Konterfußball geht auch im Olympiastadion

Ein Satz ist dann doch noch hängen geblieben vom Wochenende. Kurios, dass er vor dem Spiel gefallen ist. Da sprach Markus Babbel also auf der Pressekonferenz vor dem Duell mit den Augsburgern davon, dass man zu Hause nicht so defensiv spielen könne, wie gegen Dortmund: „Sonst ist das Stadion zur Halbzeit nur noch halbvoll.“

Das ist eine interessante These, die sich in etwa so anhört, wie die Rechtfertigungsversuche von Zeitungsmenschen, die unbedingt an einem Layout festhalten wollen, „weil das der Leser so will.“ Ohne ihn gefragt zu haben natürlich. Da lassen sich viele gerne von einem Gefühl leiten, weil das ja auch einfacher ist, als es entweder einfach zu wagen oder vorher (teure) Marktforschung anzustellen.

Es ist jedenfalls eine interessante Frage, ob die Hertha-Fans nicht lieber einen 1:0-Erfolg feiern, der durch einen Konter zustande gekommen ist, als ein 2:2, das im Nachhinein wieder die Frage aufwirft, ob Hertha das überhaupt kann: „Das Spiel machen.“ Bisher hatte man das Gefühl, Markus Babbel sei ein Trainer, der opportunistisch handelt, also jede Chance in dieser Saison 1 nach dem Wiederaufstieg nutzt, um Punkte zu holen. Doch das Spiel gegen Augsburg hat offen gelegt, dass er immer noch nicht so recht zu wissen scheint, wo es hingeht.

Ich denke man darf die Frage stellen, ob es vor dem Spiel so klug war, die Favoritenrolle derart offensiv anzunehmen. Wäre es nicht cleverer gewesen – vor allem bei dem von Babbel vermuteten sehr anspruchsvollen Publikum – auf Understatement zu machen? Den Gegner wirklich stark zu reden und nicht erst im zweiten Atemzug davon zu sprechen, dass Augsburg durchaus gefährlich ist? Vor allem für eine Mannschaft wie Hertha, die kreativ nicht gerade als Vorbild für den FC Barcelona taugt? Stattdessen schraubt man die Ansprüche an sich selbst hoch, macht sich unnötigerweise selbst zum Favoriten und legt die Verantwortung für ein gutes Fußballspiel auf die eigenen Schultern. Nur um sich danach – erneut – eingestehen zu müssen, dass man das eben noch nicht kann.

Die Vorbereitung auf das Spiel gegen Augsburg, den netten kleinen Aufsteiger mit lächerlichen 15 Millionen Euro Personaletat, war ein Rückfall in vergessen geglaubte Zeiten. Damals, als Hertha noch eine große Nummer war, die den Anspruch hegte mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor usw. Doch aktuell ist Hertha eben auch nur ein Aufsteiger, der es selbst gegen Mannschaften schwer hat, deren teuerster Neuzugang aus der finnischen Veikkausliiga kommt. Und vielleicht tut die Mannschaft auch gut daran, sich nicht als Team zu präsentieren, das ja eigentlich zu Höherem berufen ist. Denn – und das ist offensichtlich – das ist schlichtweg nicht der Fall.

Auch Raffael sagen ja einige nach, er sei zu Höherem berufen. Und die Anlagen dafür, wie oft haben wir sie schon beschworen, sind ohne Frage vorhanden. Aber auch ein Spieler wie Raffael sollte sich überlegen, ob er sich nach dem Spiel beschwert, dass er sieben Mal gefoult wurde – oder ob er daraus lernt und den Ball öfter abspielt, um den Gegenspielern gar nicht die Chance zu geben, in den Zweikampf zu kommen. Aber wenn wir von Fußball reden, müssen wir auch immer von Lösungen reden für Probleme die dabei auftreten. Und wenn es Raffaels einzige Lösung ist, mit dem Ball loszurennen und darauf zu hoffen, dass die Abwehrspieler einfach aus dem Weg gehen, dann sollte er es vielleicht nochmal in der Schweizer Liga versuchen, in der er vor seinem Transfer nach Berlin auf sich aufmerksam gemacht hat.

Fakt ist aber natürlich auch: Raffael muss diese Wege gehen, weil ihm die Anspielstationen fehlten. Erst als Ronny zehn Minuten vor Schluss ins Spiel kam, doppelpassten sich die Brüder durch das Mittelfeld bis die Augsburger auch hier das Foul zogen. Man hat teilweise das Gefühl, dass Raffael es seinen Mitspielern nicht zutraut, einen Doppelpass zu spielen oder ihm den Ball wiederzugeben. Also behält er ihn lieber selbst. Das tat übrigens auch Pierre-Michel Lasogga viel zu häufig. Seine Stärke ist es nicht, mit Tempo oder hakenschlagend auf einen Abwehrspieler zuzugehen. Folgerichtig verlor er ein ums andere Mal den Ball und hinterließ einen schmollenden Brasilianer.

Die zugegeben rhetorische Frage, die sich bei all diesen Punkten stellt, ist die, ob Hertha denn überhaupt so viel offensiver als gegen Dortmund gespielt hat. Oder ob die Ausrichtung mit den beiden sehr defensiv spielenden Sechsern und der einen Spitze nicht genauso vorsichtig war, wie gegen Dortmund. Die Tatsache, dass Hertha gegen Augsburg mehr Ballbesitz hatte, lag ja nicht daran, dass es sich um ein Heimspiel handelte, sondern daran, dass Augsburg nicht so dominant agierte, wie der BVB. Nur wusste niemand so recht etwas mit dem Ball anzufangen. Und natürlich gab es auch gegen Augsburg Situationen, in denen durch schnelles Umschalten eine Kontersituation hätte entstehen können. Allerdings wurde nicht schnell umgeschaltet.

Womit wir wieder bei Markus Babbel wären, der nach dem Spiel gesagt hat, dass es halt nicht reicht, „wenn wir nicht am Anschlag spielen.“ Nun, warum hat sie nicht am Anschlag gespielt? Ich vermute, dass es der gleiche Grund war, warum Dortmund in der Vorwoche nicht am Anschlag gespielt hatte.

Weil die Mannschaft dachte, es geht auch so.

Dieser Irrglaube ist gefährlich und hat natürlich etwas damit zu tun, dass man sich vorher hochnäsig die Favoritenrolle geschnappt hat. Gut, dass das in dieser Saison nicht mehr allzu häufig vorkommen wird.

Was mich jedenfalls angeht, Herr Babbel, dürfen Sie in Zukunft auch zu Hause auf Konter spielen.

This entry was posted in Hertha BSC. Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.
  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

    Ich würde mich freuen, deine Meinung zum Artikel zu erfahren. Schreib doch einen Kommentar und diskutiere mit!

    Und bleib auf dem Laufenden: Abonniere neue Beiträge des Hertha BSC Blogs (RSS-Feed / E-Mail)

9 Kommentare

  1. Timbo
    Am 20. September 2011 um 12:08 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Was man sagt und was man tut sind ja 2 Paar Schuhe. Ich habe schon den Eindruck, dass Babbel sich vorher gut überlegt was er sagt.
    Und wenn man in Dortmund so diszipliniert gewinnt, hat man da als Trainer nicht vielleicht einen anderen Anspruch an seine Mannschaft? Ist es nicht das Ziel eines jeden Trainiers sein Team stetig weiter zu entwickeln? Muss man von den Jungs nicht immer wieder neues fordern, damit diese einen Lernprozess durchlaufen? Es mag sein, dass dieser Schritt zu früh kam. Aber ich denke, dass diesen Versuch viele Trainer ähnlich gewagt hätten.
    Denn im Falle eines Erfolges hätte Babbel zu den Jungs gesagt: „Habt Ihr gesehen was ihr könnt? Ihr seid Favourit gewesen, Ihr habt das Spiel gedreht, Ihr habt das 2. Spiel in Folge zu Hause gewonnen.“ Wäre das nicht unglaublich gut für das Selbstvertrauen und die kommenden Spiele gewesen? Babbel hat den Poker verloren musste sich etwas anderes für seine Ansprache vor dem Auslaufen überlegen und sich selbst eingestehen, dass die Mannschaft noch nicht so weit ist. Aber der Weg zum Ziel bleibt der gleiche und ist ein guter Weg. Wer hätte es vor der Saison geglaubt, wenn man ihm gesagt hätte, Hertha ist am 6. Spieltag seit 5 Spielen ungeschlagen, hat den deutschen Meister besiegt und zu Hause gegen den VFB gewonnen und hätte man nur etwas mehr Glück gehabt, dürften ruhig 2-4 Punkte mehr auf dem Konto sein. Das wäre dann vielleicht Platz 3-4 und janz Berlin träumt von der Schüssel. Wer will das schon? Wer will das jetzt schon? Auch ich habe Demut gelernt und denke die steht uns ganz gut. Aber demütig zu bleiben fällt menthal schwer, wenn man auf einem CL-Platz steht. Ich bleibe demütig und ruhig und vertraue Babbel, dass er weiß was er tut. Wo das ganze hinführt dürfen wir im Winter erneut beurteilen. Bis dahin…

    • Daniel
      Am 20. September 2011 um 12:30 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Genau um diese Demut geht es mir ja. Vor dem Spiel war die plötzlich und unnötigerweise weg. Dass wir in der 2. Liga die Fresse aufreißen, hat mir gefallen, zumal alles andere ein Fehler gewesen wäre. Aber 1. Liga ist halt was Anderes und da ist es auch egal, ob der Gegner Augsburg oder Nürnberg heißt. Die spielen alle zurecht da oben (wie auch Hertha). Demut heißt ja nicht, sich ängstlich zu verhalten, sondern dass man (an)erkennt, dass auch alle anderen Teams (inkl. Augsburg) ihre Berechtigung in Liga 1 und in jedem Spiel die Chance auf drei Punkte haben .

  2. Klaus
    Am 20. September 2011 um 14:07 Uhr veröffentlicht | Permalink

    ich habe ehrlich gesagt das gefühl, dass babbels strategie ist, den fußball als geduldsspiel zu spielen, bei dem am ende der konditionsstarke und gut organisierte gewonnen hat. da die spieler diese einstellung ja mitbekommen, passiert oft in der ersten halbzeit nicht viel. man muss aber auch konzedieren: gegen ende schlagen sie dann wirklich gerne noch zu.

  3. Halblinks
    Am 20. September 2011 um 18:25 Uhr veröffentlicht | Permalink

    ich habe es ja schon vielfach gesagt. Wenn er sich aufregt oder missverstanden fühlt, unterstellt er allen um ihn herum (Verein, Fans, Stadt, vor allem Medien), dass sie größenwahnsinnig wären und Demut lernen müssten.
    Ich kann mich aber nach wie vor des Eindrucks nicht erwehren, dass der Trainer der Einzige ist, der diesen Demut ständig vermissen lässt, wenn er sich öffentlich äußert.
    Mir bleibt das alles ein ziemliches Rätsel. Ebenso im Übrigen, wie seine ständige Lobhudelei bezüglich Ottl.

    • Daniel
      Am 20. September 2011 um 18:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Passend dazu die Überschrift des Spielberichts aus der Süddeutschen Zeitung: „Es ottlt so vor sich hin“

  4. Am 20. September 2011 um 18:56 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hertha tut das Unentschieden gut. Klingt merkwürdig – aber es sorgt für ausreichend Balance in den Köpfen der Spieler. Gerade nach einem Sieg beim Deutschen Meister …

    • Timbo
      Am 20. September 2011 um 19:33 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Ja, am Ende war es vielleicht gar nicht schlecht, NUR 1 Punkt geholt zu haben. So lange diese 2 Punkte am Ende nicht fehlen!!!

      Als ich vor dem Spiel überall lesen musste, man würde Attacke spielen MÜSSEN, hab ich mich auch gefragt: WARUM? Wenn man seinen Stil bzw. seine Stärke gefunden hat, warum kann man dann nicht auch gegen Augsburg tief stehen und Nadelstiche setzen?

      Hier gebe ich Daniel schon recht. Ein 1:0 ist mir lieber als ein 5:5.

      Die Frage ist doch aber, ob Babbel seiner Mannschaft das selbe gesagt hat, wie das was er den Medien versucht hat zu verklickern? Wenn er vor dem Spiel in einer PK gesagt hätte, wir müssen nichts ändern, wir spielen gegen Augsburg genau so wie gegen den BVB, hätten wir dann das Spiel gewonnen? Wäre dieses anders verlaufen? Und hätten die Medien dann nicht gesagt, kein Wunder, gegen Augsburg muss man ja auch angreifen, wenn man gewinnen will?

  5. josh9
    Am 20. September 2011 um 19:47 Uhr veröffentlicht | Permalink

    vieles Richtig Daniel, doch wenn wir das Spiel nicht gegen Augsburg machen können, wie erklären sich dann die ersten 20 Minuten der 2.Halbzeit?
    Ich glaube auch, dass pomadige Überheblichkeit zu dieser 1.HZ geführt hatte, und nicht, wir können nicht Favorit sein, weil wir zu schlecht sind das Spiel zu gestalten. Denn der Gegner war ein ausgemachter 2.Ligist der harmloser kaum sein konnte.

    Im übrigen kann ich mich auch an unzählige Heimspiele unter Favre erinnern, bei denen ich in der 1.HZ fast weggepennt bin. Der Unterschied zu Favres Spielen war nur, dass man niemals solch dämliche Gegentore kassiert hatte. Ein genialer Pass von Ebert auf Lell. Tor, und das Spiel gewinnt man 1:0. Aus und fertig.

    Und Raffel ist halt Raffael. Genauso wie Ebert einfach Ebert ist. Das sind keine Weltklassespieler und das wird aus denen nicht mehr werden, ansonsten würden nicht mehr hier spielen. Damit muss man sich einfach arrangieren. Wir sind Aufsteiger und für einen Aufsteiger haben wir sehr gutes Personal, das eben auch Schwächen aufweist.
    Raffael dribbelt manchmal zu viel. Ebert verliert öfters mal per Hackentrick den Ball, aber dafür sieht man auch wieder die geile Flanke oder so ein Pass auf Lell, oder ein Hammersolo von Raffael.
    So what. Wir werden nicht absteigen und das ist das Ziel.
    Und das ist Babbels Auftrag. Wenn er den erfüllt. dann ist doch alles bestens.

  6. Blauer Montag
    Am 21. September 2011 um 17:24 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Nun, ob man dem Trainer vertraut oder misstraut, ist für mich eine Frage des Charakter und der persönlichen Lebenserfahrungen. Mir reicht schon ein Blick in das Panoptkum der deutschen Trainer, um zu sehen wieviel heiße Luft und wie wenig nachhaltige Qualität auf dem Markt ist. http://www.trainerkarussell.de

    Josh9 schrieb „Wir werden nicht absteigen und das ist das Ziel.
    Und das ist Babbels Auftrag. Wenn er den erfüllt. dann ist doch alles bestens.“

    Lassen wir also statt des Trainers einen der Spieler zu Wort kommen – zum Spiel gegen Augsburg Tunay Torun bei herthabsc.de: „In der ersten Halbzeit sind wir nicht ins Spiel gekommen, standen zu weit auseinander. In der Pause haben wir uns vorgenommen das Spiel zu drehen und das ist uns auch gelungen. Bei den beiden Standardtoren waren wir unaufmerksam und das wird in der 1.Liga bestraft. Wir hätten das 2:1 schon vorher festigen müssen. Wir können aber die positiven Dinge mitnehmen, zum Beispiel das wir nach der Halbzeit wieder zurückgekommen sind.“ Zu weit auseinander stehen heißt für mich, die Spieler liefen nicht genug, um sich als Anspielstationen anzubieten. Und deshalb denke ich – bezogen auf das letzte Heimspiel – , dass die Beschreibungen der 1. Halbzeit von @josh9 und @Klaus stimmig sind.