Holländische Hebamme

Jos Luhukays Fähigkeiten als Hebamme sind zumindest bisher noch nicht bekannt geworden. Kann ja noch kommen, irgendwann, wenn es mit dem Fußball nicht mehr klappt oder der Holländer keine Lust mehr auf Spieler hat, die sein Verständnis des Spiels nicht teilen. Man kann sich das nur schwer vorstellen, dass da ein greiser Holländer vor der Tür steht und mit seinem hinreißenden Akzent sagt: “Luhukay, guten Tag, dann wollen wir mal.” Aber groß umstellen müsste er sich nicht.

Denn “zu pressen” gehört ja zu den Lieblingsforderungen des Hertha-Coaches. Wenn die eigene Mannschaft den Ball verliert, das ist Luhukays Kreißsaal-Situation. Dann treibt er seine Mannschaft an, weniger mit lautstarken Anfeuerungen, als vielmehr im Geiste. Denn wenn bei Hertha-Spielen irgendwo im Spielaufbau ein Ball plötzlich verloren geht, dann wird bei den Blau-Weißen ein Schalter umgelegt: Pressen! Das seinen Spielern einzuimpfen, hat gedauert. Mittlerweile – es ist Oktober – haben sie es verstanden.

Wer nur selten am Trainingsplatz auf dem Gelände des Berliner Olympiastadions vorbeischaut und sich über die Pressing-Thematik Gedanken macht, der stellt sich einen Trainer vor, der Spieler in bestimmten Situationen dazu animiert, einfach mal den Ball zu verlieren. Um zu gucken, ob die anderen nicht mal wieder eine neue Dröhnung seiner Droge brauchen. Dann wird das Training angehalten, Luhukay mahnt zu höherer Aufmerksamkeit, zu mehr Aggressivität und am Ende natürlich: zum pressen! Anschließend wird das Spiel fortgesetzt und die Spieler – das ist sicher – atmen nach dem Training so schnell, wie es Schwangeren immer empfohlen wird.

Wenn man so will, hat der ehemalige Gladbach- und Augsburg-Coach mit seinem aktuellen Team ja auch ein Neugeborenes zur Welt gebracht. Eins mit besten Genen, das – wenn es hart an sich arbeitet – großes Erreichen kann. Aber auch eins, das – wenn es sich hängen lässt – ganz schnell auf die schiefe Bahn gerät. Luhukay sorgt dafür, dass das nicht passiert. Er ist nicht nur Hebamme, sondern auch Tagesmutter.

Als solche steht er mit seinem Baby vor seiner ersten richtigen Prüfung. Beim Derby gegen Union haben sie die Einschulung ja mit Bravour über die Bühne gebracht. Jetzt kommt es in Braunschweig zu den ersten richtig schweren Klassenarbeiten. Zeit zur Vorbereitung war genug vorhanden, Bochum war ein Zwischenspiel zur Vergewisserung des richtigen Weges.

Dass zwischendurch nochmal ein bisschen Ballast abgeworfen wurde – Kevin Pezzoni wird demnächst ganz bestimmt irgendwo seine Stammplatzgarantie erhalten – und der Verein sich bei den Hardcore-Fans beliebt macht (völlig zurecht übrigens), kann der Stimmung im gesamten Umfeld nur gut tun.

Denn eine positive Grundstimmung ist wichtig, um in Braunschweig zu bestehen. Der Tabellenführer der 2. Liga hat dort seit Saisonbeginn noch keinen einzigen Punkt abgegeben. Es wird Zeit, das sich das ändert. Und nach den letzten Hertha-Auftritten ist das auch gar nicht so unrealistisch. Wenn die Berliner den Ball haben, wird es oft gefährlich vor dem gegnerischen Tor.

Und wenn sie ihn verlieren, erscheint im Hinterkopf immer diese holländische Hebamme: “Luhukay, guten Tag, dann wollen wir mal!”

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Hertha BSC und getagged , , , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Momentan ist weder das Kommentieren noch das Setzen eines Trackbacks möglich.
  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

    Ich würde mich freuen, deine Meinung zum Artikel zu erfahren. Schreib doch einen Kommentar und diskutiere mit!

    Und bleib auf dem Laufenden: Abonniere neue Beiträge des Hertha BSC Blogs (RSS-Feed / E-Mail)

Ein Kommentar

  1. Schoddie
    Erstellt am 22. Oktober 2012 um 22:16 | Permanent-Link

    Sehr geil! Toller Blog! Witzig und doch so wahr.

2 Trackbacks

  1. [...] Der “Hertha Blog” sieht im eigenen Trainer eine “Holländische Hebamme“. [...]

  2. [...] Holländische Hebamme [...]

  • Hey, was geht ab?

    Drei Berliner kommentieren ihre Erlebnisse als Herthaner in Dortmund, Bielefeld/Bremen und Berlin. Polyvalent, kritisch - Hertha! Folglich kommen wir über das geschriebene Wort ins Spiel. Ein Thema, drei Perspektiven und nur manchmal einer Meinung. Mehr...
  • Facebook, Twitter, Newsletter

    Du bist bei Facebook? Werde gemeinsam mit 524 anderen ein Fan des Hertha-Blogs!
  • Luhukay Fan-Shirts

    1,width=280,height=280
  • Mobile Version

    m.hertha-blog.de, optimiert für mobile Endgeräte!
  • Letzte Kommentare

    • Zu: Leise Zweifel trotz starker Transfers (3)
      • Daniel: Absolut möglich, dass ich hier mal wieder in die Glaubwürdigkeits-Falle getappt bin und Lasogga für einen...
      • Rayson: “Unzähliger” sollte das natürlich heißen. Und die Liste könnte auch mit “A” wie Alves...
      • Rayson: Nach allem, was man zuletzt so über das Verhältnis von Hertha und Lasogga lesen durfte, gibt es genau einen...
    • Zu: Hört mir auf mit Europa (6)
      • Rayson: Kein Widerspruch! Für eine Mannschaft, die eher über ihre Verhältnisse spielt und daher in die Nähe dieser...
      • Halblinks: 100% Zustimmung. Europa braucht (zur Zeit) kein Mensch! Es ist doch auch fatal und widerspricht nicht erst...
      • boRp: Danke. Vollkommen richtig. Jede Woche bete ich das beim Konferenzgucken runter, wieviele Punkte Hertha noch auf...
    • Zu: Tops und Flops der Hinrunde (2)
      • Pinsty: Zu deiner ersten Frage: Ja! Ich bin mehr bei “fantastisch”, “großartig”....
  • Top Kommentatoren

  • Letzte Artikel