im Training, dann in den Matches. Es braucht eine „Idee vom Spiel“™ damit überhaupt etwas geht.

    Bei der Hertha fehlt diese Idee ganz offensichtlich. Stattdessen wird bei vollem Bewusstsein operiert, und das bekommt dem Patienten offensichtlich nicht. Die Spieler haben kein Selbstvertrauen, weil sie nichts eingeübt haben, von dem sie wissen, dass es funktioniert. Das wird insbesondere dann sichtbar, wenn es um etwas geht und der Druck hoch ist. Erwartet man nichts von ihnen, wirken sie fast befreit (siehe Mainz, siehe Leverkusen nach 0:2 und Platzverweis).

    Egal, ob Abstieg oder Klassenerhalt: Die Hertha muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Und ich behaupte weiterhin, dass das bei Klassenerhalt so unwahrscheinlich ist, dass der Abstieg trotzdem erfolgen wird. Dann eben nächstes Jahr, mit einer weiteren Leidenszeit für uns dazwischen.

  6. Josh
    Am 24. April 2012 um 09:49 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Vom 13.April:

    „Wahrscheinlich werden wir in Lev groß aufspielen und es kommt zu einem 2:2. Dann folgt die herthatypische Heimniederlage gegen den Absteiger, durch einen abgefälschten Schuss, danach eine Niederlage gegen Schlacke und zu guter Letzt muss man nur noch gegen TSG Hopp gewinnen oder Unentschieden für die Relegation aber Hertha verliert durch ein Eigentor in der vorletzten Minute und steigt ab, während Babbel sich einen ablacht.“

  7. Peter
    Am 26. April 2012 um 10:43 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Verarbeitung? Mir läuft noch immer ein Schauer über den Rücken wenn ich daran denke das ich im Stadion war und mir das ganze live angeguckt habe!!!!